Ungeduldig erwartete ich die neunte Stunde – ich glaube, mit klopfendem Herzen wie ein Kind. Und meine Hoffnung wurde nicht getäuscht. Nie habe ich einen schöneren Weihnachtsabend gefeiert, als diesen. Alles vereinigte sich, Elsa in die rosigste Laune zu versetzen. Ihre Kollegen, ihr Direktor hatten sie mit ausgesuchtester Liebenswürdigkeit behandelt; vor einigen Tagen war ein neues Schauspiel aufgeführt worden, und sie hatte darin einen so großen Erfolg gehabt, daß ihr Spiel und die Kunde, die sich davon in der Stadt verbreitet, der Neuigkeit während mehrerer Wochen volle Häuser zu versprechen schienen. Die Kleinigkeiten, die sie verschenkt, hatten den anderen eben so viele Freude bereitet, als ihr die Gaben, die sie empfangen. In ihrer Wohnung strahlte bald der bunt aufgeputzte Tannenbaum im hellen Lichterglanz. Mir schimmerte ihr Gesicht wie Frühlingssonnenschein. Sie trug ein blauseidenes Kleid, die blonden Haare fielen ihr lang ausgekämmt über Schultern und Rücken. In ihrer Heiterkeit und Geschäftigkeit hatte sie niemals bestrickender den ganzen Zauber ihrer Anmut entfaltet. Nachdem wir Beide uns an dem gegenseitigen »Aufbau« erfreut und satt gesehen, sie in jeder Kleinigkeit noch eine besondere Zierlichkeit entdeckt hatte, saßen wir dicht neben einander. Aus ihrer munteren Laune war sie allmählich ernsthafter geworden, unwillkürlich hatten sich unsere Hände zusammengefunden. »Heute komme ich mir wirklich wie die arme Schäferin vor,« sagte sie, »der ihre Pate, die Fee, einen ganzen Korb köstlicher Geschenke in den Schooß schüttet. Denken Sie nur, ich habe einen Gastspielantrag von dem Burgtheater in Wien erhalten – ich, armes Ding! Wer mir das vor einem halben Jahre geweissagt hätte! Ich muß aber seitdem eine vortreffliche Schauspielerin geworden sein, wenn ich dem Publikum und meinem Direktor glauben soll. Und wem verdanke ich dies glänzende Resultat? Wem anders als Ihnen, lieber Freund, Ihren Ratschlägen, Ihren Lehren!«
Darauf wußte ich kein Wort zu erwidern, ich hatte auch nur die erste Hälfte ihrer Aeußerung deutlich vernommen. Einen Antrag nach Wien! »Also wollen Sie uns verlassen?« rief ich aus.
»So weit ist es noch lange nicht,« erwiderte sie. »Ein Gastspiel ist noch kein Engagement – und wenn ich auch hier an einem zweiten Theater gefalle, werde ich auf einer ersten Bühne auch nur genügen? Tel brille au second rang, qui s'éclipse au premier.«
Nun mochte ihr doch wohl mein unruhiges Hin- und Herrücken auf dem Sopha auffallen; der Verschluß unserer Hände hatte sich gelöst, sie blickte zur Erde, zupfte an den Schleifen ihres Kleides und sagte endlich: »Oder verbieten Sie mir jeden Ehrgeiz? Meinen Sie, daß ich trotz alledem nur eine Mittelmäßigkeit bin und wohl daran thue, mich keiner schärferen Beurteilung auszusetzen?«
»Lästern Sie doch Ihr Talent nicht, Elsa,« brach ich ungestüm aus, in irgend einer Weise mußte sich meine Erregung Luft schaffen. »Warum sollte Ihnen das Höchste unerreichbar bleiben? Ich dachte, bei dem Gedanken, daß Sie fortgehen könnten, nur an unseren, an meinen Verlust.«
»Würde ich Ihnen fehlen?« fragte sie zurück und wandte mir plötzlich ihr Gesicht voll und ganz zu. Es war, als vereinigte sich der Glanz aller Kerzen und Lichter, so viel ihrer im Zimmer brannten, auf diesen schönen rosig überhauchten Zügen. Ihre Augen forschten in den meinen, und ihre halb geöffneten Lippen schienen eine Frage flüstern zu wollen, wenn ich ihnen nicht mit der Antwort zuvorkam.
