Wie verstimmt ich auch über ihre so unerwartet auftauchende Laune war, durch ein schroffes Dareinreden wagte ich meine Lage nicht noch mehr zu verschlimmern. Mein Mißvergnügen war gewiß kein vernünftiger Grund gegen den Besuch eines Balles, und wenn schon der Liebhaber Einspruch gegen ihre Vergnügungen erhob, welche Beschränkungen ihrer Freiheit und ihrer Neigungen mußte sie erst von dem Gatten befürchten. Nach Kräften suchte ich einzulenken und riet ihr nur, sich nicht zu erhitzen, nicht zu heftig zu tanzen – Albernheiten, über die ich vor mir selbst errötete. Wie es nicht anders sein konnte, schieden wir ein wenig kühl und frostig. Wider meinen und ihren Willen war nun doch der Unterschied zwischen einer lebenslustigen, munteren Schauspielerin und einem alternden Gelehrten zur unerfreulichen Erscheinung gekommen. Ich pflegte sonst den Sylvesterabend im Kreise langjähriger Freunde, Wittwer oder Hagestolze, zuzubringen: heute lehnte ich ab, ich war zu verdrießlich und unzufrieden, um einen halbwegs erträglichen Gesellschafter abzugeben. Aber was nun mit dem langen Abend beginnen? Zu Hause bleiben, lesen, schreiben, die Rechnung des Jahres ziehen? Ein Alpdruck lastete auf mir, als müßten in der nächsten Sekunde die Mauern über mich hin zusammenstürzen. Vielleicht fiel es Elsa gar ein, im Domino und mit der Larve vor dem Gesicht Abschied von mir zu nehmen, ehe sie in den Wagen stieg. Ich glaubte das Rollen der Räder zu hören – jeder Schlag versetzte meinem Herzen einen Stoß. Ich blickte auf die Uhr – die neunte Stunde ging eben zu Ende, und sie spielte noch im Theater. Nein, ich wollte, ich konnte sie nicht erwarten; jetzt schalt ich sie herzlos, eitel, vergnügungssüchtig, und dann spottete ich mich aus, einen Gecken, einen Eifersüchtigen, wie es noch nie einen größeren und traurigeren gegeben. Unmöglich, in den engen, überheizten Zimmern auszudauern. Wenn auch ich auf den Ball ginge und sie beobachtete? Unsinn, ich auf dem Maskenball des Corps de Ballet! Wollte ich die lustigen Streiche der Jugend mit fünfzig Jahren nachholen? Inzwischen, inmitten all dieser Anklagen, Ausrufungen, ironischen Betrachtungen kleidete ich mich gesellschaftsmäßig an. Ich getraute mich dabei nicht, meinem Diener ins Gesicht zu sehen, aber der Gute vermutete meine bösen Gedanken nicht und wunderte sich nur, daß ich mich so früh schon auf den Weg zu meiner Sylvester-Gesellschaft machte. Auf der Straße war ich bald, aber mein Wille blieb zwiespältig wie zuvor. Als ich um die Ecke unserer stillen Straße in die belebtere Hauptstraße einbog, fuhr ein Wagen dicht an mir vorbei. Ich wußte, daß es der Wagen war, der sie aus dem Theater heimbrachte, und ich empfand eine gewisse Genugthuung, ihr entgangen zu sein. Sie sollte merken, daß ich auch ohne sie zu leben vermöchte. Und dabei schmachtete ich armseliger Thor nach ihrer Gegenwart, ihrer Rede und ihrem Lächeln. Nein – fahrt dahin, Stolz des Weisen und Würde des Alters, dahin ihr Entschlüsse der Entsagung! Ich bin ein Mensch von Fleisch und Blut. Sehr wahrscheinlich werde ich morgen einen Thorenstreich zu bereuen haben, aber der Drang des Herzens will seine Befriedigung, gleichviel, um welchen Preis. Ein Maskengarderobe-Laden war leicht gefunden, ein dunkelblauer Domino, eine Maske erstanden – ich ließ eine Droschke kommen und fuhr nach dem im Parke gelegenen Ballhause. Der Pförtner schaute mich verwundert an, ich war der erste Ballgast. Von dem Kellner, der mir eine Flasche Wein brachte, erfuhr ich, daß die rechte Lustigkeit und das bunteste Maskengewühl erst kurz vor Mitternacht seinen Anfang nähme. Eines vor Allem that mir not: Gelassenheit, ich war sonst nahe daran, die auffälligste Erscheinung des Balles zu werden.
