Nicht wenig trug der Gegensatz, in dem Friederikens poesievolle Erscheinung zu der trockenen Prosa meiner gutmütigen Wirtin stand, dazu bei, diesen Glorienschein um ihr liebliches Haupt täglich zu erneuen. Wohl erkannte ich, daß die zugleich glänzende und reizende Umgebung Friederikens den Zauber ihrer Gegenwart verstärkte; nur zu gut wußte ich aus eigener trauriger Erfahrung, welche Feindin eines schönen Lebens, einer sich immer gleich bleibenden würdigen und anmutigen Haltung die Armut, die Dürftigkeit ist – aber vielleicht, sagte ich mir, ist das Glück auch das größte Verdienst. Wenn es solche auserwählte Wesen nicht gäbe, denen die gemeine Sorge um das tägliche Brot, die Anstrengung und Mühe des Kampfes um das Dasein niemals den heitern Wechsel ihrer Tage und das gefällige Spiel der Erscheinungen stört oder trübt, wie armselig wäre die Erde! Sie sind in der Menschenwelt, was die schöne Landschaft in der Natur ist. Indem wir sie erblicken, fühlt sich unser Herz erfreut und erhoben, wie bei einem Blick von der Bergeshöhe in ein entzückendes Thal. Gemeine Seelen mögen sie beneiden, edlere begrüßen sie als den höchsten Ausdruck menschlicher Vollkommenheit. Ich konnte mir Friederike nicht anders als im Reichtum, inmitten wohlgeordneter Verhältnisse denken; der Harmonie ihres Wesens mußte die Ordnung und Sauberkeit des Aeußeren entsprechen.
»Du bist noch nicht weit und viel in der Welt umhergeschleudert worden,« meinte der erfahrene Freund bei meinem begeisterten Lob der schönen Frau, »und hast noch zu wenig Frauen in ähnlicher Lage kennen gelernt; du bist wie ein junger Mönch, der aus der Klosterschule seinen ersten Schritt ins Leben thut und überall Engel oder Teufel sieht.«
Nein – der Freund hatte Unrecht; hundert und aberhundert reiche und vornehme Frauen habe ich seitdem in nächster Nähe, mit und ohne Schleier gesehen, aber eine Friederike habe ich nie wieder gefunden!
Wohin mein Gefühl mich führen könnte – ich ahnte es nicht. Ohne Rück- wie ohne Vorgedanken überließ ich mich der Gegenwart. Ich weilte wie in einem verzauberten Garten. Gerade genug, daß die Sorge um das langsam genesende Kind noch an die Wirklichkeit erinnerte und mich immer wieder aus dem Labyrinth der Empfindungen zurückzog. So unendlich erhaben dünkte mich Friederike, daß ich fest überzeugt war, meine Augen würden nie anders als wie zu einem Heiligenbild zu ihr emporschauen. Und ahnungslos des Abgrunds, dem wir entgegentrieben, war auch sie in den ersten Tagen unserer Bekanntschaft. Sie hatte nach einem Retter ihres Kindes gerufen und ihn in mir gefunden. Die Dankbarkeit, die sie jedem andern an meiner Stelle ebenso gewidmet haben würde, erhielt durch die Einsamkeit, in der sie lebte, durch den Unmut über die Hartherzigkeit ihres Gatten, durch die Aehnlichkeit unseres Wesens, wie ich glaube, eine wärmere Färbung. Darüber hinaus dachte und sorgte sie nicht. Erst als es zu spät war, blickte sie auf den Weg zurück, den wir gewandelt. Und niemals waren zwei Menschen einen lieblicheren dahingegangen. Als die fortschreitende Genesung des Kindes meine täglichen Besuche und noch mehr mein stundenlanges Verweilen in Friederikens Hause unnötig machte, hatten wir uns schon so sehr in diese Gewohnheit hineingelebt, daß uns das Aufhören derselben mehr erschreckt haben würde, als das Fortsetzen. Nach wie vor erschien ich am Morgen in der Villa, nach wie vor blieb ich am Abend. Ich war der Hausgenosse, dessen Erscheinen zu jeder Zeit nicht einmal der Dienerschaft mehr auffiel, der Hausfreund, den der Gemahl in seinen kurzen Briefen nie zu grüßen vergaß. Eine Weile bildete noch das Kind, die um sein Wohl und Wehe ausgestandenen Aengste und Beschwerden den Mittelpunkt unserer Gespräche, aber allmählich suchten sie andere Stoffe und Ziele. Wir lasen zusammen in unseren Dichtern, neben einander schritten wir durch die schattigen Laubgänge des Gartens oder schauten von der Terrasse auf den im Abendrot schimmernden Strom und die gegenüberliegenden Berge.
