Mir selbst war nicht weniger bänglich und unheimlich. Woraus entsprang denn mein Uebereifer gegen Lüttow, woher dies Geschrei über eine Begegnung, die mir vor einigen Wochen noch ganz in dem Lichte, wie ihr selbst, erschienen wäre? Aus Eifersucht, alter Narr, aus Eifersucht! Das Netz war über mir zusammengezogen – das Netz ihres Liebreizes, ihrer Liebenswürdigkeit. Mit all meiner Klugheit saß ich gefangen. Weder die Jahre noch die Studien, weder die Erfahrungen noch die Erkenntniß von der Nichtigkeit und der Gefährlichkeit der Leidenschaft hatten mich vor dem Falle bewahrt. Und was wollte ich denn? Ihre Liebe gewinnen, sie heiraten, Lüttow den Zweiten spielen? Denn wie durfte ich Günstigeres hoffen als der jüngere, glänzendere Mann? Aber nicht diese Aussicht in die Zukunft war es, was mich zunächst bekümmerte und meinen Stolz auf das empfindlichste kränkte – ich hatte mich Elsa gegenüber verraten. Daher ihre Verwirrung, das Beben ihrer Stimme. Es war noch eine Güte ihres Herzens, daß sie mich nicht ausgelacht. Ein älterer Mann, ein Gelehrter, der einem Mädchen seine Liebe erklärt – wie lächerlich hatte ich das bisher gefunden; die Rache des Schicksals war gerecht – ich mußte mich in eine Schauspielerin verlieben. Dahin hatten mich schließlich meine Weisheit, mein Junggesellentum, meine Sicherheit, daß mir die Pfeile Amors nichts mehr anhaben könnten, geführt. Ich irrte an diesem Tage trotz des schlechten Wetters in den entlegensten Teilen des Parks umher, um von niemand gesehen zu werden. Ich fürchtete in meiner Wohnung jeden Besuch, das Gesicht des gleichgiltigsten Bekannten. Alle müßten mir meine Thorheit von der Stirn ablesen. Gegen die Flamme, die in mir lohte, half freilich das Spazierengehen unter entlaubten Bäumen, auf feuchtem Boden, in Wind und Regen ebenso wenig, wie der Vorsatz, sie unter moralischen Betrachtungen zu ersticken. Nichts war leichter, als mich auszuschelten, als mir die unwürdige Lage, in die mich die Leidenschaft gebracht hatte, die Demütigung, die mir zweifellos noch vorbehalten war, in den schwärzesten Farben auszumalen; darum hörte die Hoffnung nicht auf, mir in das Ohr zu flüstern: wenn nun aber Elsa trotz alledem deine Hand annimmt, weniger aus Liebe – so eitel wirst du doch nicht sein, an ihre Liebe zu glauben! – als aus Freundschaft; wenn sie der Bühne und dieses unruhigen, unstäten Lebens müde, eine gesicherte Stellung, ein behagliches Dasein in Kreisen, die ihrer Bildung und Schönheit angemessen sind, einer ungewissen Zukunft und den mageren Lorbeern vorziehen sollte ... So hinüber und herüber, in einem wilden Durcheinander gingen Furcht und Zuversicht. Der heldenmütige Entschluß, sie die nächsten Tage zu vermeiden und auch das Theater nicht zu besuchen, der noch heldenmütiger ausgeführt wurde, änderte weder an dem Zustande meines Herzens noch an der Lage der Dinge das Geringste. Meine Bücher dünkten mich schal, meine Untersuchungen wertlos – ich sehnte mich nach ihrem Lächeln, nach einem Wort von ihr; das ersetzte mir nicht nur den ganzen Galenus – ich empfand zu meinem Schrecken, daß es mir schon zu meinem Leben notwendig geworden, wie der Sonnenschein meinen Palmen.
Uebrigens hatte ich mit meinem Enthaltungssystem die Rechnung ohne die Wirtin gemacht; ich hatte vergessen, daß ich nicht mehr allein im Kahne saß, sondern daß ein Zweites zu mir eingestiegen war. Als ich am dritten Tage nicht zu Elsa hinübergekommen war, ließ sie fragen: ob ich krank sei, ob mir ihr Besuch nicht ungelegen? Und da war sie schon, schöner als je. Ich schützte meine Studien vor, daß ich sie nicht besucht, eine schwierige Untersuchung. Sie nickte lächelnd mit dem Kopfe, als brauche ich ihr keine weitere Entschuldigung oder Lüge zu sagen. Neugierig schaute sie sich in den vorderen Zimmern um.
»Ich hatte mir die Wohnung eines Gelehrten nicht halb so freundlich und so prächtig gedacht,« sagte sie. »Welch' schöne Blumen! Echte alte chinesische Vasen?«
»Das Geschenk eines Engländers, der lange Jahre Konsul im Reich der Mitte gewesen.«
Nun fragte sie nach diesem und jenem; ich kramte die Seltsamkeiten, Kunstsachen und Kunsttrödel aus, die ich besaß. Und dann ein Gespräch, das nicht abriß, wie ich sie erworben, an welchem Orte, von meinen Reisen – die Stunde flog nur so dahin. Sie hatte ihre frühere Harmlosigkeit wieder gewonnen und gab mir dadurch gleichfalls wenigstens den äußeren Schein der Ruhe und die gemessene Haltung.
»Und für wen haben Sie dies Alles gesammelt?« fragte sie plötzlich, ihren Kopf zurückwerfend »Für das Gewerbemuseum?«
Es lag so viel Schelmerei und Neckerei in der Frage, daß ich in demselben Ton antwortete: »Freilich, für wen sammelt ein Hagestolz, wenn nicht für das Allgemeine?«
Ein schräger Blick traf mich, und um ihre Mundwinkel zuckte es wie von einem verhaltenen Lächeln. »Da mögen Ihnen die Nachkommen Dank wissen.«
»Sie halten nicht viel davon, vom Nachruhm?«
»Eine mittelmäßige Schauspielerin und Nachruf! Spotten Sie nur! Ich bin eine Eintagsfliege und suche so viel Sonnenschein als möglich zu genießen. Bei Ihnen liegt die Sache anders; Sie leben nicht mit uns und für uns; die besten Gedanken und Stunden eines großen Gelehrten gehören den noch ungeborenen Geschlechtern. Ist es nicht eine Ironie des Weltgeistes, daß Darwin die Unsterblichkeit leugnet und für die Unsterblichkeit arbeiten muß? Für eine Zukunft, die er nicht absehen kann?«