Allmählich füllten sich die Säle mit Charaktermasken und Dominos. Mir waren diese wie jene gleichgiltig, ich suchte nur die Eine zu entdecken. Unter Tausenden hätte ich geglaubt, ihren Wuchs, ihre Haltung, ihren Gang heraus erkennen zu müssen – nun zeigte sich die Sache doch schwieriger, die Stimme des Herzens schwieg. Hinauf und hinab drängte ich mich durch das Gewühl, wiederholt angeredet von Stimmen, die mir unbekannt waren, und mit einer Stimme antwortend, die den Anderen so fremd klang, wie ihnen die meine. Ohne Absicht war ich so in die Nähe zweier schwarzen Dominos gekommen, die Hand in Hand mit einander gingen. Leise streifte ich die Eine, sie achtete nicht darauf, aber im nächsten Augenblick hörte ich sie halblaut zu ihrer Begleiterin sagen: »Da ist er!« Die Musik übertönte das Uebrige, allein mir genügten die drei kurzen Worte. Es war Elsa, offenbar mit einer befreundeten Schauspielerin. Da ist er – nur sie konnte mit diesem eigentümlich zitterndem eindringlichen Tone reden. Da ist er – wen hatte sie gemeint? wen konnte sie meinen? Hatte sie mich eher entdeckt als ich sie? Hatte die unwillkürliche Berührung ihres Gewandes mich verraten? Oh, oh! grollte es dagegen in mir, täusche dich doch nicht länger! Nicht von dir war die Rede, nicht deinetwegen ging sie auf diesen Ball. Herunter die Maske und betrachte dein runzeliges, häßliches Gesicht in einem der vielen Spiegel, welche die Wände zieren. Und dann entfliehe diesem Raum, wohin du nicht gehörst, vergrabe dich in deine Höhle, vertrinke deinen Gram wie ein alter Satyr, oder noch besser, hänge dich auf, Medicinalrat, ehe du eine Figur für die Posse wirst!
Und nun fing eine tolle Jagd an. Ich suchte ihr auf den Fersen zu bleiben und zugleich den Unbekannten zu entdecken, den sie ihrer Begleiterin bezeichnet hatte. Einmal war ich dicht hinter ihr, dann schob sich wieder eine Menschenwelle zwischen uns. Zuweilen blickte sie sich um, als hätte sie die Empfindung, daß sie verfolgt würde. Aber sie beschleunigte ihren Schritt darum nicht. Sie anzureden wagte ich nicht, meine Stimme würde mich verraten haben. Plötzlich, als die Paare sich zum Tanz ordneten und das Ganze zu einem buntschimmernden, in einander wirrenden, rasenden Wirbel wurde, war sie mir entrückt. Weder unter den Tanzenden noch unter denen, die zuschauten, vermochte ich sie zu entdecken. Eine geraume Weile verlief so, mir stand die Zeit still. Ich lehnte mich an eins der hohen Fensterkreuze des Saales und starrte beinahe gedankenlos in das jubelnde, lachende, walzende Gewühl. Der Wein, die Hitze im Saal, die rauschende Musik, das Drehen hin und her vor meinen Augen hatten mir einen dumpfen Schmerz im Kopf, Ohrensausen und Schwindel verursacht: ich war in der That auf einen Hexensabbat verschlagen worden. Zu Ende – die Musik schweigt. Was ist das? Alle drängen sich zusammen, zischeln mit einander, rücken an ihren Masken, ziehen ihre Uhren. – Und da – zwölf laute, dröhnende, weithin hallende Schläge. Neujahr! Prost Neujahr! schreien sie wie die Besessenen. Champagnerpfropfen knallen – und Hurrah! Hoch! Das Orchester bläst einen Tusch. Trink, Brüderchen, trink! Das neue Jahr soll leben! Und die alten Flammen! Was wir lieben, rosa Domino! Die Masken werden abgenommen, überall lachende, grinsende, erhitzte Gesichter, flatternde Locken, funkelnde Augen – Bacchanten und Mänaden! Was soll ich unter ihnen? In ihren Lärm und Taumel mit einstimmen? Mich von ihnen foppen lassen? In diesem Tumult Elsa suchen und sie am Arme eines Andern finden? Nein, ich rette mich ... Da entsteht ein Laufen, ein ängstliches Durcheinander, ein herzzerreißender Schrei ... ich kenne diesen Schrei! Und zugleich der Ruf: »Zu Hilfe, ein Arzt, ein Arzt!