»Oder wohl gar Montechristo! Liebster Doctor, das ist altmodisch. Mir kommt er wie einer unserer neuesten adeligen Gründer vor. Wenn er einen vornehmen Namen trägt, könnte er glänzende Geschäfte machen.«

»Im Ernst?«

»Sehen Sie ihn nur genauer an, der wird nicht allein den Frauen, sondern auch den Männern gefährlich.«

Im anderen Sinne, als sie es meinte, war die Bemerkung nur allzu richtig. Also hatte ich mich doch nicht ganz getäuscht, etwas Dämonisches oder Magnetisches war um diesen Herrn von Lüttow. Blutgeruch, würde mich Bastian unterbrochen haben, wenn er die dumpfe Sprache meines Innern hätte vernehmen können, gar keine Schwebelei und Mystik, sondern ein realer Todtschlag. Im Uebrigen ging die Vorstellung ohne jede Störung vorüber; ich glaube nicht einmal, daß Elsa ihren schrecklichen Liebhaber erblickte: in ihrem Spiel wurde weder eine Spur ihres Leidens noch irgend einer Angst oder Sorge sichtbar. Beruhigten Gemüths verließ ich das Theater; es war mir sogar nicht unangenehm, daß er mich draußen unter dem Portal erwartete. Ich hatte eine solche Begegnung vermuthet, und es dünkte mich das geringere Uebel, daß ich mit ihm zusammengerieth, als daß er Elsa aufs Neue erschreckte. Gerade unter einer Laterne standen wir uns gegenüber, unsere Gesichter hell beleuchtet.

»Mein Herr Medicinalrath,« sagte er nach höflichem Gruß halblaut, zwischen Zischen und Knirschen, wie einer, der mit Spott und Wut kämpft, »nicht das Alter noch die Wissenschaft schützen vor gewissen Thorheiten, vielleicht thut es die Erkenntniß der Gefahr, die zuweilen mit Narrenstreichen verbunden ist. Nichts für ungut darum, wenn der jüngere Mann den älteren warnt. Verbrennen Sie sich nicht an diesem Feuer, es kostet mehr als die Finger.« Nun aber schäumte doch der Zorn über das Wehr scheinbar kühler Ironie: »Dies Weib gehört mir,« brach er mit bebender Stimme aus, die in ihrem Flüsterton noch unheimlicher klang, »mir allein, Niemand darf daran rühren! Bedenken Sie's wohl!«

Und fort war er, in dem Gedränge der Menschen, der heran- und hinwegfahrenden Wagen, in der Dunkelheit der Straße entschwunden – er mochte gefürchtet haben, bei meiner Antwort seiner selbst nicht mehr Herr zu bleiben, und hatte die Entfernung einem ärgerlichen Auftritte vorgezogen.

Ich hatte Muße vollauf, über den Vorfall während der Fahrt nach meiner Wohnung nachzudenken. Ein wunderlicher Kauz, wenn nicht gar ein wahnsinniger. Die Festungshaft hatte in keiner Weise seine Eifersucht abgekühlt. Neu war mir nur die Beobachtung, daß sich die Wut nicht gegen Elsa richtete. Wenn es sich um ein Liebesabenteuer handelte, konnte ich ihm schwerlich bei seiner Schönen hinderlich werden, selbst mit meinem besten Willen nicht, und wenn ihn die Schöne zurückwies, was half es ihm, daß er mich gewaltsam von ihr entfernte? Freilich, wer wird bei einem Verliebten nach Verstandesgründen suchen? Der Trieb stößt den Bewußtlosen vorwärts; ein Priester hat einmal in solcher Raserei alle Bewohner des Hauses getödtet, in dem sich die Person, die er liebte, aufhielt. Das ist keine angenehme Aussicht für die Arme, die eine solche Leidenschaft entzündet hat; sehr begreiflich, daß dieser Herr von Lüttow bei meiner Nachbarin mit seiner Werbung kein Glück gehabt hat. Um so mehr war es die Pflicht eines Mannes, eines Arztes, sie zu beschützen. Ihm gehörte sie? Nach welchem Rechte? Sie war doch weder seine Sklavin noch seine Frau. Und wie die Dinge lagen, konnte er nicht einmal die Gewalt des Stärkeren geltend machen. Ihm gehörte sie? Oder hatten die Worte einen verborgenen Sinn? Gleichviel – ihr Widerstand war hier das einzig Entscheidende, und ich that recht, sie darin zu bestärken und vor seinen Nachstellungen zu schirmen. So scharf ich auch Einblick in meine Empfindungen hielt, ich konnte keinen selbstsüchtigen Beweggrund meines Handelns entdecken; was mich bestimmte, war das Mitleid, höchstens empfing es von dem Zauber, den Elsa's Stimme auf mich ausübte, eine wärmere Färbung.

