»Kann ich dies Wort denn sprechen, Gotthold? Wie wäre ich darauf verfallen, daß Sie mich fliehen wollten, wenn ich nicht selbst den Gedanken unserer Trennung in mir erwogen hätte! Durch ein unlösliches Band bin ich mit einem Anderen verbunden – und doch kann ich Ihnen nicht sagen: verlaß mich. Wenn Sie von mir gingen – ich weiß nicht, was geschähe, aber selber mein Unglück zu vollenden, dazu fehlt mir die Kraft.«

»Und warum sollte ich Sie fliehen,« entgegnete ich in der Selbstbethörung der Leidenschaft, »da ich Sie wie eine Heilige verehre, da ich keinen andern Wunsch hege, als Sie glücklich und ruhig zu sehen« ... und was uns in solcher Lage noch weiter der Wahn, Meister unsers Willens zu bleiben, und die Hoffnung, daß die Seele so wie jetzt immer über die Begierden der Sinnlichkeit triumphiren werde, auf die Lippen legen – eitle, fadenscheinige Gründe, wenn sie nicht an eine Frau gerichtet würden, deren Herz nichts weiter verlangt, als bethört zu werden. So viel schwärmten wir einander von hingebender Freundschaft, von unentweihter Seelensympathie und platonischer Liebe vor, daß wir an jenem Abend überzeugt waren: wir würden am Absturz nicht straucheln. »Wir haben einen Engel, der uns beschützen wird,« sagte Friederike und schloß ihr Töchterchen in ihre Arme, »ich habe es geboren, du hast es gerettet, lege deine Hand auf dies unschuldige Haupt, daß wir niemals vor diesem Kinde zu erröten brauchen.«

Mein Gastfreund mochte sich das Seinige von meinen Besuchen in der Villa denken, er gehörte in Liebessachen nicht zu den strengen Moralisten, sondern eher zu denen, die mutig ein gutes Glück erhaschen und festhalten, wo und wie es sich ihnen bietet. Unsere Gefühlsentzückungen würde er einfach als überwundene Romantik zurückgewiesen haben. So gab es niemand, der uns hätte raten können – als ob wir noch Rat angenommen! Wir waren eben in der Gewalt einer übermächtigen Leidenschaft, die mit uns ihr grausames Spiel trieb und uns bald mit heftigem Anreiz, bald mit dem Martyrium der Entsagung quälte. Eins nur war gewiß, in diesen vier Tagen war trotz aller guten Vorsätze unser Handdruck zärtlicher und unser Lebewohl länger geworden. Immer, wenn die Stunde des Aufbruchs schlug, hatten wir uns noch etwas zu sagen, immer schwerer wurde die Trennung. Wir hüteten uns wohl, unsere Stimmung in ein Wort zu fassen, aber statt dessen redeten die Blicke. Stumm und doch verständlich leuchtete in ihnen Frage und Antwort, ein schüchternes Verlangen, ein halbes Gewähren auf. Eines Abends war sie besonders erregt, in stürmischer Hast, voll wechselnder Launen – ich schob es auf die Schwüle der Luft, ein Gewitter zog von Süden her den Strom hinunter. Von den verschiedensten Dingen hatten wir gesprochen, wie wir uns einander schreiben wollten, daß ich aus der Hauptstadt nach ihrem Wohnsitz ziehen sollte, daß mir ihr Einfluß und der ihrer Verwandten bald eine auskömmliche Praxis dort verschaffen würde, von der Schönheit des Sommers, von der Kürze des Lebens, von der Bedürftigkeit des Menschen und der Unsterblichkeit der Seele, wie das Loos der Armen an Geist und Herz auf Erden das glücklichste wäre – alles wirr und kraus durcheinander, wie Menschen, die den Gegenstand, der sie einzig beschäftigt, nicht zu berühren wagen. Endlich faßte sie Mut: »Gotthold, am Sonntag trifft mein Mann hier ein –« und ihrer Gefühle nicht mehr Herrin, brach sie in ein wildes Schluchzen und Weinen aus.

»Dein Mann?« fragte ich zurück, nicht weniger entsetzt, als sie: das Unerwartete schlug mich nieder.

»Er ist heute in Ostende, morgen wird er in Köln sein – er will das Kind sehen.«

»Und du?«

»Und ich!« brach sie leidenschaftlich aus. »Ich bin das unglückseligste Weib. Einem Mann verbunden zu sein, sich ihm versprochen zu haben für Tod und Leben, den man nicht liebt, ist ein Elend, aber es ist erträglich, so lange man nicht liebt. Aber ich liebe dich – dich allein und kann nicht länger die Seine sein. Der bloße Gedanke erregt mir einen tödlichen Schauer, ich bin entwürdigt in seinen Armen.«

Mit entfesselten Haaren stürmte sie durch das Gemach, in dem Sturm, der ihr Innerstes aufwühlte, hatte sie all ihre sonstige Gemessenheit verloren. Zu der Spannung unserer Gemüter stimmte das Rollen des heranziehenden Gewitters und der Widerschein des fernen Blitzes.

»Giebt es etwas Bejammernswerteres als ein Weib?« fuhr sie heftig fort. »Sie ist die Sklavin, die Puppe, die Beute des Mannes, der sie erworben. Es fällt ihm nicht ein, nach den Bedürfnissen ihres Herzens zu fragen – genug, wenn er für sie sorgt, er ist dann schon der beste Gatte, dem sie Gehorsam und Treue schuldet.«

»Denke nicht mehr an ihn,« unterbrach ich sie, »wir sind beisammen, Friederike, ich liebe dich, keine Macht soll dich jetzt mir entreißen; die Liebe ist das höchste Gefühl, das uns gegeben ward, sie allein hat Recht vor allen anderen Gesetzen und Pflichten.«