Sie hatte eine Weile am Fenster gestanden und in das Blitzgefunkel hineingestarrt, jetzt umschlang ich sie mit meinen Armen.

»Durch dich lebe ich erst und soll dich nun aufgeben, Friederike, dich für immer verlieren, ohne dich je besessen zu haben, und dabei zu wissen, daß du mich liebst – sei mein! sei mein!« flehte ich.

In ihren Thränen war sie widerstandslos; das lange, seidene, sie umflutende Haar, das unter der Berührung meiner Hand leise knisterte, wie elektrische Funken, die Unordnung ihrer Kleidung machten sie noch verführerischer und begehrenswerter. »Mutter! Mutter!« rief es da nebenan – die Stimme des Kindes, das ein stärkerer Donnerschlag aus seinem Schlafe geschreckt hatte. Ich werde nie den Blick vergessen, mit dem mich Friederike bei diesem Rufe anschaute. Sie riß die Glasthür, welche den Salon von dem Nebenzimmer trennte, auf und kniete neben dem Bette Elsbeth's nieder. Und in demselben Moment hob die Uhr – dieselbe Uhr, die mir jetzt wieder gegenübersteht, aus und schlug die zwölfte Stunde. Die Glasthür stand offen, mit ihren Liebkosungen und tröstenden Worten hatte die Mutter das schlaftrunkene Kind bald wieder eingewiegt, das Wetter, das einen Augenblick über unsern Häuptern gestanden, schien sich fernab von uns nach dem jenseitigen Ufer hinüberzuziehen – noch hatte der Zeiger auf dem Ziffernblatt nicht zehn Minuten zurückgelegt, aber in uns beiden hatte sich ein Umschwung vollzogen. Schon damals wäre es mir nicht möglich gewesen, was in mir vorging, genau zu schildern, wie vermöchte ich es jetzt nach dreiundzwanzig Jahren! Ihre rührende Schönheit, die Schuldlosigkeit ihres bisherigen Lebens – und dagegen eine schuldvolle, ungewisse Zukunft, das Versprechen, das wir uns gegeben, die dunkle Furcht, daß der Augenblick des Glückes durch viele Stunden des Grames und der Reue gebüßt werden müßte, die letzte Regung der Tugend, die sich noch einmal, halb besiegt im Kampf mit der Leidenschaft, aufrichtet – alles drängte sich mir wie auf einen Punkt, wie in einen Strahl zusammen, der mein Herz durchbohrte. Es war mir, als gingen auf dem Ziffernblatt der Uhr gespenstisch alle Stunden, die ich schon gelebt und die ich noch leben würde, vorüber – die ersten mit ernst ruhigem Gesicht, leicht beflügelte Gestalten, die andern, das Auge am Boden oder scheu sich umblickend, die Hände ringend, blaß und verstört, als wären die verfolgenden Furien auf ihren Fersen.

»Gotthold!« sagte da leise hinter mir ihre Stimme, und ihre Hand legte sich sanft auf meine Schulter. Ich hatte es nicht gemerkt, daß sie wieder aus dem Nebengemach hereingetreten war. »Das Kind schläft –«

Wie es nun auch gekommen, ob durch Zufall, ob durch unser Verdienst – das, was die Mehrzahl der Menschen in diesem Falle Glück genannt hätte, war verpaßt. Der unerbittliche Weiser der Uhr war über die Schicksalsminute hinweggeschritten und nicht wieder zurückzustellen.

»Friederike!« rief ich und fiel vor ihr nieder. Sie hatte die Haare aus der Stirn gestrichen und hob mich empor.

»Es ist besser so, Gotthold,« flüsterte sie, »glaub' es mir. Wir gehören nicht zu denen, welche die Reue nicht kennen oder sie doch zu ersticken wissen. Lass' uns schuldlos scheiden. Dann war alles wie ein Traum, aber ein seliger Traum, an den wir ohne Bitterniß zurückdenken können.«

Was sollte ich ihr entgegnen? Wie wild und ungestüm auch etwas im Innersten meines Herzens ihr widersprach, ich fand ihr gegenüber nicht mehr die überredenden, die siegreichen Worte. Aus mir selbst war das Dämonische der Leidenschaft gewichen; was übrig blieb, leuchtete wohl noch wie Abendrot, aber es wärmte nicht und zündete kein Feuer mehr an. Friederike war für mich wieder die Madonna unserer ersten Bekanntschaft geworden; kein sinnliches Begehren wagte sich an sie heran.

So sind wir von einander gegangen, glücklos und reuelos. Denn ich kann nicht behaupten, daß ich jemals später meine Entsagung, Schwäche, Dummheit oder Blödigkeit, wie man es nun nennen mag, bedauert oder dem Abenteuer ein anderes Ende gewünscht hätte. Am wenigsten in jener Neujahrsnacht, wo mir im plötzlichen Anblick der Adleruhr mit Josephinens Bildniß die Vergangenheit wieder lebendig wurde. Was damals mit der Schnelle des Gedankens und doch in hellsten Farben vor mir vorüberflog, habe ich manche Tage nachher hier niedergeschrieben. Blaß und matt das Ganze – ein rechtes Abbild meines Lebens. Am andern Tage reiste ich entschlossen ab. Auf meinen Abschiedsbrief schrieb sie mir einmal nach der Hauptstadt, es ist einer meiner theuersten Schätze; aber einen innigeren Briefverkehr lehnte sie ab. Drei Jahre nachher meldete mir der Freund, daß sie in Nizza gestorben sei.

Und ich mußte nach einer so langen, so wechselvollen Zeit, unter so veränderten Umständen ihrer Tochter wieder begegnen und wie von einer magischen Gewalt an sie gefesselt werden! Noch ehe ich eine sichere Bestätigung hatte, zweifelte ich schon nicht mehr, daß Elsa jenes Kind sei, das ich damals gehütet, bewacht und gebettet, dem ich, wie die Mutter in ihrer dankbaren Freude ausgerufen, ein zweiter Vater gewesen. Die unerklärliche Macht der Sympathie verband uns beide und wirkte zwischen uns mächtiger als die Verwandtschaft des Blutes. Uns unbewußt gab es einen geheimen Zusammenhang zwischen unseren Schicksalen und unseren Herzen, weil wir an einem dritten, an Friederikens Leben gleichen Teil gehabt. Mit einem Dasein, das vorübergegangen, mit einem Wesen, das ausgelöscht, waren wir verwachsen, und diese Gemeinsamkeit trieb uns trotz aller Hindernisse der Wirklichkeit zu einander. Zu einander und zugleich ach! aus einander! Wie durften die Lippen, die der Mutter Liebe zugeschworen, der Tochter dieselben Beteuerungen wiederholen! Die Neigung meines alten Herzens zu Elsa dünkte mich wie eine Verirrung des natürlichen Gefühls. Väterliche, freundschaftliche Empfindungen waren in dem farbenschillernden Theaterdunstkreis, der Elsa umgab, in eine Art phantastischer Leidenschaftlichkeit umgeschlagen – und wenn das Herz solche Deutung auch nicht zugeben wollte, der Verstand, die Pflicht, die Seele forderten sie gebieterisch. Einer, der als Jüngling die Mutter geliebt, konnte nicht in grauen Jahren die Tochter zum Traualtar führen – konnte vor allem nicht, weil er durch eine traurige Erfahrung wußte, daß er nicht geliebt wurde. Das Glas voll Wein ist wieder aus deiner Hand gefallen – da liegen die Scherben!