Es war, wie man nun will, unser Glück oder unser Unglück, daß für mich wie für Friederike eine zärtliche, schwärmerische, romantische Neigung noch eine ungekostete Frucht vom Baume der Erkenntniß war: sie hatte ohne Liebe, aber auch ohne Widerwillen ihrem Gatten vor fünf Jahren die Hand gereicht und in ihrem Lebenskreise Keinen getroffen, der ihr ein wärmeres Gefühl erweckt, dem sie ein größeres Vertrauen hätte schenken können, als eben ihm; mir war in harter, unablässiger Arbeit der Umgang mit Mädchen und Frauen beinahe ganz verwehrt gewesen – ich hatte mit der Welt um das Dasein ringend keine Muße für Liebeständeleien, nicht einmal für eine Schülerliebe gefunden. Den Naturtrieb kannten wir beide; aber was die Liebe ist, war uns unbekannt wie der Apfel der Hesperiden. Wir hatten von idealischen Gefühlen bisher nur gelesen und geträumt, jetzt erlebten und erlitten wir selbst sie.
Welche Stunden! Hätten sie ewig dauern oder wir doch mit ihnen schmerz- und schuldlos in die Unendlichkeit versinken können! Freilich damals freuten wir uns jedes neuen sonnigen Tages, der uns aufstieg. Dieselbe Uhr, die mir jetzt regungslos gegenübersteht, der einzige Zeuge jener Vergangenheit, der letzte Rest, der von ihr geblieben, wie oft gebot uns ihr Weiser Trennung. Ein Erbstück noch von der Großmutter her, schmückte die altmodische Uhr das Lieblingszimmer Friederikens im Erdgeschoß. Von unseren Wandelgängen durch den Garten zurückgekehrt, sagten wir uns hier, wenn die Uhr die zehnte Stunde verkündigte, Lebewohl. Wie berauscht stieg ich dann den Hügel hinauf, um noch lange am offenen Fenster stehend auf die dunklen Wipfel ihrer Bäume herabzuschauen, die in ihrem Schatten sie, ihr Kind und ihr Haus einschlossen und verbargen. Ich hatte ihr meine ganze Jugendgeschichte erzählen müssen, bis zu dem Tage, an dem ich sie zum ersten Male gesehen, der für mich einen neuen Lebensabschnitt bezeichnete. Es war im Vollmondschein; wir gingen unter den Platanen hin und wieder, zuweilen fiel das Mondlicht auf ihr Gesicht, daß es wundersam erglänzte; unsere Hände suchten und verschränkten sich in einander ... da entfloh mir das erste Liebeswort. Sie zuckte zusammen, sie erwiderte nichts, aber sie duldete doch, daß ich ihre Hände mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte. Ich wollte vor ihr niederfallen, ihre Kniee umfassen – »Gotthold! Gotthold!« hauchte sie leise, und ihre Lippen berührten meine Stirn. Im nächsten Augenblick war sie entschwunden. Ich wagte ihr nicht zu folgen; glückselig irrte ich unter den Bäumen hinauf und hinab. Als ich endlich in den Salon zurückkam, Abschied zu nehmen und meinen Hut zu holen, saß sie am Tisch und blickte ohne zu lesen in ein Buch. Bei meinem Eintritt fuhr sie empor – eine Sekunde standen wir uns so wortlos mit fliegenden Pulsen und glühenden Gesichtern gegenüber. »Gute Nacht, liebe gnädige Frau!« stammelte ich. Da warf sie sich heftig weinend an meine Brust, küßte mich unter Thränen und rief: »Nun gehe, gehe!« Und sie drängte mich zur Thür. Ein Klügerer oder ein Kühnerer würde geblieben sein und es auf eine nochmalige Abweisung haben ankommen lassen, aber ich war ein Neuling in der Liebe und zu gewohnt, jedem ihrer Winke zu folgen. Auch getraute ich mich in meiner Zaghaftigkeit gar nicht an mein volles Glück zu glauben und fürchtete, wenn ich fest danach griffe, würde es mir in leere Luft zerrinnen. Sie mich lieben! dies Götterbild sich zu mir herabneigen – nicht im verwegensten Traume hätte ich es gefordert, und nun war es Wirklichkeit. Was wollte, was konnte ich noch mehr wollen?
