Wie nach Elsa's erstem Unfall, stellte sich auch diesmal, nachdem die Kraft des Uebels gebrochen war, die Besserung und Genesung schnell wieder ein. Ihre gute Natur rückte alles bald in das Gleichgewicht; sie schrak leicht zusammen, wie die Mimose, allein die Gesundheit und glückliche Beschaffenheit ihres Körpers, verbunden mit ihrer Jugend, tilgten eben so rasch die Spuren des Schreckens. Nur aus ihrem Gemüt schien er diesmal nicht weichen zu wollen. Ihre Stimmung hatte eine düstere Färbung angenommen, kein Mittel, sie zu erheitern, schlug durch. Die Unmöglichkeit, auf der Bühne während der nächsten Tage aufzutreten, der Gram, durch eigene Unvorsichtigkeit sich den Fortgang ihrer Triumphe verscherzt zu haben, mochte mit an ihrem Herzen nagen.

»Dieser eine Maskenball,« sagte sie bitter, »hat mich von der Laune geheilt, je einen zweiten zu besuchen. Ich habe meine Thorheit theuer bezahlt, aber ich hoffe, daß es Ihrer Frau zu gute kommen wird.«

Sie glaubte oder gab sich den Anschein zu glauben, daß unsere Verbindung eine fest beschlossene Sache sei, und daß es nach allem, was geschehen, kaum noch ihrer besonderen Einwilligung bedürfe. Zunächst widersprach ich ihr nicht; die Enttäuschung, die ihrer wartete, bereitete ihr schwerlich einen ernsthaften Schmerz, die Empfindungen der Dankbarkeit und Freundschaft erlitten durch die Enthüllungen, die ich ihr zu machen hatte, keinen Eintrag, sondern erfuhren dadurch nur eine Reinigung und Läuterung; alle Schlacken eines falschen Gefühls, einer im tiefsten Grunde halb unfreiwilligen Zärtlichkeit fielen von ihnen ab, fortan brauchten sie ihren Glanz nicht von dem Namen der Liebe zu borgen, in dem Licht ihrer eigenen Schöne konnten sie strahlen. Ich allein hatte einen unersetzlichen Verlust zu beklagen, ich allein sah einer freudlosen Zukunft entgegen. Es war nur menschlich, mich eine kurze Frist noch in dem holden Wahn eines erträumten Glückes zu wiegen und dabei zugleich die Anzeichen aufzusuchen und zu finden, daß dies Glück sich niemals hätte verwirklichen lassen – so viel Selbstquälerei darin lag, so viel Stärke der Entsagung schöpfte ich doch auch daraus.

Eines Abends begann sie von ihren Eltern zu erzählen; ich müsse doch ihre Herkunft wissen, ehe ich sie heimführe. –

»Ach! Elsa, ich kenne Sie längst – länger als wir beide es bis jetzt geglaubt,« antwortete ich. »In jener Neujahrsnacht – die Uhr dort hat mir alles verraten.«

»Die Uhr? Wie merkwürdig! So altmodisch und wunderlich sie aussieht, ich habe mich nie von ihr trennen können. Schon als Kind hatte ich sie lieb, wohl des hübschen Bildes willen. Sie ist ein Erbstück aus dem Hausrat meiner Urgroßmutter, und bei dem Zusammenbruch unseres Hauses habe ich sie als eine der wenigen Reliquien einer glücklicheren Zeit gerettet. Und Sie wollen sie kennen?«

»Beinahe so genau wie Sie« – sagte ich und konnte vor Bewegung eine Thräne nicht unterdrücken.

»Um Gottes willen, was ist Ihnen, mein Freund? Sie weinen! Habe ich eine so schmerzliche Erinnerung erweckt?«

»Die traurig süßeste meines Lebens, Elsa, die Erinnerung an Ihre Mutter!«

»An meine Mutter!« Sie stand vor mir und schaute mir tief in die Augen. »Ich war noch ein Kind, als ich sie verlor, und habe nur eine ganz undeutliche Vorstellung von ihr. Sie haben sie gekannt? O sie war gut und schön, erzählen Sie mir von ihr. Ich weiß so wenig von ihrem Sein und Denken, ich bin unter fremden Leuten groß geworden. Der Vater sprach nur selten von der Vergangenheit, und ich wagte nicht oft, als ich wieder aus der Erziehungsanstalt in sein Haus zurückgekehrt war, nach der Verstorbenen zu fragen; Sie aber haben ihr ein gutes Angedenken bewahrt« ...