Mit der Leichtigkeit und Anmut, in denen sich nun doch wieder die Schauspielerin verriet, wußte sie das Gespräch nach anderen Punkten zu lenken, ihre Stimmung und allmählich auch die meine zu verwandeln. Aus ihrem Wesen und Betragen glänzte mir ein Hoffnungsschimmer entgegen. Und hatte sie nicht Recht? Ich forderte nicht allein ihre Freundschaft, sondern auch ihre Zukunft, nicht nur ihre Hand, sondern auch ihre Freiheit und ihren Ruhm. In der That – ich hätte sie geringer schätzen müssen, wenn sie, ohne sich zu besinnen, in meine Bitte eingewilligt.

Freilich – als ich nicht mehr unter dem Zauber ihrer Gegenwart stand, nahm die Sache eine dunklere Färbung für mich an. Wohl mußte ich ihre Bedenken gelten lassen, aber – würde sie danach gefragt haben, hätte sie mich geliebt? So ungerecht sind wir; ich hatte mir Tage und Wochen zur Ueberlegung und zum Austrag meiner Herzenskämpfe gestattet und wollte ihr nicht die kürzeste Frist gönnen. Gern oder unwillig, schließlich mußte ich mich darein ergeben. Die nächsten Tage schlichen in Hangen und Bangen, im Wechsel von Furcht und Hoffnung dahin; sie war viel beschäftigt, jeden Abend auf der Bühne, ich wurde von einer russischen Fürstin in Anspruch genommen, die mich zu konsultiren nach der Stadt gekommen war, ehe sie ihre Winterreise nach dem Süden antrat. So sahen wir uns nur flüchtig, zum Aussprechen war keine Muße gegeben. Und derselbe Drang, der mich zu meiner Erklärung fortgerissen, hielt mich jetzt zurück, ungestüm die ihrige zu verlangen. Zeit zu gewinnen, schien mir plötzlich in meiner Lage das Wünschenswerteste. Mindestens blieb mir dadurch das Herbste erspart, ihr Nein zu vernehmen, den Schmerz zu verbeißen und in der Entfernung von ihr nicht Vergessenheit, doch Trost zu suchen. Der Ernst ihres Gesichtes, ein gewisser träumerischer Zug, den ich in solcher Stärke noch nicht an ihr bemerkt, bewiesen mir hinlänglich, daß sie mit sich selbst nach einer Entscheidung rang. Wenn ich des Abends im Theater dem stürmischen Beifall zuhorchte, der ihre Darstellung begleitete, die Kränze und Blumensträuße zählte, die man ihr zuwarf, fühlte ich wohl, daß ich da einen ungreifbaren, kaum zu überwindenden Gegner hatte. Alle stimmten darin überein, daß sie noch nie so vortrefflich gespielt habe. Und dem Allen, ihrem Talente, diesen Triumphen sollte sie entsagen, um einem älteren Manne den Abend seines Lebens zu verschönen und ihre eigene Zukunft vor Stürmen und Schicksalsschlägen sicher zu stellen! Welche Thorheit, welche Dürftigkeit der Phantasie, welche Leere des Herzens mußte ich bei ihr voraussetzen! Sie aus diesem Glanz, aus diesem bacchantischen Taumel herausreißen zu wollen – ich hätte meine Werbung zu keiner ungelegeneren Zeit vorbringen können!

Gleichsam, um die Aussichtslosigkeit meiner Wünsche mir grell vor das Bewußtsein zu führen, mußte mir da eines Nachmittags bei meinem Spaziergange durch die Siegesallee des Parkes Lüttow entgegenkommen und mich anreden. Er war in Gesellschaft, schlank und hoch und trotzig wie immer, aber er ließ, wie er mich erkannte, die Herren stehen, eilte auf mich zu und bot mir die Hand.

