»Herr von Lüttow würde mich am liebsten erwürgen, wie Othello Desdemona. Ich weiß nicht, was an oder in mir es ihm angethan hat, aber mein Anblick hat ihn mit einer wilden und unbändigen Leidenschaft erfüllt. Er ist hinter mir her, wie der wilde Jäger hinter dem fliehenden Reh. Nichts hält ihn auf; meine Gleichgiltigkeit zuerst, dann meine Abneigung, die seine beständigen Nachstellungen, seine Anträge in mir hervorgerufen, der Widerspruch seiner Verwandten, denn er wollte mich heiraten – Alles bestärkt ihn in seiner Tollheit. Daß ich die Auftritte, die Sorgen, die Unruhe, die Thränen vergessen könnte, die er mich schon gekostet hat! Ich schöpfte Athem, als ihn eine unselige That –«

Sie hielt plötzlich inne und bedeckte ihr Antlitz mit den Händen.

»Ich habe davon gehört, daß er eines Zweikampfes wegen eine längere Festungshaft zu verbüßen hatte,« sagte ich, um uns Beiden über das peinliche Schweigen hinwegzuhelfen.

»Unschuldiges Blut hat er vergossen, seinen Freund getödtet, als gälte es ein Hinderniß aus dem Wege zu meinem Herzen zu räumen!« seufzte sie. »Es ist eine entsetzliche Erinnerung, denn mich nennt er die Ursache der Unthat, als hätte ich ihm und nicht seine Eifersucht die Pistole in die Hand gedrückt. Mich ängstigen die Träume, die ihm den Schlaf rauben sollten.«

Hier weiter vorzudringen, war nicht gut, ich wandte meine ganze Rednergabe auf, wieder aus diesen Untiefen auf festeren Boden zu gelangen. Ich schlug ihr vor, eine Ausfahrt zu machen – eben fuhr mein Wagen vor das Haus, und ich bat sie, denselben zu benutzen.

»Wenn ich Sie dadurch nicht in Ihren Geschäften störe –«

»Keineswegs, ich steige bei dem Hause des Grafen Waldheim aus, es liegt auf dem Wege nach dem Park.«

Wir saßen keine zehn Minuten lang neben einander im Wagen, und doch reichten sie hin, meine Gedanken in toller Jagd dahinstürmen zu lassen. Als hätte es sich um ein ganz besonderes Ereigniß gehandelt! Zum Glück forderte der Zustand des kranken Grafen meine ganze Kaltblütigkeit und meinen Scharfsinn heraus; noch war der Arzt stärker in mir als der Narr.

Wer am dritten Tage danach, als sie zum ersten Male wieder die Bühne betrat, nicht im Theater fehlte, war ich. Schon aus Pflicht hätte ich nicht wegbleiben dürfen. Irgend ein Zufall konnte ihr zustoßen, bei dem ihr meine Hilfe vielleicht von Nutzen und Werth war. Dicht an der Bühne, in einer der unteren Logen, hatte ich einen Sitz genommen. Weil mir all' diese Verhältnisse und Dinge so ungewohnt waren, lebte ich in der Erwartung eines tragischen Abenteuers. Darum ärgerte ich mich anfangs, als ich einen Bekannten in der Loge traf, mit seiner Frau, die gleich ein endloses Gespräch mit mir begann, während ich mich am liebsten in den dunkelsten Winkel zurückgezogen hätte, um ungestört beobachten zu können. Nachher aber erwies sich der Zufall doch als ein glücklicher. Der Vorhang war eben in die Höhe gegangen, da trat der unheimliche Mensch in die mir gegenüberliegende Loge des ersten Ranges; unsere Blicke, der seine von oben herab, der meine von unten herauf, begegneten sich durch die Operngläser. Nicht einmal, zehnmal sagte ich es mir, daß mein Urtheil über ihn durch Bastian's und Elsa's Mittheilungen eine Trübung erfahren, und daß ich ihn nur wie durch einen grauen Schleier sähe – es half nichts, er kam mir wie ein Mörder vor, wie einer, von dem man immer eine Gewaltthat zu befürchten hat, dem gegenüber man sich beständig in der Nothwehr befindet. Errieth er meine Gedanken? War es ihm unbehaglich, daß ich seine Vergangenheit kannte? Meine Anwesenheit im Theater, unser Gegenüber ärgerte ihn und schien ihn außer Fassung zu bringen. Wenigstens schenkte er der Bühne und dem Spiel der Schauspieler nur je zuweilen seine Aufmerksamkeit; kaum daß er sein Glas eine Minute lang auf Elsa richtete, als sie, von dem Beifall ihrer Verehrer begrüßt, aus der Coulisse trat. Und so verhielt er sich während des ganzen Abends still, gleichgiltig gegen Alles, was auf den Brettern vorging, nur unsere Loge ließ er nicht aus den Augen. Die Gattin meines Bekannten, neben der ich saß, ist eine schöne Frau, nicht mehr in der ersten Blüte, aber eine rechte Abendschönheit, die sich mit dem feinsten Geschmack zu kleiden versteht und, wo sie sich zeigt, bald der Gegenstand bewundernder Aufmerksamkeit wird. Natürlich entging ihr der eigenthümlich geschnittene Kopf nicht, dessen Augen unablässig hinüber starrten; sie – und wahrscheinlich Alle, die darauf achten mochten – legten sich dies Anschauen zu Gunsten ihrer Schönheit aus. – »Ein merkwürdiger Mensch da drüben,« sagte sie in einer Pause zu mir, »der dort mit dem rothen Bart und der Adlernase. Offenbar ein Fremder, ich sehe ihn zum ersten Male im Theater. Was er nur an uns findet?«

»Er hat etwas von einem Byron'schen Helden, Conrad der Corsar –«