»Warum sollten Sie es nicht wissen, mein verehrter Freund,« entgegnete sie. »Giebt es doch nichts, was ich zu verbergen hätte. Ohne den Charakter des Herrn von Lüttow wäre es die einfachste Geschichte, die jeder Schauspielerin passirt. Vor zwei Jahren spielte ich in Königsberg. Ich gefiel meinem Direktor und einem Teil des Publikums, aber es gab auch eine starke Partei, die mir nicht wohl wollte. Ich, die Anfängerin, hatte die Kühnheit, eine erfahrene Künstlerin aus ihrem Rollenfache zu verdrängen – einzig, weil ich jünger und hübscher war. Ach! Sie haben nie erfahren, was Theaterneid und Theatereifersucht bedeuten. So oft ich mit meiner Nebenbuhlerin spielte, hatte sie den Beifall und die Kränze; meine Freunde wurden von ihren Anhängern überstimmt. Sie war seit Jahren in der Stadt ansässig, mit vielen Familien bekannt; ich kam aus einer anderen Provinz, aus anderen Lebensgewohnheiten und hatte zunächst keinen Umgang und keine Stütze als bei einigen meiner Genossen. So verdrießlich und peinlich waren diese Verhältnisse, so viel Thränen hatte ich schon darüber vergossen, daß ich den Beschluß gefaßt, meinen Kontrakt zu lösen und auf einer anderen Bühne mein Heil zu versuchen, als ein Abend mein Schicksal änderte. Damals hielt ich es für eine Wendung zum Glück! Was sind wir doch für kurzsichtige Eintagsgeschöpfe mit unendlichen Plänen und Hoffnungen! Emilia Galotti wurde aufgeführt, ich war die unglückliche Emilia. Man hatte mir gesagt, daß meine Gegnerin gerade in dieser Rolle ein Meisterstück geleistet hätte, daß es thöricht und übermütig von mir wäre, gerade hier den Kampf mit ihr aufzunehmen – ich wußte im Voraus, daß mir an diesem Abend nichts gelingen würde. Das Haus war dichtgedrängt voll von Zuschauern; mich dünkte es, als wären die meisten aus boshafter Absicht gekommen, meinen Fall mit anzusehen. Den Schrecken Emiliens, bei ihrem Auftreten, hat vielleicht nie eine Schauspielerin natürlicher dargestellt als ich, nur floh ich den Feind nicht, sondern mußte ihm entgegengehen. Ein Zischen empfing mich, das nur mühsam zur Ruhe gebracht wurde, die Versammlung war aufgeregt; als ich mich nach einer tödtlichen Viertelstunde endlich zum Abgehen wandte, das Schlimmste erwartend, erhob sich ein lauter Beifall, ein anhaltendes Händeklatschen, in dem das Gezisch verhallte, ich wurde hervorgerufen – ein-, zweimal, mit thränenfeuchten Augen blickte ich umher. In einer der vordersten Logen, hart an der Bühne, saßen mehrere Offiziere der Garnison: einer war aufgestanden und klatschte wie toll, es war Herr von Lüttow. Es war natürlich, daß ich bei meinem Auftritt im anderen Akte dankbar nach meinem Ritter hinüberschaute. Wie eine Erinnerung dämmerte es in mir auf, daß ich ihn schon einmal gesehen hätte – es war eine schmerzliche Erinnerung. In der Leidenschaft des Spieles bekümmerte ich mich nicht um das unangenehme Gefühl, aber um so stärker kehrte es mir zurück, als ich in einer schlaflosen Nacht die Ereignisse des Abends überdachte. Wohl war ich stolz und glücklich über meinen Erfolg, er hatte nicht nur über meine Stellung an diesem Theater, sondern überhaupt über meine künstlerische Laufbahn entschieden. Manche Zweifel, die in mir aufgestiegen waren, hatte der Beifall verstummen lassen. Sie würden mich auslachen, verehrter Freund, wenn ich Ihnen meine damaligen ehrgeizigen Gedanken beichten wollte, da so wenig von ihnen in Erfüllung gegangen ist. In meine Freude mischte sich indeß ein Tropfen Wermut; es verdroß und ängstigte mich, daß Herr von Lüttow einen so großen Anteil an meinem Triumphe gehabt