Während sie so sprach, spielte sie mit einem japanischen Fächer, den ich einmal auf einer Auction in London gekauft hatte: zierlich in Elfenbein geschnitzt, mit phantastischen Drachenungetümen und Vögeln, sollte er ein hohes Alter besitzen.

»Wie hieß der Künstler, der ihn fertigte? Wo sind die Schönen hin, die sich mit ihm fächelten und ihn die Sprache der Liebe reden ließen?« meinte sie halb für sich hin, halb zu mir gewendet. »Niemand weiß von ihnen.«

»Aber die ursprüngliche Absicht des Künstlers,« entgegnete ich, »ist doch in Erfüllung gegangen und geht immer von neuem in Erfüllung; er wollte etwas Gefälliges für die Schönen schaffen, und seine Arbeit gelangt in Jahrhunderten immer wieder, nach den mannigfaltigsten Wechselfällen, aus einer schönen Hand in die andere; jede Nachfolgerin freut sich des zierlichen Werkes, wie die erste Besitzerin, und gedenkt unwillkürlich des Meisters und all ihrer Vorgängerinnen.«

Rasch wollte sie den Fächer in das Futteral zurücklegen, allein ich litt es nicht.

»Nun müssen Sie ihn schon behalten,« lachte ich und drückte ihn in ihre Hand.

»Muß ich?« scherzte sie, »dann bezahle ich ihn auch« – und ihre Wange schmiegte sich an meine Lippen ... So empfängt ein junges Mädchen die Liebkosung eines alten Verwandten. Ein unschuldiger Kuß ... Wären nur ihre Augen nicht gewesen, die wie durch einen leichten Schleier mich anschauten, halb mit einer Frage, halb mit einer Aufforderung.

Seitdem setzte sich unser Verkehr wieder in der früheren Weise fort. Keines wollte dem andern deutlich merken lassen, daß trotz der scheinbaren Gleichmäßigkeit unseres Benehmens unser Verhältnisse eine tiefgehende Aenderung erfahren hatte. Nur ein verstohlener Blick Elsa's, ein kurzer Seufzer, gewisse Wendungen der Rede, ein zärtlicheres Eingehen auf meine Eigenheiten und Ansichten, dann wieder ein beredtes Schweigen, ein Zusammenschauern, wenn ich sie berührte, ließen mich glauben, daß sie gegen meine Liebe nicht unempfänglich wäre, daß sie meinen Wünschen keinen unbesiegbaren Widerspruch entgegensetzen würde. Es waren eben so viele Brände, um die Glut meines Herzens noch mehr zu entzünden. Du bist ja noch kein Greis, sagten die Eitelkeit und die Begierde in mir, daß du nicht nach dem Besitz eines schönen Mädchens streben könntest, und über die erste Jugend und den ersten Liebestraum ist doch auch sie schon hinaus. Bitter genug hat sie die Wechselfälle des Schicksals erfahren, um nicht den heiteren Lebensgenuß in würdiger Stellung nach seinem vollen Werte zu schätzen.

So kleinlaut ich noch vor Kurzem gewesen, so mutig wurde ich jetzt. Mutig und unternehmend – wir waren in der Weihnachtszeit, und ich fühlte mich, mehr wie in der Jugend, zu abenteuerlichen Streichen aufgelegt. Unter so harten Entbehrungen und Kämpfen um das Dasein hatte ich die Jahre, die man die schönsten nennt, hinbringen müssen, daß ich kaum eine Jugend gehabt, wenigstens nichts von ihrem Sonnenschein genossen. Einmal hatte auch mir die Liebe gelächelt, einmal war auch ich in Arkadien gewesen – aber ich hatte das Glück nicht zu benutzen verstanden. Jetzt war es unnütz, nachträglich darüber zu grübeln, ob ich wie ein Thor oder wie ein Held gehandelt, ob ich mich mit der Kraft des Willens vor der Schuld bewahrt hatte oder vor der Leidenschaft aus angeborener Schwäche geflohen war. Die einzige Ausbeute, die ich von allen Arbeiten, Nachtwachen und Entsagungen heimgebracht, war ein Name in der Wissenschaft und ein Vermögen – zu spät erkannte ich, daß sie nicht im Stande sind, Glück zu gewähren. Nein, es sollte nicht zu spät sein! Ich wollte mich an die Tafel des Lebens setzen und seinen Wein kosten.

Das Weihnachtsfest bietet die leichteste und die ungezwungenste Annäherung auch denen, die sich bisher im Zwange der Gesellschaft ferner gestanden; unter dem Tannenbaum, im Glanz der Lichter, in dem Hauch der Kindheitserinnerungen, der mit dem Harzduft durch das Gemach zieht, finden sich Hände und Herzen gleichsam von selbst zusammen. In meiner Stube hatte freilich seit fünfunddreißig Jahren kein Weihnachtsbaum gestanden; ich pflegte mich jeden heiligen Abend, wenn die Pflicht mich nicht durch die feuchten Straßen, in Nebel und Regen, auf und ab von einem Krankenbett zum andern trieb, so tief ich konnte unter meinen Büchern zu vergraben. Hatte ich doch nicht einmal frohe Erinnerungen heraufzubeschwören. In Armut und Sorge war meine Mutter gestorben, ich hatte ihr keinen heiteren Lebensabend bereiten können; in weiter Ferne lebten mir die Geschwister – nun auch, so viel ich wußte, in wohlhabenden Verhältnissen, aber jenseit des Oceans, im Westen der Union. So war mir der Christabend nur dadurch ein anderer als die übrigen Abende im Jahre, daß sich an ihm mein Mißmut und meine Melancholie steigerten und das Weltelend mich in den Abgrund der Verzweiflung hinabzustoßen drohte.

Heute sollte es anders sein. »Ich lasse mir meinen Weihnachtsbaum nicht nehmen,« hatte Elsa gesagt. »Der Direktor ist in der Gebelaune und will uns Allen eine feierliche Bescherung bereiten, allein um neun Uhr bin ich wieder daheim und zünde mir mein eigenes Christlicht an. Sie sind feierlich dazu geladen, mein lieber, mein verehrter Freund!« Mir war das eine Botschaft wie aus Engelsmunde. Wie dereinst der römischen Welt, so schien auch mir eine Zeit des Friedens und der Fröhlichkeit anbrechen zu sollen.