»Ich hoffe es, aber schließlich würde auch ein stählerner Körper solchen wiederholten Erschütterungen nicht Stand halten, und Sie haben nun schon zum zweiten Male das Fräulein in Todesgefahr gestürzt. Trotz des Verbotes, das ich Ihnen als Arzt gegeben, sich ihr zu nähern, trotz Ihrer eigenen Versicherung, die Sie mir vor einigen Tagen machten, daß Sie jeder Hoffnung entsagt hätten. Ich habe weder Veranlassung noch Recht über Ihre Leidenschaft abzusprechen, aber Ihre Handlungen sind nicht die eines Mannes, der wahrhaft liebt.«
Nach dem Opfer, das ich in meinem Herzen gebracht, fühlte ich mich stark und hatte wieder die Stelle in diesem Drama gefunden, die meinen Jahren und meinem Stande geziemte. Ingrimmig, die geballte Faust auf dem Tische, schaute er mich von der Seite an; allein er merkte, daß seine Mienen, sein Zorn mich nicht einschüchterten.
»Nicht wahrhaft liebt? Weil ich eben anders liebe, als Sie? Weil ich kein Fischblut in den Adern habe? Weil ich nicht girre und seufze, sondern zugreife?«
»Nein,« entgegnete ich, »sondern weil Sie nicht achten, was Sie zu lieben vorgeben, und nur Ihre Befriedigung suchen, unbekümmert um die Empfindung der Geliebten.«
»Wollen Sie mich anhören?« fragte er darauf. »Der Gang zu Ihnen war mir nicht leicht; ich unterwerfe meine Handlungen nicht gern dem Urteil anderer, aber ich bin in Verzweiflung – zwischen Selbstmord und Irrenhaus.«
»Die Aufregung wird sich legen, Herr von Lüttow; sprechen Sie sich aus, vielleicht werden wir dann klarer sehen, was zu Ihrer, was zu Elsa's Heilung führen kann; ein Richter bin ich in der Sache nicht, nur ein Arzt.«
»Sie sind unter anderen Verhältnissen groß geworden als ich, haben nur mit Büchern und mit Kranken gelebt – alle Ihre Ansichten und Gefühle werden sich darum von den meinigen unterscheiden; aber Sie sind ein Mann und werden mich begreifen.«
»Ich will's versuchen, wenn auch nicht, um alles zu entschuldigen.«
»Als ob ich mich nicht selbst für einen ganz unseligen Menschen hielte! In meiner Familie sind der Jähzorn und das aufbrausende Wesen erblich. Und in einem solchen Charakter, der einer Pulvertonne gleicht, fällt nun der Funke der Liebe. Da muß wohl Würde, Haltung, Verstand in die Luft fliegen! Ich habe das Fräulein in Wiesbaden kennen gelernt, in glänzendster Umgebung, recht auf der Höhe des Lebens. Sie bewohnte mit ihrem Vater, dem Kommerzienrat Asser« –
»Asser!« nickte ich ... sie war Friederikens Tochter!