hatte. Nicht, daß ich jemand zu Dank verpflichtet war – daß ich es ihm war, beunruhigte mich. War es schon eine Ahnung von dem Unheil, das er mir bereiten würde, die sich in mir regte? Ich suchte mir damals jene Empfindung aus einer Art von Scham zu erklären. Vor zwei Jahren hatte mich Herr von Lüttow unter anderen, unter glänzenderen Verhältnissen kennen gelernt. Es war in einem Badeort gewesen, mein Vater lebte noch. Ich galt für eine reiche Erbin und gab in meinem Kreise den Ton an. Es ist bitter, dann als arme Schauspielerin einem früheren Verehrer zu begegnen; Sie müßten ein Weib sein, um mich ganz zu verstehen, lieber Doctor – ein Weib, das plötzlich einem Manne Dankbarkeit schuldet, dessen Huldigung sie bisher übermütig zurückgewiesen hat, das von den Höhen des Reichthums in die Unsicherheit eines zweideutigen Standes hinabgestürzt, dem vornehmen Manne gegenübersteht. Daß mir gerade das Künstlerthum einen romantischen Zauber in seinen Augen geben könnte, fiel mir nicht ein. Ich fand mich durch das Unglück meines Vaters in meinen Augen gedemütigt, ich fürchtete mich vor der Erzählung unseres Sturzes, vor dem Aufreißen kaum vernarbter Wunden. So mischte sich von vornherein in mein Verhältniß zu Herrn von Lüttow ein Element der Pein und des Unbehagens, das zu verbannen vermutlich selbst der zärtlichsten Liebe schwer geworden wäre.«
Erst nach einer Pause, in der sie still vor sich hin auf den Teppich geblickt hatte, fuhr sie fort: »Und ich liebte ihn nicht. Nein,« wiederholte sie mit Heftigkeit, als ob ich oder eine geheime Stimme ihres Herzens ihr widersprochen hätte, »ich liebte ihn nicht. Seine Gegenwart drückte mich, seine Blicke, die mich unablässig verfolgten, schüchterten mich ein. Mir fiel immer der Jäger ein, der auf dem Anstand das arglose Thier erwartet, bis es ihm in den Schuß kommt. Nun bin ich freilich nicht ohne Schuld, ich hätte auch als Schauspielerin ihm gegenüber die Rolle weiter spielen sollen, die ich als Weltdame gegen ihn angenommen. Mein Herz hatte sich in den zwei Jahren nicht zu seinen Gunsten gewandelt, aber ich hatte meinen Trotz, meinen Uebermut verloren. Arm geboren, in den Entbehrungen der Not, in den Kämpfen um das armselige Leben groß geworden sein, mag den Charakter stählen und dem Menschen durch Willenskraft ersetzen, was es ihm an anmutigen Formen raubt. Aber durch einen einzigen Wetterschlag aus der Sorglosigkeit des Wohlstandes auf das Schlachtfeld des Daseins geworfen werden, der Armut ins hohle Antlitz sehen, Entbehrungen erleiden und Forderungen sich fügen müssen, vor denen wir in unserem Glücke zurückgeschauert wären, wie vor der Berührung des Todes – das kann wohl den Mut auch des Stärksten herabstimmen. Und ich war ein Mädchen; froh genug, daß ich mich so weit emporgekämpft, ohne den Stolz der Seele eigenwillig ganz zerbrochen, ohne ihn ganz durch das Verhängniß verloren zu haben! Wie hätte ich die Hand eines Freundes in meiner Lage zurückstoßen können? Auch vermied er in der ersten Zeit nach der Wiederanknüpfung unserer Bekanntschaft jede heftigere Annäherung und jede Anspielung auf die Vergangenheit, die mich hätte verletzen können. Er war voll ritterlicher Zurückhaltung und schien die schiefe Stellung, in die ich durch das Unglück zu ihm gerathen war, achten zu wollen. Wäre ich ein Theaterkind oder eine echte Schauspielerin gewesen, die nicht nur auf der Bühne Komödie spielt, sondern unwillkürlich und unbewußt ihr ganzes Leben zu einer Reihe von Komödienscenen ausbildet, wie leicht, wie angenehm hätte sich mein Verhältniß zu Lüttow gestaltet. Er