Inmitten dieses Gedankensturms, der mir im Gehirn tobte, hatte ich nur ein festes, unerschütterliches Bewußtsein: das meines Berufes. Ich war wieder an Elsa's Bett gegangen, die Fieberhitze hatte ein wenig nachgelassen. Einmal, als ich ihr den Eisumschlag zurechtrückte, schlug sie die Augen auf. »Sie sind es, mein Freund,« wimmerte sie, »wenn Sie bei mir stehen, verschwinden die Schreckbilder. Lassen Sie mich nicht sterben, ich bin die Ihre!«
Gutes Kind, deine Entscheidung kam zum Glücke schon zu spät – ein Schatten hatte sich zwischen uns aufgerichtet, den wir nicht verscheuchen durften.
Es dämmerte bereits, der trübe Morgen eines Wintertages, als ich, da jede unmittelbare Gefahr beseitigt war, in meine Wohnung hinüberging. Beinahe wäre ich zurückgefahren – wie vor einem Gespenst: in meinem Lehnstuhl saß Lüttow, im grauen Mantel, den Hut auf dem Kopfe.
»Ich erwarte Sie schon mehrere Stunden, Herr Medicinalrat,« sagte er zwischen Beben und Knirschen, »ich habe Ihrem Diener verboten, Sie zu rufen – Sie waren nebenan viel nötiger als bei mir.«
Der unheimliche Ausdruck des Mannes hatte jetzt noch die Zugabe des Verwahrlosten und Nachtschwärmers bekommen, so daß ich beinahe zweifelhaft war, ob er nicht ebenso sehr wie Elsa die Hilfe des Arztes bedürfe.
»Was begucken Sie mich von oben bis unten?« brach er aus, Hut und Mantel von sich schleudernd, »bin ich ein Todeskandidat – was liegt an mir!«
»Ein Todeskandidat,« antwortete ich gereizt – wie viele Ursachen hatte ich nicht, ihn zu hassen! – »nein, aber einer für das Irrenhaus.«
»Ich habe es auch schon gedacht. Was ich in dieser Nacht gelitten, würde auch einen besseren Verstand als den meinen außer Fassung gebracht haben. Erst als ich Sie eintreten sah, wurde mir leichter. Sie lebt, sie wird leben – ich habe nicht die Last eines doppelten Totschlages auf dem Gewissen. Aber seit Mitternacht jagte ich wild und unstät durch die Gassen, ich unter all' den Fröhlichen ein zwiefacher Mörder, der Mörder meines Jugendfreundes und meiner Geliebten. Hätte ich einen Revolver bei mir gehabt – Wetter! ich würde jetzt nicht das Vergnügen haben, Ihnen ein fröhliches Neujahr zu wünschen!«
Die Antwort ersparte mir der Diener, der mich die Thür hatte öffnen hören und nun in klugem Verständniß menschlicher Bedürftigkeit den Kaffee hereinbrachte. Mein seltsamer Gast hatte den erwärmenden Trank gewiß so nötig wie ich. »Nicht wahr – Sie verschmähen eine Tasse nicht?« sagte ich. Er trank hastig, in schnellen Zügen – in seine fahlen Wangen kam ein Schimmer von Farbe.
»Und Elsa – und Fräulein Themar,« verbesserte er sich, »ist außer Gefahr?«