In jener Nacht nichts mehr, das große unverdiente Glück hatte alle geringeren Wünsche verschlungen. Denn im ersten Rausch einer schwärmerischen Jugendliebe erscheint die Seligkeit, wieder geliebt zu werden, als der Inbegriff alles Höchsten und Begehrenswerten; das Herz wagt sich noch gar nicht an den Gedanken, die Geliebte zu besitzen, heran. Nichts trübte mir darum den Vollgenuß jener Stunden. Am nächsten Tage fiel freilich der Schatten des Irdischen wieder auf unsern Weg. Mit seltsamer Scheu, wie ich sie bisher an der ihres Wesens und ihrer Rede so sicheren Frau noch nicht wahrgenommen, begegnete sie mir; sie vermied es, mit mir allein zu sein, und behielt ihr Töchterchen um sich, es bald an der Hand fassend, bald es auffordernd, auf dem Teppich zu ihren Füßen zu spielen. Viel früher als sonst verabschiedete sie mich, unter dem Vorwande, daß sie noch Briefe zu schreiben habe, und als ich sie anschaute und »Friederike!« rief, erwiderte sie meinen Blick mit so bittendem, so herzrührendem Ausdruck ihrer Augen, daß ich nichts anderes zu thun vermochte, als zu gehen. Lange brauchte ich nicht nach der Ursache ihres Benehmens zu suchen: gerade als ich aus der Gartenpforte ging, übergab der Briefträger dem Hausdiener einen Brief – »Ach! vom Herrn!« sagte der, nachdem er die Aufschrift angesehen. Und damit sank die Last, die ihre Seele bedrückte, auch auf die meinige. Sie war vermählt, einem andern hatte sie Treue gelobt – wir standen vor einer Schuld. Eine quälende Unruhe ergriff mich. Ich war unter dem kategorischen Imperativ der Pflicht erzogen worden und hatte danach mein Leben eingerichtet. Wollte ich aufrichtig sein, konnte ich nicht einmal sagen, daß es mir seelisch schwer geworden, bis dahin alle meine Pflichten nach Kräften zu erfüllen. Hart hatte ich arbeiten müssen, Lieblingsplänen entsagt, auf den schönen Schein der Welt verzichtet, statt frei und ganz mich der Wissenschaft hinzugeben, als Tagelöhner gedient: aber ich hatte das alles wie eine Bestimmung auf mich genommen und mich nicht lange mit unnützen Gedanken aufgehalten. Jetzt zum ersten Male entbrannte in meinem Innern ein harter Kampf. Der Scheideweg des Herkules war da. Die eine Erkenntniß führte die andere herbei; waren wir schon zur Hälfte schuldig geworden, wie lange konnte es währen, und wir wurden es in jedem Sinne! Weil wir wußten, daß wir an eine verbotene Frucht gerührt, mußte sie bald doppelt verlockend für uns werden. Nur die Flucht konnte mich davor bewahren, sie zu brechen. Aber Friederike fliehen! Für immer mich von ihr losreißen, jeder Hoffnung, sie wiederzusehen, zu entsagen: es war zu viel! Und mußte denn gleich das Aeußerste geschehen, konnte unsere Liebe nicht auch ferner rein im reinen Gewande bleiben?
So war ich denn am nächsten Tage wieder in der Villa. Wie wir beide uns ansahen – so hatten wir uns noch nie angesehen, auch damals nicht, als ich ihr meine Liebe gestanden.
»Sie wollten mich verlassen,« sagte Friederike nach den ersten in der Gegenwart der Dienerin und des Kindes gewechselten Begrüßungsworten, als wir allein waren, »ich habe die Nacht in schmerzlichen Gedanken durchwacht, und die Ahnung zerriß mir das Herz, daß Sie auf Flucht sännen, auf Flucht vor der Liebe und vor mir.«
»O Friederike, Sie allein haben über mich zu gebieten! Ein Wort von Ihnen heißt mich bleiben oder vertreibt mich. Sprechen Sie dies Wort; ich höre auf keine andere Stimme als die Ihrige, bei Ihnen liegt die Entscheidung meines Schicksals.«