war ganz der glänzende Kavalier, mit dem eine Schauspielerin gern eine Weile ein Liebesabenteuer hat. Ich aber hatte wohl aus dem Drange der Not und in einem dunklen Triebe die Bühne betreten, doch Schauspielerblut hatte ich nicht in den Adern. Noch immer betrachtete ich die Welt mit den Augen eines gebildeten, sittsam erzogenen Mädchens, einer jungen Dame der besten Gesellschaft – damals noch mehr wie heute, mein verehrter Freund, muß ich leider hinzusetzen. Meine Colleginnen beneideten mir die Eroberung des reichen Offiziers; sie begriffen nicht, daß ich nicht mit beiden Händen zugriff oder ihn nicht, wenn ich nun einmal einen unbesieglichen physischen Widerwillen gegen ihn empfände, entschlossen von mir entfernte. Der ersten Entscheidung widersprachen mein Herz und meine Lebensanschauung, zu der anderen fehlte mir der Muth. Denn inzwischen hatte sich Lüttows Benehmen gegen mich in einer Weise geändert, die mir die lebhaftesten Besorgnisse einflößte. Er war zudringlich und herausfordernd geworden, seine Huldigung äußerte sich in so auffälligen Zeichen, daß bald die ganze Stadt von seiner Leidenschaft sprach. Diese Ständchen, diese Blumen, diese Geschenke trieben mir die Schamröthe in die Wangen und brachten mich außer Fassung. Es half nichts, daß ich sie ihm verbot, daß ich ihm drohte, jede Beziehung zu ihm abzubrechen: er lachte darüber. Ich sei eben eine Festung, die regelrecht belagert und bestürmt werden wolle, das sei ihm neu und unterhalte ihn, behauptete er. Wie lange sich der kleine Krieg zwischen uns hätte hinziehen können? Ich weiß es nicht; die spöttischen Reden seiner Kameraden über die Nutzlosigkeit seiner Bemühungen erregten schließlich einen so großen Zorn in ihm, daß er ein Ende zu machen beschloß. Ich hatte einige leidenschaftliche Auftritte zu erdulden, aber ich beugte mich nicht. Seiner Verfolgungen und Liebeserklärungen müde, schloß ich ihm meine Thür und forderte von meinem Direktor meine Entlassung. Es war mir nicht möglich, mit diesem Wilden in derselben Stadt zu wohnen. Nun legte er sich auf das Bitten und Schmeicheln; einsehend, daß ich niemals seine Geliebte werden würde, bot er mir seine Hand an. So groß war seine Leidenschaft, oder seine Eitelkeit so blind, daß er meine Abneigung gegen seine Person nicht für möglich hielt und meinen Widerstand einzig aus moralischen Gründen erklärte. In denkbar maßvollster Weise antwortete ich ihm; nachdem ich ihm die Hindernisse auseinandergesetzt, die sich seiner Verbindung mit mir widersetzten, deutete ich leise die Verschiedenheit unserer Charaktere an, die auch innerlich eine dauernde glückliche Verbindung zwischen uns ausschlösse, und bat ihn, nicht ferner meine Ruhe zu stören und mich ziehen zu lassen. Große Hoffnungen hegte ich freilich nicht von meiner Vernunftpredigt, aber ich war doch weit entfernt, den leidenschaftlichen Ausbruch zu ahnen, den sie hervorbrachte. Mit zweien seiner Freunde erschien er plötzlich in meiner Wohnung und erklärte mir vor ihnen, als seinen Ehrenzeugen, daß er mich heiraten wolle, ich müsse einwilligen. Nur mit Mühe konnten die Herren den Tobenden beschwichtigen. In meiner Herzensangst, eben so sehr um ihn wie um mich besorgt, that ich jetzt einen Schritt, der die Qual und der beständige Stachel meines Lebens geworden ist – er hat den Tod eines Unschuldigen verursacht.«
»Sie Aermste!« suchte ich zu trösten. Ich empfand in diesem Augenblick, wie ich sie so aufgeregt von den schmerzlichsten Erinnerungen sah, einen tödtlichen Haß gegen diesen Lüttow und wünschte mir Riesenkräfte, ihn zu bändigen.
