»Raten Sie, mit wem ich gestern zusammen war?« fragte sie mich eines Tages. »Sie merken mir nichts an, keine ungewöhnliche Aufregung, keinen stärkeren Herzschlag? Und dennoch – gestern in der Gesellschaft bei unserem Direktor, die ich nothgedrungen mitmachen mußte, habe ich Herrn von Lüttow getroffen.«

»Lüttow!« fuhr ich auf. Wohl hatte ich beständig an ihn gedacht, aber wie es der Zufall so fügt – in der großen Stadt waren wir uns Beide seit jenem Abend nicht wieder begegnet.

»Und nun wollen Sie wissen, wie Alles zugegangen,« sprach sie munter weiter. »Sie brennen vor Neugierde, lieber Freund. Ueber Erwarten gut und friedlich. Als ich seiner zuerst ansichtig wurde, glaubte ich in die Erde sinken zu müssen. Eine Weile glich ich einer Bildsäule, so starr und regungslos stand ich da. Es brauste mir vor den Ohren; ich war nicht im Stande, ein einziges Wort zu äußern, einen einzigen Schritt zu thun. Aber ganz gegen seine Gewohnheit verhielt sich Lüttow still und ruhig; er machte mir aus einiger Entfernung eine tiefe Verneigung und begnügte sich während des Abends ein paar gleichgiltige Worte an mich zu richten. Auch als ich ging, drängte er sich nicht an mich heran: er blieb noch in der Gesellschaft, nur seinen finstern Blick fühlte ich auf mich gerichtet, als ich das Zimmer verließ. Dieser Blick verfolgte mich, bis ich in meinem Wagen saß; erst da hatte ich das vollkommene Gefühl der Freiheit und Sicherheit, allein gegen meine Befürchtungen gehalten, war dies erste Zusammentreffen harmlos genug. Was meinen Sie, lieber Freund, sollte endlich bei Lüttow der Verstand gesiegt haben? Zeit wäre es,« setzte sie mit einem ein wenig gefallsamen Lächeln hinzu, »er und ich – wir sind längst über die Kinderjahre hinaus.«

Ich weiß nicht – etwas in ihrer Erzählung gefiel mir nicht, etwas, das nicht ausgesprochen wurde und das mir doch in den Worten zu liegen oder darüber zu schweben schien. »Herr von Lüttow geheilt?« sagte ich mit größerer Schärfe, als die Sache verdiente. »Sie können es nicht im Ernste glauben, meine Freundin. Unter so vielen auf ihn gerichteten Augen konnte er sich Ihnen wohl nicht anders als in den vorgeschriebenen Formen der Höflichkeit nähern. Nein, so leichten Kaufs werden Sie nicht von ihm befreit werden. Er Sie aufgeben, um die er so viel gelitten, um die er eine Blutschuld auf sich geladen!« Ich redete mich in einen solchen Eifer hinein, daß sie mich mit dem erstaunten Ausruf beruhigen mußte:

»Aber, lieber Doctor, ich erkenne Sie nicht wieder! Habe ich Ihren Gelehrtenstolz beleidigt, weil ich die Möglichkeit einer Heilung ausgesprochen, wo Sie schon das Todesurtheil gefällt haben? Ich bescheide mich, allein ich gestehe Ihnen aufrichtig, mir wäre es lieber, Lüttow würde ein vernünftiger Mensch und vergäße mich so völlig, wie man hienieden nur jemand vergessen kann, als daß er nach Ihrer Diagnose als Wahnsinniger vor meiner Thür sich erschösse.«

Mit einem Lächeln um ihre vollen Lippen hatte sie angefangen – nun endete sie doch wider ihren Willen mit so herben und traurigen Worten. Sie war bleich geworden und streckte die beiden Arme abwehrend weit von sich, als sähe sie das schrecklich häßliche Bild leibhaftig vor sich.

»Wie nur ein solcher Einfall in uns aufsteigt!« sagte sie dann und schüttelte sich.

»Ich bin trostlos über meine Ungeschicklichkeit,« erwiderte ich, und ich war es in der That; »vergeben Sie mir, Fräulein Themar. In dem Manne muß wohl ein Dämon stecken, daß man gleich in Verwirrung geräth, wenn man nur von ihm redet. Welcher Arzt hörte aber auch gern von seinem Kranken, daß er wieder in der Gefahr eines Rückfalls gewesen? Und so oft Sie ihm begegnen, besorge ich ein Unglück.«

»Natürlich,« meinte sie abgebrochen, »– als Arzt.« Plötzlich schaute sie mich groß an; es ging etwas in ihrer Seele vor, das nur als Wiederschein über ihr Gesicht blitzte und seinen Ausdruck erhöhte, dem sie jedoch keine Worte geben konnte oder mochte.

So blieben die drei Worte: »Natürlich, als Arzt« – in der Luft hängen – schwebende Fragezeichen, hinter einer Frage, die nur in einem Blicke – noch weniger, die nur in einem Hauche bestand. Das Gespräch wollte nicht mehr recht in Fluß kommen; Elsa's Stimme hatte einen eigenen, leise zitternden Ton – auf der Bühne sprach sie so, wenn ein Unerwartetes auf sie einstürmte, wenn sie sich mit einem plötzlichen Ereigniß, einer peinlichen Thatsache abzufinden hatte. Wie immer trennten wir uns mit freundlichem Händedruck; sie hatte eine starke, kleine Hand und eine besonders liebenswürdige Art, die des Anderen zu ergreifen – heute zum ersten Male war in ihrer Bewegung etwas Zögerndes; ihre Hand war feucht und ihre Augen wie verschleiert.