»Haben uns lange nicht gesehen, Herr Medicinalrat,« sagte er in seiner lauten, aber dennoch gewinnenden Weise. »Sie haben eine Wunderkur an Fräulein Themar vollbracht. Das ist jetzt all' ein Leben und ein Feuer in ihrem Spiel. Schauen Sie mich nicht so fragwürdig von der Seite an; ich rede im Ernst. Dies Mädchen ist eine große Künstlerin, es wäre ein Unrecht, sie der Kunst zu entführen und prosaisch zu heiraten. Ihr Genius hat sie richtig geleitet. Wollen Sie ihr sagen, daß ich aufrichtig alle meine Sünden gegen sie bereue?«

Zum Glück hatten sich jetzt seine Begleiter genähert, und ich konnte mit einigen allgemeinen verbindlichen Redensarten und mit der Zustimmung in sein Lob Elsa's mich losmachen. Was vor Wochen mich sowohl ihret- wie meinetwegen gefreut hätte, Lüttows Einkehr in sich selbst, wie ich es damals genannt hätte, ängstigte mich jetzt. Hoffte ich zu siegen, wo dieser Hartnäckigste der Menschen sein Spiel verloren gab? Wenn er den Triumph und den Rausch der Bühne für mächtiger hielt als seine Leidenschaft, was hatte ich dagegen einzusetzen? Dennoch teilte ich meine Begegnung mit Lüttow Elsa mit: es wäre mir unmöglich gewesen, ihr eine solche Mitteilung zu verschweigen. Sie wurde blaß, als ich seinen Namen nannte – wie ich dann zu Ende war, griff sie nach ihrem Herzen, und ein schwermütiges Lächeln spielte um ihren Mund: »Er ist ja sehr ruhig geworden!«

Irgend etwas in seiner Aeußerung hatte sie verletzt. »Wenn mein Spiel eine so beruhigende Wirkung auf erregte Nerven ausübt,« meinte sie, »sollten Sie es Ihren Kranken als Heilmittel empfehlen, werter Freund. Im übrigen hat mich Herr von Lüttow niemals verstanden, weder meine Empfindungen noch meine Handlungsweise; er würde sonst wissen oder doch ahnen müssen, daß mich nie mehr als gerade in meinem Triumph das Gefühl meiner Unzulänglichkeit und die Sehnsucht nach der Stille beschlichen hat.«

Wie hoffnungsvoll klang das für mich! Und endlich mußte doch auch die Entscheidung fallen. Wie alle Spieler und unglücklich Liebende war ich in diesen acht Tagen abergläubisch geworden und hatte mir fest eingeredet, am Neujahrstage würde Elsa ihr Ja oder Nein sprechen. Mein Erstaunen, meine Verwirrung war darum nicht gering, als sie mir am Morgen des Sylvestertages sagte:

»Schelten Sie mich nur gleich tüchtig aus, als Arzt und als Freund. Wenn es noch Ablaßzettel gäbe, kaufte ich mir einen im Voraus. Ich will heut' Abend eine Thorheit begehen und das alte Jahr auf einem Maskenball beschließen. Meine Kollegen haben mir so viele lustige Geschichten von dem Balle erzählt, den das Balletcorps heute giebt, daß ich nicht habe widerstehen können. Ich werde im Domino hingehen und hoffentlich einen guten Tänzer finden. Nun, da sitz' ich, was muß ich thun, um die Sünde zu büßen?«

Anfangs war ich so betroffen, daß ich sprachlos vor ihr dastand, bis ihr helles Gelächter mich zur Besinnung brachte.

»Bin ich eine rückfällige Ketzerin, für die Sie gar keine Buße und Strafe wissen? Wollte ich nun meine Hexenmacht gebrauchen, müßte ich darauf bestehen, daß Sie mich begleiteten und mit mir in dieselbe Schuld verfielen. Bekennen Sie, daß ich großmütig bin, wenn ich allein die Verdammniß auf mich nehme.«