« »Hier! hier!« schreie ich, reiße mir die Larve, den Domino vom Leibe und arbeite mich durch das Gedränge. Alle machen mir Platz, ich komme aus dem Tanzsaal in den Nebensaal. – »Sie stirbt mir unter den Händen!« jammert eine Frauenstimme aus einer der Nischen. – Auf dem Divan liegt Elsa besinnungslos in Krämpfen, ein junger Arzt ist schon um sie beschäftigt, der den älteren, ihm bekannten Kollegen mit Freuden begrüßt. An ein Fragen, wie Alles gekommen, ist hier nicht zu denken, es gilt zu helfen. Unseren Bemühungen gelingt es, mit krampfstillenden Mitteln die Gewalt des Anfalls zu brechen. In einer halben Stunde ist es möglich, Elsa mit ihrer Begleiterin in einen Wagen zu schaffen, ich fahre sie nach Hause. Gesprochen wird kein Wort zwischen uns, obgleich sie mich erkannt hat, schlaff ruht ihre Hand in der meinen. Während sie mit Hilfe ihrer Zofe und meines Dieners hinaufgebracht wird, eile ich in die nächste Apotheke, um noch einige Medicamente herbeizuschaffen. Die Bereitung dauert länger, als ich gehofft; als ich zurückkehre, finde ich Elsa schon im Bett, unruhig, in Fieberphantasien. Ihre Zofe ist bei ihr. – »Ich werde mich im Salon in einen Lehnstuhl setzen,« sage ich, »und mit Ihnen wachen. Weinen Sie nicht, wenn der Krampf nicht wiederkehrt, ist es noch nicht gefährlich. Ruhe und Eisumschläge.«
Und nun sitze ich bei einer mit einem großen grünen Schirm verdeckten Lampe, im Halbdunkel, in meinem Ballstaat, die ängstlich hin- und herflackernde Flamme des mir theuersten Lebens bewachend. Welch' eine Neujahrsnacht! Daß Lüttow bei dem Unglück mit im Spiel gewesen, daß Elsa von einer dämonischen Macht angezogen, nur seinetwegen auf diesen Maskenball gegangen, stand bei mir fest, aber alle diese Nachgedanken, diese ohnmächtigen, leise zwischen den Zähnen gemurmelten Verwünschungen beseitigten das Uebel, verscheuchten das Schreckgespenst eines tödlichen Herzschlages nicht. In kurzen Pausen trat ich an ihr Bett, um zu sehen, ob das Pochen des Herzens sich mindere, ob die einschläfernden Mittel ihre Wirkung thäten. Halb aufgerichtet saß sie in den Kissen, mit geschlossenen Augen, gelblichweiß im Gesicht, aus der matt brennenden Lampe fiel nur wie verloren ein Lichtschimmer über sie hin. Endlich schien sich ein leichter Schlummer auf sie herabzusenken. Ich schlich in das Vorderzimmer zurück.
Die unglückliche Uhr mit ihrem lauten Pendelschlag hatte die Dienerin schon aus dem Schlafgemach fortgenommen, jetzt wollte ich auch den Pendel anhalten, nicht das leiseste Geräusch sollte Elsa's Schlaf stören. Erst da fiel mir ein, daß ich zum ersten Male das unselige, geheimnißvolle Werkzeug dieser ganzen Verwickelung mit Augen sah. Diese Uhr hatte mich zuerst peinlich und unangenehm auf meine Nachbarin aufmerksam gemacht, ihr gleichmäßiger, rauher, heiserer Schlag hatte alle Wandlungen unseres Verhältnisses begleitet. Gab es einen magischen Zusammenhang zwischen dieser Uhr und unserer Freundschaft? Endete die Freundschaft, wenn der Pendel der Uhr still stand?