»Ich schrieb,« nahm Elsa ihre Erzählung wieder auf, »einen Brief an einen der Herren, die Zeugen jenes Auftrittes gewesen waren, einen Jugendfreund Lüttows und seiner ganzen Familie, und ersuchte ihn, mir eine Unterredung mit der Schwester Lüttows zu vermitteln, die einen großen Einfluß auf ihn ausübte und in der Nähe der Stadt mit einem Gutsbesitzer verheiratet war. Herr von Sternberg kannte mein ganzes Verhältniß zu seinem Freunde; ich hatte ihm gestanden, daß ich Lüttow nicht lieben könnte – ich rief ihm in dem unglückseligen Briefe Alles, was zwischen uns verhandelt worden war, ins Gedächtniß zurück: so wie er mich kennen gelernt, möchte er mich der edlen Frau, deren Schutz ich anflehte, schildern. War es ein tückischer Zufall, war es eine Unvorsichtigkeit Sternbergs – Lüttow erhielt Kunde von diesem Briefe; um sich zu rechtfertigen, übergab ihm Sternberg meine Zeilen – die Folge war ein Duell. Lüttow glaubte sich von dem Freunde verraten und betrogen; er traf ihn ins Herz. Was ich dabei gelitten, erlassen Sie mir Ihnen zu sagen. Mein Aufenthalt in der unseligen Stadt dauerte zum Glück nicht lange mehr. Von Lüttows Verfolgungen war ich befreit, er saß auf der Festung, aber unablässig verfolgte mich das Bild des unschuldig Gemordeten. Noch jetzt sehe ich es vor mir, die treuen, guten Augen vorwurfsvoll auf mich gerichtet – nie wird es mich zur Ruhe kommen lassen.«
Neunmal – hart und scharf schlug im Nebenzimmer die abscheuliche Uhr. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und weinte bitterste Thränen.
An dem Abend sprachen wir noch lange über die Launen des Schicksals, über das dämonisch Unerklärliche der Leidenschaft in kühler Verständigkeit und kamen darin überein, daß es für die Heiterkeit und Ruhe des Daseins am besten sei, sich früh bescheiden zu lernen. Da selbst die Befriedigung der Leidenschaft wohl entzücke, aber nicht beruhige und nur Unlust und Ermüdung zurücklasse, wozu diese Qual? Ob es aber überhaupt dem Menschen möglich sei, sein Herz zu bändigen? fragte sie dazwischen. Ob der dunkle Trieb nicht stärker sei, als der bewußte Wille, und sogar denjenigen fortrisse, der in lichten Augenblicken das Gefährliche und Selbstmörderische eines überwältigenden Dranges der Liebe oder des Ehrgeizes erkenne? Ich war nahe daran, ihr eine Geschichte aus meinen jungen Jahren zu erzählen, in der sich, wie ich wenigstens glaube, meine Entsagungsfähigkeit der Versuchung gegenüber heroisch bewährt hatte – aber eine innere Stimme sprach dawider, mit meinen fünfzig Jahren erschien es mir beinahe geckenhaft, von einem sentimentalen Liebesabenteuer zu sprechen. Noch dazu einer Schauspielerin gegenüber! Auch war es über unseren philosophischen Betrachtungen spät geworden und wünschenswerth, daß jeder die Gedanken, die in ihm aufstiegen, still für sich und in sich ausklingen ließe.