»Wenn Sie wieder gingen, Elsa, warum es verschweigen? Ein schöner Stern würde mir damit unwiederbringlich von dem Lebenshimmel entschwinden. Und ich bin nicht mehr in den Jahren, wo man mutig das Erscheinen neuer Meteore erhofft. Ein Dunkel würde über mich hereinbrechen, doppelt so finster und trostlos als das vorangegangene, da ich mich an die Schönheit des Lichtes gewöhnt. Was uns zusammengeführt hat, ist mir mehr als ein bedeutungsloser Zufall. Sie haben mir eine Seite des Lebens erschlossen, die ich nicht kannte, deren Duft und Farbenschimmer mich nun entzückt – die ich ewig entbehren würde, wenn ich jetzt in mein Einsiedlertum zurücktreten müßte. Aber es ist selbstsüchtig, nur von mir und meinem Verluste zu reden, während Sie nichts verlieren, nichts einbüßen werden.«
»Glauben Sie?« sagte sie und stand auf. Sie ging einmal durch das Gemach, wie mit sich selbst kämpfend und nach Worten ringend, dann trat sie dicht vor mich hin, in einem prächtigen Schwunge flossen ihre Haare um sie. »Nein, Sie können mich nicht für so gleichgiltig und herzlos halten! Ich sollte einen Freund, einen so treuen, redlichen, uneigennützigen Freund nicht entbehren? Mich nicht nach seinem Umgang, seiner Belehrung, seiner Liebenswürdigkeit zurücksehnen? Warum spielen die stolzesten Männer so gern die bescheidenen? Denn Sie fühlen es so gut wie ich, daß Sie nicht zu der großen Schaar der Alltagsmenschen gehören, denen man ohne Neigung begegnet, und die man bis auf die Erinnerung vergißt.«
Vielleicht wurde nun doch, je länger sie sprach, die Schauspielerin in ihr mächtig, aber ihre Erregung, das höhere Rot ihrer Wangen, der lebhaftere Blick ihrer Augen gaben ihr etwas Unwiderstehliches. Wie hätte sie mich nicht hinreißen sollen, den das heimliche Feuer schon seit Wochen verzehrte? Wenn es je einen günstigen Augenblick für die Liebeserklärung eines älteren Mannes gegeben, so war es dieser, wo die gegenseitige Leidenschaftlichkeit den Unterschied der Jahre verwischte und in uns Beiden die Empfindung stärker sprach als die Ueberlegung. »Müssen Sie denn von uns gehen, Elsa?« begann ich. »Ist das Glück Ihres Lebens an die Verfolgung Ihrer künstlerischen Laufbahn gebunden? Reizt Sie die Unruhe des Kampfes mehr als die Heiterkeit des Friedens? Es mag ja eine tolle Aufforderung sein, einer jungen glänzenden Schauspielerin zu sagen: tritt vom Schauplatze deiner Triumphe zurück; und ich würde der Letzte sein, Ihnen einen solchen Vorschlag zu machen, wenn Sie mir nicht selbst gestanden, daß bisher Ihre Thätigkeit Ihr Herz nicht ganz ausgefüllt hätte, wenn ich nicht annehmen dürfte, daß Ihnen ein anderes Loos nicht auch wünschenswert erschiene –«
»O!« unterbrach sie mich, »ich habe Ihnen nicht verschwiegen, was mich auf die Bühne führte, aber ein erster Schritt auf den Brettern ist verhängnißvoll, allmählich wird zur Neigung, was anfänglich nur Notwendigkeit und dann Gewohnheit war, um so mehr, wenn die Verhältnisse, die unsern Entschluß bestimmten, dieselben bleiben und noch fortwährend ihren Einfluß ausüben.«