Entschlossen streckte ich dennoch die Hand aus und hielt ihn an; niemals hatte mir sein Geräusch unheimlicher geklungen. Eine altmodische Uhr, von Gold, Elfenbein und Ebenholz in dem Geschmack des Empire, mit vergoldeten Säulchen und einem Giebelfeld darüber, an den Ecken Adler sitzend, auf der Spitze eine Figur mit fliegendem Gewande, die wohl den Genius der Zeit darstellen sollte – Alles in strengen, harten Linien. Aber das Wunderlichste ist ein kleines auf Elfenbein gemaltes, in die Mitte des Giebels eingelegtes Bild. Ich nehme die Lampe, um es genauer zu betrachten: es ist in Miniatur ein Brustbild der Kaiserin Josephine. Ich will meinen Augen nicht trauen, ein Nebel täuscht mich, ein Lichtschein – ein Schatten, der gerade so oder so fällt, bringt die Wirkung hervor. Allein wie ich auch die Lampe halte, hoch oder niedrig, nahe oder fern, wie ich auch meinen Platz ändere: es ist der Kopf, das Gesicht Josephinens. Und je länger ich nun die Uhr, die still, unbeweglich auf ihrer Konsole steht, betrachte, kommt sie mir bekannt und immer bekannter vor, die Adler, den Adlern auf den französischen Fahnenstangen nachgebildet, der davonfliehende Genius – ich habe sie schon gesehen! Wo gesehen – wie gesehen! Die Lampe zittert in meiner Hand, kaum daß ich sie auf den Tisch ungefährdet zurücksetzen kann. Ist es denn möglich! Ich nähere mich Elsa's Bett ... »Sie schläft,« flüstert mir die Zofe zu. Mit dem Gesicht der Wand zugewendet liegt sie da, ruhiger atmend. Es ist, als ob wir die Rollen umgetauscht hätten, als ob ihr Leiden jetzt in meinem Herzen wohne ... wie von einem unsichtbaren Schlage getroffen, sinke ich in den Sessel.
Eine Uhr aus der Napoleonischen Zeit ... es giebt hundert, tausend Uhren aus jenen Tagen. Auch wohl mit dem Bilde der Kaiserin Josephine. Muß die Uhr da vor mir gerade dieselbe sein, die ich vor vielen ... vor dreiundzwanzig Jahren gesehen, in einer Lage, der meine jetzige, hier auf dem Sessel, im Nachtwachen bei einer schwer Kranken, auf das Genaueste gleicht? Eine Uhr, deren grausamer Stundenschlag mir damals verkündigte, daß ich den Augenblick des Glücks für immer versäumt? Ja wohl für immer, wenn sie nicht durch einen Zufall in Elsa's Hände gekommen, wenn sie ein Erbstück ist – das Erbe ihrer Mutter! Keinen Blick kann ich von der Uhr abwenden, es ist, als ginge jene ganze holde schmerzliche Vergangenheit noch einmal an mir vorüber, als tauchte in dem Halbdunkel des Gemaches ein vielgeliebter Schatten auf, den erst Elsa's liebliche Wirklichkeit aus meinem Herzen zu vertreiben vermochte, als gäbe die tiefe Stille und die ängstliche Spannung meines Geistes der Phantasie eine doppelte Gewalt. Halb träumte ich und halb erlebte ich ein unvergessenes Abenteuer noch einmal.