An der Wahrheit der Geschichte Elsa's gab es in keinem Punkte einen Zweifel; vielleicht, sagte mein Argwohn, ist sie nicht immer in ihrem Benehmen vorsichtig genug gewesen und hat Erwartungen erweckt, deren Nichterfüllung den hitzköpfigen Lüttow eine Beleidigung zu sein dünkte. Das ist aber auch Alles, ohne Schuld ist sie dem Verhängniß verfallen. Dennoch war es nicht dieser Teil ihrer Erzählung, der mich am meisten beschäftigte; ihr Vorleben, ehe sie die Bühne betreten hatte, die halb verlorenen Andeutungen, die sie darüber gemacht, nicht, wie ich es wohl gemerkt, ohne sich einen gewissen Zwang anzuthun, der schmerzliche Rückblick auf eine schönere Vergangenheit zogen meine Gedanken wie magnetisch an und verlockten meine Phantasie in den Irrgarten der Möglichkeiten. Dazu gesellte sich eine Art selbstgefälligen Stolzes über meine Menschenkenntniß; hatte ich doch gleich an dem ersten Abend, wo ich sie spielen gesehen, die Vermutung gehabt, daß sie ursprünglich einem anderen Lebenskreise als dem des Theaters angehört habe. Allein was gingen mich die Verhältnisse meiner Nachbarin an? Was hatte ich dieselben bis zu ihren tiefsten und geheimsten Wurzeln zu verfolgen? Wollte ich sie wieder von der Bühne entführen? Sie ihrem früheren Dasein zurückgeben? Gewiß, das wäre ein Weg gewesen, der sie für immer von Lüttow getrennt hätte. Zwischen einem unternehmenden Manne und einer Schauspielerin ist die Hälfte der Schranken gefallen, die sonst in der gebildeten Gesellschaft die beiden Geschlechter trennen. Aber ihre Eltern waren todt, ich kannte nicht einmal ihre Namen. Hatte sie noch Verwandte? Wußten, wollten sie noch etwas von der Schauspielerin wissen? Und dann erschien auf dem Hintergrund all dieser Hypothesen, sie alle vernichtend, ein ernstes, finsteres Antlitz: die Not. War es möglich, ihr durch einen Zauberspruch die eingebüßten Glücksgüter wieder zu verschaffen, sie wieder von dem Schlachtfeld des Daseins in die idyllische Behaglichkeit des Reichtums zu versetzen? Wenn sie einen reichen Mann heiratete – ja, wohin verlor ich mich? Hatte ich für sie zu sorgen und in die Wahl ihres Herzens ein Wort mit darein zu reden, als Oheim, als Bruder, als Vater? Mitleid sollen wir mit allen Geschöpfen haben – und wohin hatte mich das Mitleid für Elsa schon geführt, wohin drohte es mich noch zu führen! Ja, wenn sie dich lieben könnte – noch hatte ich Kraft und verständige Ueberlegung genug, um diesen Einfall blitzschnell, wie er in mir aufgetaucht war, auch wieder zu verbannen.
