»Aber ich weiß noch immer nicht, was in der Nacht vorgefallen ist und Elsa in diesen Zustand versetzt hat,« unterbrach ich ihn.
Er rieb sich die Stirn und zog die buschigen Augenbrauen noch dichter zusammen.
»Was soll ich Ihnen sagen? Ein Wort gab das andere – man hatte mir zugeflüstert, sie dächte daran, die Bühne zu verlassen und eine reiche Heirat zu schließen – mit Ihnen, natürlich,« lachte er halb spöttisch, halb hämisch dazwischen. »Und als sie auf meine Frage, ob das Gerücht die Wahrheit spräche, nicht so antwortete, wie ich es gehofft, wogte es wie eine Blutwolke vor meinen Augen. ›Hüte dich!‹ rief ich, ›es ist schon einer um dich gestorben!‹ Gerade mußte da Mitternacht schlagen und der Jubel im Nebensaal ausbrechen – sie fiel besinnungslos nieder, mich rissen die Menschen fort oder jagten die Furien hinaus!«
»Und nun?« fragte ich nach einer längeren Pause, da er nicht Willens schien, unaufgefordert seine letzten Gedanken zu äußern, »was soll, was kann nun geschehen?«
»Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, Herr Medicinalrat, Ihnen eine Beichte abzulegen: ich kam, ein von Angst Gefolterter, der von Ihnen Tod oder Leben erwartet; das Gespräch hat mich weiter geführt, als ich beabsichtigte. Sie wissen jetzt, wie diese Geschichte begonnen und sich verwickelt hat, wie es um mein – wie es um Elsa's Herz steht. Wir sind Nebenbuhler, und wir müßten uns eigentlich die Hälse brechen, aber Sie sind ihr Retter und Arzt, Sie haben selbst vorhin zugegeben, daß Elsa's Herz sich zu mir neige – seien Sie großmütig, werden Sie mein Fürsprecher. Mir ist es immer, als wäre alles, was uns trennte, nur Schein und Mißverständniß, als bedürfte es nur einer ruhigen und glücklichen Hand, diese Scheidewand zu entfernen. Ich besitze eine solche Hand nicht, aber Sie« ...
Bei all' seiner Wildheit lag etwas Bestechendes in seinem Benehmen, und in der Entsagungsstimmung, in der ich war, konnte ich seine Bitte nicht abschlagen. Vielleicht versprach ich ihm mein Fürwort auch nur, ohne mir recht klar darüber zu werden, um mich und Elsa eine Weile von ihm zu befreien.
»Sie werden nichts unternehmen, Herr von Lüttow, bis ich Ihnen Nachricht gegeben,« sagte ich beim Abschiede.
»Auf Ehrenwort.«
»Und sich der Entscheidung des Fräuleins fügen?«
»Auch das. Es soll der letzte Versuch sein« – dabei griff er mit beiden Händen in den rötlich blonden Bart und bemühte sich, hell auf zu lachen. Aber es kam nur ein heiserer Ton und eine Gesichtsverzerrung heraus. Der Wolf in ihm stritt beständig mit dem Menschen.