»Ich habe sie geliebt, Elsa« –
»Meine Mutter!« Und mit einer unbeschreiblichen Bewegung, in der sich Staunen, Scheu und geheime Freude ausdrückte, griff sie mit ihren beiden Händen nach ihrem Herzen, als müsse sie es hindern, sich durch sein lautes Pochen zu verraten.
»Und vielleicht entspringt aus dieser Liebe die Sympathie, die mich mit Ihnen verbindet,« setzte ich rasch hinzu.
Sie saß auf einem niedrigen gestickten Stuhl halb zu meinen Füßen, die Hände im Schooß verschränkt, zuweilen zu mir aufblickend, zuweilen träumerisch in die rotglühenden Kohlen des Kamins schauend. So erzählte ich ihr die Geschichte meiner ersten Liebe. Es gab nichts darin zu verschweigen oder zu übertünchen, weder hatte ich vor ihr noch hatte sie über ihre Mutter zu erröten; es war eben eine deutsche Liebe, kein Abenteuer, wie sie es in ihren französischen Komödien zu spielen pflegte. War es nun die Rührung, die mich überwältigte, oder hatte die Einfachheit und Unschuld des ganzen Vorgangs eine solche Gewalt – thränenüberströmt legte sie ihr Haupt, als ich geendet, auf meine Kniee. Ich mußte ihr den vergilbten Brief Friederikens herüberholen, und sie las ihn mit dem Ausdruck tiefster Erregung.
»Warum mußte ich sie verlieren, ehe ich sie recht hatte lieben lernen!« schluchzte sie. »Ja, mein verehrter Freund, in der Erinnerung an sie werden wir immer vereinigt bleiben!«
»Ja wohl, in Freundschaft verbunden, liebe Elsa,« sagte ich und schloß sie in meine Arme. »Jedes unklare Gefühl ist aus meiner Brust gewichen, die Verwirrung hat sich gelöst – ich liebte ahnungslos in Ihnen die Mutter, ich glaubte mich berufen, Sie zu beschützen, als Ihr Gatte Sie zu vertheidigen – es war nur die letzte Nachwirkung jenes Dranges, der mich damals trieb, das Leben des Kindes vor dem Tode zu schirmen. Vergeben Sie mir die Irrung meines Herzens, wenn sie, wie ich fürchte, Ihnen schwere Stunden bereitet hat, und vertrauen Sie fortan in jeder Lage und zu jeder Zeit Ihrem Freunde!«
»Wie mein Leben, schulde ich Ihnen nun auch meine Freiheit,« brach sie aus, »so kann ich denn ganz, ungeteilt und ohne quälende Rückgedanken mich meiner Kunst widmen, es überkommt mich aus Ihrem, aus meiner Mutter Beispiel etwas wie eine Reinigung aller Leidenschaften, zum ersten Male fass' ich den Glauben an meine Künstlerschaft!«
Aus ihren Augen leuchtete ein Feuer, wie es mir so hell und strahlend noch nicht daraus entgegengeglänzt, eine edle Begeisterung beseelte und erhöhte ihr ganzes Wesen. Es war Unrecht, diese getragene Stimmung zu stören und, statt die eine Saite voll ausklingen zu lassen, eine andere zu berühren, die aller Wahrscheinlichkeit nach einen schrilleren Ton von sich gab. Aber wenn ich diese Gelegenheit gegenseitiger Offenbarungen versäumte, ihr von Lüttow zu sprechen, wer wollte sagen, ob ich sie bald wiederfand? Welche Ueberwindung es mich auch kostete, ich war entschlossen, ihm mein Wort zu halten. Ueberlegte ich ihr Benehmen gegen ihn, so konnte auch ich nicht daran zweifeln, daß sich das Seltsame und Widerspruchsvolle darin am besten durch eine von mancherlei Einwänden und Bedenken bekämpfte, über sich selbst ungewisse Neigung erklärte.
»Sie kennen meine Ansichten über das Schauspielertum und das Bühnenleben,« sagte ich darum nach einer Weile, an ihre letzten Worte anknüpfend. »Ich begreife sein Berauschendes, die Verklärung der ganzen Persönlichkeit auf den Brettern, im Schein der Lampen. Die Kunst selbst, wer schätzte, wer bewunderte sie nicht! Ob aber ihre Ausübung den Künstler glücklich macht? Niemand kann Ihnen eine glänzendere Zukunft wünschen, als ich, der ich frei von allen eigensüchtigen Hoffnungen und Eitelkeiten bin, dennoch dürfen Sie es der Weisheit meines Alters nicht verargen, wenn sie danach forscht, ob hinter diesem bunten Glanz sich auch wirklich Zufriedenheit und Herzensruhe verbirgt?«
Der Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich, sie runzelte die Stirn und entfernte sich einige Schritte von mir.