Eine Weile war ich der Schönen und meinem eigenen Herzen gegenüber auf der Hut und glaubte, daß Alles zwischen uns in dem gewohnten Geleise bleiben würde. Der Unterschied des Alters, der Widerspruch der Stellung und der Lebensaufgabe, die Verschiedenheit des Empfindens machten sich oft so scharf und einschneidend geltend, daß ich in eine trügerische Ruhe gewiegt und über die Natur meines Gefühls getäuscht wurde. Wie es mit ihr in dieser Hinsicht stand, war für meinen geringen Scharfsinn nicht zu entdecken. Der Verkehr mit mir unterhielt sie und regte sie angenehm an. Eine Fülle von Dingen, die sie mit ihren Kameraden nicht besprechen konnte, ihre Vergangenheit, die Bildung, die sie genossen, der Drang, ihre Kenntnisse auszubreiten, wünschten sich zu offenbaren und forderten ein Ohr und ein Herz für sich. Vermutlich wäre ihr der jüngere Freund der willkommenere gewesen, aber einen gewissen Ersatz bot ihr doch auch der ältere Mann. Mit herzlichem Vertrauen, mit harmloser Heiterkeit trat sie mir entgegen, beinahe ganz streifte sie im Gespräch mit mir die Schauspielerin ab und zeigte sich als ein kluges, liebenswürdiges Mädchen, durch das Unglück geläutert und über viele Nichtigkeiten des gesellschaftlichen Treibens erhaben. Für mich hatte der Gegensatz ihres inneren und äußeren Lebens einen unbeschreiblichen Reiz. Niemals hatte das Komödiantische mich bisher anzuziehen vermocht; sorgfältig war ich einer persönlichen Bekanntschaft auch mit den berühmtesten Künstlern aus dem Wege gegangen; ich fürchtete das Unwahre in ihnen. Nun erschien mir unerwartet in Elsa eine Schauspielerin, an der das Herz wahr und nur die Maske eine Lüge war, deren echte Weiblichkeit sich halb wider Willen in eine phantastische Vermummung hatte hüllen müssen.
Wie lange die Dinge in dieser Weise ohne Entscheidung hätten fortlaufen können? Jetzt scheint es mir so, als hätte einzig der Zufall eine vorzeitige Krisis herbeigeführt, aber vielleicht war der Zufall nur der Drang und Trieb des Herzens. Auf die Dauer läßt sich ein sogenanntes Freundschaftsverhältniß zwischen einem Mann und einem Weibe, die beide keine Pflicht zurückhält und keine Neigung bindet, nicht aufrecht erhalten; der Unterschied der Jahre, der Stellungen wird mit jedem Tage im gemeinsamen Verkehr geringer; endlich tritt der entscheidende Augenblick ein, wo Beide einander in die Arme fallen oder das Eine erschrocken vor dem Anderen zurückflieht. – Wie war es nur möglich, daß wir uns dahin verirrten? Zwei ganz veränderte Gesichter starren sich an. Und was ist im Grunde geschehen? In dem Einen ist die Skala der Empfindung um ein Kleines gestiegen, und diese Steigerung hat in den Gefühlen des Anderen eine hochgradige Abkühlung erzeugt. Dies aber ist doch immer von natürlichen Gesetzen abhängig, die darum, weil uns ihre Wurzeln verborgen sind, nichts von ihrer Folgerichtigkeit und Verständlichkeit verlieren. Zwischen Elsa und mir indessen that sich etwas Unerwartetes, Seltsames auf.
In den zwei Monaten unseres Verkehrs war sie schon so vertraut mit mir geworden, daß sie kaum ein Geheimniß vor mir hatte und mir all ihren Aerger und ihr Vergnügen vor und hinter den Coulissen erzählte. Ich meinerseits versäumte beinahe keine ihrer Vorstellungen; anfangs hatte ich mich geschämt, so oft das Theater zu besuchen – ich glaubte, jeder im Saale müsse es mir ansehen, daß ich allein Elsa's wegen käme –, zuletzt nahm ich meinen bestimmten Platz mit gelassener Unbefangenheit ein. Der Reiz, sie zu sehen, war eben stärker, als der mögliche Verdruß, darüber geneckt zu werden. In Wirklichkeit achtete auch niemand sonderlich auf mich. Und wenn ich sie heiratete, dachte ich, würde es eben so wenig Anstand erregen. Ein halbes Dutzend Leute machten vielleicht ihre guten oder schlechten Witze über mich, nach vierzehn Tagen würde niemand mehr davon sprechen. Ist man einmal auf einem Abhang ins Gleiten gekommen, geht es immer schneller bergunter.