Ich sitze in einem prächtig ausgestatteten Zimmer, vor mir dieselbe Uhr auf einer marmornen Konsole, das große Fenster ist geöffnet, Lindenblütenduft haucht hinein, der süße Schauer einer Mondscheinnacht, durch die hohen Bäume des Gartens geht zuweilen ein sanftes Säuseln. Mir gegenüber liegt halb ausgestreckt angstvoll, übernächtig auf dem Sofa eine schöne blasse Frau, die Hände wie zum Gebet gefaltet – zu einem Gebet ohne Worte. Daneben ruht ihr Kind in Todesgefahr, ihr einziges, zweijähriges Töchterchen ... Ein Schul- und Universitätsfreund, ein reicher Gutsbesitzer in der Rheinprovinz, hatte mich eingeladen, einige Zeit auf seinem Gute zu verweilen; bei einem Besuche in der Hauptstadt hatte den treuen Kameraden mein krankhaftes Aussehen erschreckt: du gehst zu Grunde, wenn du keine Unterbrechung in deinen Studien und Arbeiten eintreten lässest, hatte er ärgerlich ausgerufen. Ich hatte seinen Bitten nachgegeben und war zu ihm gekommen. Seit zwei Wochen wohnte ich nun bei ihm, in herrlichster Lage, in der Nähe des schönen Stromes, mitten in den Weinbergen des Rheingaus; dem Ufergelände entlang reihten sich in mäßiger Entfernung von einander Städtchen, Dörfer, Landhäuser; Dampfschiffe, Segelboote, Nachen belebten beständig den Fluß, überall ein munteres, geschäftiges, wie vom Weinduft angehauchtes Treiben. Landschaft und Leute wirkten wohlthuend, erfrischend auf mich ein. Nicht nur ins Gesicht, die Junisonne schien mir auch in das Herz. Am Fuß des Hügels, auf dem sich das Haus meines Freundes erhob, stand eine kleine Villa inmitten eines großen Gartens, die hellen Fenster auf den Strom gerichtet. Sie gehörte einem der reichsten Kaufleute in der Hauptstadt der Provinz, der in jedem Jahre den Septembermonat darin zuzubringen pflegte: jetzt hielt sich seine Gattin mit ihrem Töchterchen in dem Landhause auf. Zwischen der Familie meines Freundes und der Frau Friederike bestand ein höflicher nachbarlicher Verkehr, näher war man einander nicht gekommen. Die Gattin meines lieben Wirts hatte für die feine, verzärtelte Städterin etwas zu derbe Formen, sie war schnell mit der Zunge wie mit der Hand, während Frau Friederike an sich hielt und in ihrer vornehm lässigen Weise Dinge und Menschen mehr von sich entfernte, als sie eifrig in ihren Kreis zog. Wir Männer redeten auf unseren Spaziergängen oft von ihr: bald begegneten wir ihr, wenn sie im Wagen einherfuhr oder mit ihrem Kinde an der Hand unter den Bäumen ihres Gartens auf- und abwandelte, den nur eine Hecke und ein niedriges Gitter von der Fahrstraße schied. Und niemand konnte Frau Friederike sehen, ohne sich noch einmal, wenn sie ihm vorübergegangen, verwundert nach ihr umzuschauen. Sie war eine Frau von wunderbarer Schönheit, eine Raphaelische Madonnenfigur mit einem leisen Zuge des Leidens im Gesicht, der halb eine körperliche Schwäche anzudeuten, halb die ungestillte Sehnsucht des Gemüts nach einer schöneren Welt auszudrücken schien. Sanftmütig, nicht von schnellem und scharfem Geiste, aber voll tiefer Empfindung schilderte sie mir der Freund; was ich von ihr sah und hörte, denn ein und ein anderes Mal war sie in dem Hause auf dem Hügel, wir in ihrer Villa gewesen, ergriff mich weit über den Grad des Eindrucks, den bisher noch ein weibliches Wesen auf mich gemacht hatte. Sie stand etwa in meinem Alter und behandelte mich, für eine so reiche und ausschließliche Dame, wie sie es war, mit besonderer Güte. Von dem Freunde erfuhr ich, daß sie nicht glücklich verheiratet sei. Also unglücklich? An einen Mann, der sie nicht verdient, der sie peinigt, einen Tyrannen? fragte ich erregt. Von dem Allen war nicht die Rede. Der Mann, in der Mitte der vierziger Jahre, behandelte sie mit der größten Achtung und Freundlichkeit, und auch ihr entschlüpfte niemals ein Wort des Verdrusses oder der Klage über ihn; sie paßten eben nicht für einander: sie eine schwebende Natur mit ätherischem Anfluge, er fest und hart in der Welt der Thatsachen wurzelnd, ohne Neigung, sich daraus zu erheben. Bei ihrer Stille und sanften Anmut mochte er kaum bemerken, daß die Uebereinstimmung ihrer Seelen fehle; die Zärtlichkeit, die sie entbehrte, bedurfte er nicht. So beschrieb mir der Freund das Verhältniß der beiden Gatten, und er wird wohl das Richtige getroffen haben; ich selbst habe den Mann nie gesehen.
