»Aber diese Verhältnisse sind nicht unüberwindlich, sind nicht unwandelbar,« rief ich. Was ich ihr nun weiter sagte, in welchen Worten ich ihr die Entstehung, das Wachsen meiner Neigung zu ihr, die Kämpfe, die ich mit meiner Leidenschaft bestanden, das Glück, das sie mir schenken, die Ruhe und die sichere Stellung, die ich ihr bereiten würde, aus meinem Herzen heraus schilderte, vermag ich nicht mehr niederzuschreiben. Ich kam mir selbst wie ein Besessener vor, eine höhere Macht oder mein erhöhtes Ich redete und handelte aus mir. Elsa atmete nur schwer, sie erwiderte nichts, bald sah sie von mir weg auf die Lichter des Tannenbaumes, bald blickte sie mich wieder freundlich an, als wolle sie mich dadurch ermuntern, weiter zu sprechen. Einmal entfuhr mir der Name Lüttow – daß es nur eine Sicherheit für sie gegen seine Verfolgungen gäbe, eine Heirat, die sie für immer von ihm trennen würde.
»Für immer!« murmelte sie halblaut und nickte, wie meine Meinung bestätigend, mit dem Kopfe; dann fuhr sie mit der Hand über die Stirn, als wolle sie einen bösen Gedanken verscheuchen. »Es ist wahr, ich muß mit ihm enden.« Und wieder versank sie in ihr Schweigen, wortlos und entschlußlos.
Sie mochte vielleicht eine Liebeserklärung, aber nicht eine Bitte um ihre Hand erwartet haben. Als ich nun aber, durch ihr Schweigen kühn gemacht, sie umfassen wollte, entzog sie sich mir hastig, sprang auf und eilte zum Fenster. Sie drückte ihr Gesicht gegen die Scheiben und starrte hinaus. Hier und dort hell erleuchtete Fenster, gleichsam die Freude, die drinnen in den Zimmern herrschte, nach außen strahlend, im Gegensatz zu dem unheimlichen Schneegestöber, das der pfeifende Wind durch die Straße jagte. Ich war ihr gefolgt und an ihre Seite getreten. »Zürnen Sie mir?« fragte ich leise. Statt der Antwort gab sie mir ihre Hand. Ihre Augen waren wie umflort; war es tiefe Bewegung oder eine heimliche Angst – etwas hielt das Wort in ihrem Munde zurück.
»Daß Sie mich liebten, mein Freund,« brachte sie endlich wie mühsam hervor, »war nicht schwer zu erraten, nun aber –«
»Sie finden, daß ich ein Geck sein müsse, Ihnen in meinem Alter einen solchen Antrag zu machen.«
»Als ob ich ein Kind wäre, das die Jahre seines Freundes abzählt. Nein, ich bin bestürzt, verwirrt. Hand in Hand gingen wir in der Dämmerung einen uns nur halb bekannten Weg, allein ich vertraute sorglos Ihrer Führung, und statt mich zu fürchten, gefiel ich mir sogar in dem Halbdunkel. Ach, warum konnten wir nicht immer wie im Traum neben einander hergehen! Nun ist ein grelles Licht auf den Pfad gefallen und zeigt mir das Ziel.«
»Ein Ziel, das Ihnen unfreundlich und unwohnlich erscheint –«
»Das mich nur zögern läßt, es zu betreten. Sie verlangen nicht in dieser Stunde eine Entscheidung über mein Schicksal. Ich bin eben kein Mädchen, die mit einem Ja oder Nein Alles abgethan glaubt und die weiteren Folgen dem Vater oder dem Vormunde überläßt – ich stehe allein da, und Sie fordern den Beginn eines neuen Lebens von mir. Was könnte ich Ihnen für die Sicherheit unserer beiderseitigen Zukunft bieten, zöge ich jetzt blindlings einen Strich unter meine Vergangenheit und Gegenwart?«
»Sie halten nur gutmütig den bittern Trank zurück, den mir Ihre Hand doch kredenzen muß.«
»Würde ich sie dann in der Ihrigen lassen?« fragte sie sanft zurück und lehnte ihren Kopf an meine Brust. Ihren Haaren entströmte ein feiner, berauschender Duft, heftiger preßte ich sie an mich und bedeckte ihre Stirn mit meinen Küssen. Augen und Lippen hielt sie fest geschlossen. »Und nun genug mit der Ernsthaftigkeit!« rief sie sich schüttelnd und hatte sich mir schon entwunden. »Wir wollen uns den Abend nicht durch Nachdenken und Grübeln stören, lieber Freund. Ich hatte einmal als Kind eine so prächtige Puppe zum Weihnachtsfeste bekommen, daß ich sie gar nicht anzufassen wagte. ›Nimm sie doch,‹ lachte die Mutter und wollte sie mir in den Arm legen. Aber ich blieb bei meiner Weigerung. So lassen Sie mich noch eine Weile Ihr kostbares Geschenk von ferne betrachten, es ist nicht der Geber, es ist die Gabe, die mir ein wenig Angst macht.«