»Kannten Sie den Mann?«

»Ich habe gelegentlich von ihm gehört.«

»Sie bewohnten eine kleine, in der Nähe der Stadt reizend gelegene Villa, mit Dienerschaft, Wagen und Pferden. Welche Rolle Fräulein Elsbeth in der Badegesellschaft spielte, brauche ich Ihnen nicht zu schildern. Sie war voll Geist und Leben, immer in der geschmackvollsten Kleidung, überreich mit allen gesellschaftlichen Talenten begabt, zu Pferde sah sie entzückend aus. Ich verliebte mich in sie, blindlings, kopfüber. In dem Schwarm der Verehrer, der Freunde, der ernsthaften Bewerber, die sich um das reiche und schöne Mädchen drängten, kostete es einige Mühe, einen ersten Platz zu erringen. Aber es gelang mir, von ihr bemerkt und wenigstens durch Neckereien ausgezeichnet zu werden. Sie glauben mir, daß unser Verhältniß damals nichts von der Spannung und der Pein hatte, die es seitdem angenommen.«

»Ich glaube es gern, die Frage ist nur, durch wessen Schuld es sich verändert.«

»Schicksal! Schicksal! Ich hatte dem Mädchen gegenüber die redlichsten Absichten; wir standen in dem passenden Alter zu einander, sie brauchte, schön wie sie war, nicht zu fürchten, nur ihres Vermögens wegen geheiratet zu werden – ich bin reich, und wenn ich Schulden hatte, konnte ich sie allein bezahlen.«

»Aber was half das Ihnen, wenn Sie nicht geliebt wurden?«

»Wurde ich nicht geliebt? Das eben hat mich toll gemacht. Es hat Augenblicke gegeben, wo ich das Gegenteil glauben durfte, wo auch die anderen überzeugt waren, daß Elsbeth sich für mich erklären würde. Eine unüberwindliche Scheu hielt sie indessen zurück, mir ihr Jawort zu geben. Man mag ihr von meiner Unbändigkeit und Wildheit erzählt haben, und sie empfand eine Art Schrecken vor mir, der das Gefühl der Liebe nicht aufkommen ließ. Es lag tief vergraben, wie unter einem Alp, den es nicht von sich abschütteln konnte. Und ich bin ein schlechter, ein zu ungeduldiger Schatzgräber. Manche meiner Aeußerungen und Handlungen verstärkten die schlimme Meinung, die sie von mir hatte: ich habe einmal gesagt, daß ich es wohl verstände, wenn einer in Liebesraserei die Geliebte töte. Hm! das war nicht vielverheißend für eine, die meine künftige Gattin werden sollte, um so weniger, da sie einen starken Eigenwillen und einen harten Trotzkopf hatte. So hab' ich Wiesbaden verlassen, ohne ihr Herz, ohne ihre Hand zu erhalten: die Nachricht von der gefährlichen Erkrankung meines Vaters rief mich nach meiner preußischen Heimat. Dort hörte ich von dem Fallissement des Kommerzienrats Asser – gerade sechs Monate waren seit unserm lustigen Badeleben vergangen – daß er aus Kummer darüber gestorben, daß die Tochter ihr eigenes Vermögen daran gegeben, um den Makel von dem Namen ihres Vaters zu löschen, und fern zu Verwandten, bald hieß es nach Holland, bald in die Schweiz, verzogen sei. Genug, für mich war Elsbeth Asser verschollen. Nun malen Sie sich mein Erstaunen, den Wirbelsturm von Gedanken und Gefühlen aus, als ich dies Mädchen auf der Bühne meiner Garnisonstadt als Emilia Galotti wiedersehe! Die Flamme meiner Leidenschaft war noch nicht niedergebrannt, sie schlug bei diesem Anblick mit erneuter Glut auf. Alles diente ihr zur Nahrung: Elsa's Unglück, ihr Talent, ihre neue Stellung, die verschiedenen Rollen, die sie spielte, die Selbständigkeit und Einsamkeit ihres Lebens – ach! Sie haben es ja selber durchgemacht, diese Hölle, dies Fegefeuer und Paradies, was man eine Schauspielerin lieben heißt.«

Eine Weile saß er, den Kopf in beide Hände gestützt, schweigend, in sich hinein brütend, da. »Das Uebrige,« fuhr er dann fort, »wissen Sie wohl, sie wird es Ihnen erzählt haben. Ich habe meinen liebsten Freund erschossen – aus Verblendung, Eifersucht, Jähzorn, Wahnsinn ... immer bleibt es doch bestehen: ich bin ein Mörder. Zuweilen, während der Festungshaft, hoffte ich, daß ich sie, die unschuldige Ursache meiner Unthat, hassen und fortan fliehen, daß der Schatten des Getöteten neben ihr einhergehen würde ... Es war thörichte Gespensterfurcht. Ich liebe sie heftiger als je: mein Freund ist dieser Leidenschaft zum Opfer gefallen, ihre Liebe ist mir den Ersatz für ihn schuldig. Das Blut, das vergossen wurde, kittet uns an einander – vergebliche Mühe, dies Band zu zerreißen. Manchmal regt sich die verständige Ueberlegung und sagt mir, daß Elsa mit mir und ich mit ihr unglücklich werden würde – kann sein! zischelt der Dämon dazwischen, aber zuerst werdet ihr glücklich sein. Seit Tagen suchte ich eine Unterredung mit ihr, ich wollte ihr noch einmal mein Herz ausschütten, noch einmal mich bemühen, ihren Starrsinn zu brechen – ich hatte mich hinter eine ihrer Kameradinnen gesteckt und das gutmütige Mädchen für mich gewonnen. Allein Elsa verweigerte mir den Zutritt zu ihrer Wohnung, sie mochte einen Zusammenstoß zwischen mir und Ihnen besorgen. Da machte die Vermittlerin den Vorschlag, wir alle drei sollten uns auf dem Maskenballe treffen; ich würde Muße und Gelegenheit finden, mich auszusprechen, und zugleich gäben die Oeffentlichkeit des Ortes und die Menge der Gäste Elsa Sicherheit gegen meine etwaige Heftigkeit. Daß sie einwilligte, bestätigte mir wieder den Glauben, der mich noch nicht verlassen, daß eine leise Stimme in ihrem Herzen für mich spricht.«

»Ich glaube es beinahe auch,« sagte ich unwillkürlich; seine Erzählung hatte mir ein gewisses Mitleid mit ihm erweckt.

»Sie auch!« schrie er auf. »Viktoria!« Und er umarmte mich stürmisch. »Es wird doch noch gut werden, sie wird sich umstimmen lassen und endlich erkennen, daß all mein Thun nur aus Liebe zu ihr entspringt.«