Ein Unglücksfall verband mich dann inniger mit Friederiken. Eines späten Abends kam atemlos einer ihrer Diener herauf geeilt: das Töchterchen der gnädigen Frau sei erkrankt, der Arzt im nahegelegenen Flecken über Land gefahren, ich möchte mich des kranken Kindes annehmen. »Rette es,« rief der Freund mir zu, »hier geht für dich der Weg zum Ruhm!« Was dachte ich in jenem Augenblick an den Ruhm, an die Zukunft! Ich hatte nur Sinn für Friederikens Angst und Verzweiflung, ich flog den Hügel hinunter. Als ich dann vor ihr stand, ihr in das thränenüberströmte, schmerzvoll zuckende Antlitz blickte, ergriff mich eine unbeschreibliche, so noch niemals empfundene Bewegung, als ob ein neues Element in meinen Körper gekommen. Es war eine furchtbare Nacht; das Kind war von einem gefährlichen Anfall der Diphtheritis ergriffen worden, und mehr als einmal schwebte der Todesengel dicht an ihm vorüber – dicht, wie jetzt an Elsa! War ich in beiden Fällen die Hand, der sich das Schicksal bediente, ein und dasselbe Leben zu retten? Und beide Male zu meinem Verderben!
Diese Nacht mit ihren Schrecken hatte Friederike und mich einander mehr genähert, als eine langjährige gleichgiltige Bekanntschaft es gethan haben würde. In der gleichen Sorge enthüllte sich unabsichtlich das Innerste unseres Wesens, Jedes fand in dem Herzen des Andern etwas wie das Echo des eigenen. Die Krankheit des Kindes gestattete keine Trennung; kaum war der Anfall beseitigt, zeigten sich Spuren des Scharlachfiebers, das zwar nur leicht auftrat, aber die einmal in Angst versetzte Mutter nicht aus der erregten Spannung ließ. In ihrer freudlosen Ehe war die Tochter ihr einziger Trost, ihre einzige Freude; es schien ihr, als könnte sie den Verlust derselben nicht überleben. Ihr Gemahl befand sich gerade auf einer Geschäftsreise in England; er bat sie, ihm jeden Tag Nachricht von dem Befinden des Kindes zu geben, aber sie schalt es herzlos, daß er nicht ohne Zögern alle seine Geschäfte hatte fallen lassen und an das Lager der kleinen Elsbeth geeilt war. Mein Gastfreund nannte das eine Uebertreibung der Mutterliebe; ich aber stimmte ganz mit Friederike überein: wenn nicht des Kindes, doch einer solchen Mutter wegen hätte der Vater kommen müssen; wie konnte man diesem Weibe gegenüber nur den leidigen Gelderwerb in die Wagschale legen! So geschah es, daß Friederike sich immer lebhafter und inniger an mich anschloß. Wenn ich mit ihr zusammen den Schlaf der Kleinen überwachte, ihre Besorgnisse und Kümmernisse anhörte, zu zerstreuen suchte oder meinen Teil daran forderte, ihr ein Buch vorlas, dem Kind ein Spielwerk mitbrachte, erfüllte ich in ihren Augen die Pflichten eines wirklichen Vaters; unmerklich schob ich den wahren Vater, den Entfernten, aus seiner Stellung. Ich that, was er hätte thun sollen, und da mein Alter und meine Gemütsart besser zu Friederikens Jahren und Ansichten stimmten, als die seinigen, galt ich ihr bald als der vorzüglichere Mann. Meine Empfindung für sie war die der reinsten Verehrung; ich sah und betete etwas in ihr wie das Ideal des Weibes an, eine Mischung von Jungfräulichkeit und Mütterlichkeit, wie ich sie bisher nur in den Werken der großen Maler angestaunt hatte, ohne an ihre irdische Verkörperung glauben zu können.