An jenem Abend und noch in den nächsten Tagen hätte ich für die ungetrübte Reinheit meines Gefühls einstehen wollen, es war kein unlauterer Zusatz darin. Aber wie lange kann die Empfindung des Mitleids einem schönen Mädchen gegenüber sich frei von Wünschen und Hoffnungen bewahren? Zuerst stellte sich das Verlangen ein, über die Freundschaft hinaus ein vollgiltiges, von Allen anerkanntes Recht zu Elsa's Schutze zu haben. Denn verhielt sich auch Lüttow, im Widerspruch zu seinem ersten Auftreten, ruhig, an vielen Zeichen war zu erkennen, daß er uns beobachtete. Nicht allein, daß er jeder Vorstellung Elsa's beiwohnte: auf der Promenade begegnete er ihr; fuhr sie aus, erschien er zu Pferde und ritt in gemessener Entfernung neben oder hinter ihrem Wagen einher. Er versagte es sich, sie anzureden, er grüßte nur: allein dieser Gruß war hinreichend, um die Arme zu beunruhigen. Was du auch thust, schien er zu sagen, ich weiß darum, ich bin da. Es giebt nichts Peinlicheres, als unter dem Zwang einer geheimen Aufsicht zu stehen, die man kennt, von der man sich nicht zu befreien vermag, und über deren Dasein man immer von neuem erschrickt. Der einmal nervös erregten Elsa schien Lüttow allgegenwärtig zu sein; wenig half es, daß ich ihr vorstellte, wie alle diese Begegnungen zufälliger Art sein könnten, daß vielleicht in dem Zusammenhang der Dinge gerade ihre Furcht, mit ihm zusammenzutreffen, ihn herbeiriefe. Die Ahnung der Unfreiheit peinigte sie mehr, als irgend eine Besorgniß vor einer gewaltthätigen Handlung des seltsamen Menschen. Auf den Brettern, in der Bewegung und Hast des Spieles, inmitten ihrer Kameraden war sie unbekümmerter und gelassener; »bin ich aber allein in meinem Zimmer, mit meinen Gedanken, ergreift mich die Angst,« gestand sie mir. »Plötzlich, wenn ich lese oder eine Rolle lerne, glaube ich die Thür sich öffnen, die Vorhänge sich auseinanderschieben zu hören – eine Weile wage ich nicht aufzublicken, der Schrei des Schreckens bleibt mir in der Kehle stecken, bis der Schauer vorüber ist.«

Es war an einem ihrer freien Abende, und sie hatte mich bitten lassen, eine Tasse Thee bei ihr zu trinken. Sie ging selten in Gesellschaften, sei es, weil sie eifrig studierte oder ihre angegriffene Gesundheit schonen wollte; Wenige kamen zu ihr – die Collegen, ein und ein anderer junger Poet, einige Damen. Bei ihrer Jugend mußte ihr da wohl zuweilen die Einsamkeit lästig fallen und auf ihre Phantasie einen nicht günstigen Einfluß ausüben. Nichts war darum natürlicher, als daß sie bei mir Unterhaltung und Zerstreuung suchte. Ich war eine neue Bekanntschaft, aus einem anderen Lebenskreise, überdies eine ungefährliche. – Also wir saßen zusammen, das Zimmer war hell erleuchtet, sie liebte viel Licht; draußen fegte der Herbstwind durch die stille Straße und trieb den Regen in bestimmten Zeiträumen klatschend gegen die Fensterscheiben.

»Aber wie hat sich nur diese unglückselige Verbindung angeknüpft?« fragte ich im Laufe des Gespräches. »Nicht, daß ich mich in Ihr Leben eindrängen will, aber man löst den Knoten leichter, wenn man weiß, wie er sich schürzte.«