»Er hat doch nicht gemordet,« unterbrach ich ihn. »Leider sind Zweikämpfe unter Offizieren« ...
»Blut ist Blut. An sich ist es freilich sehr gleichgiltig, ob es einen Menschen mehr oder weniger giebt, ob er durch einen Schuß vorn in die Brust oder durch einen Beilschlag auf den Kopf von hinten her getödtet wird, aber ich dachte, Ihrer sensitiven Seele müßte auch die oberflächlichste Berührung mit einem Todtschläger einen Schmerz bereiten und Ihre Herzmuskel sich dabei zusammenkrampfen.«
Das war deutlich, Bastian wollte sich für die verlorene Partie rächen und mich ärgern. Letzteres gelang ihm nun zwar nicht, allein nachdenklich hatte er mich doch gestimmt. Im Duell sollte dieser Mann einen Freund erschossen haben? Warum? Aus Eifersucht; wenn sich junge Männer zu einem solchen Kampfe gegenseitig reizen, pflegt immer ein Weib die Ursache zu sein. Und dies Weib wohnte neben mir, Thür an Thür. Hatte sie den Mörder oder den Ermordeten begünstigt? Aengstigte sie das Gespenst des Todten oder das Auftreten des Lebendigen? Es war thöricht, aber ich vermochte den Gedanken nicht abzuweisen, daß mich von Anfang an das Unbewußte, der Instinkt oder der Dämon, vor dieser Bekanntschaft gewarnt. Die Unruhe, in die mich der Schlag der Uhr gestürzt, war nur der Ausdruck dieser scheinbar grund- und gegenstandslosen Stimmung gewesen.
... Wozu dies gewaltsame Erwecken heftiger und schmerzlicher Gefühle, welche die Zeit allmählich in einen dumpfen Halbschlummer gewiegt hatte? Wem erzähle ich eine Geschichte, die vermuthlich nur mir bedeutsam und räthselhaft erscheint – mir selber! Als ob ich nicht genug daran hätte, sie erlebt und erlitten zu haben, sondern sie schwarz auf weiß mit mir herumtragen müßte, um sie nicht zu vergessen. Warum wühle ich in dem Staube des vergangenen Jahres, in dem Haufen welker Blätter? In der Hoffnung, doch noch eine Perle darin zu finden? Ich weiß wohl, welche Empfindung mir nach langem Zögern die Feder in die Hand drückte – ein seltsam verschlungenes Schicksal hatte sich auf meine Brust gewälzt und lastete darauf, als wäre ich der erste Schuldige; es trieb mich an, niederzuschreiben, wie Alles gekommen, meine Unschuld und die Verwickelungen des Zufalls vor mir selbst klar darzulegen. Allein zu diesem ersten Drange gesellte sich bald eine andere Regung. Ich fand eine eigene Freude daran, halberloschene Bilder in ihrem ursprünglichen Farbenton wiederherzustellen, mein Ich im Spiegel zu betrachten; zuweilen war es mir, als hätte ich sie noch nicht ganz verloren, wenn ich von ihr erzählen konnte, als schwebte etwas wie ein Schatten um mich, der dem Schatten ihrer Gestalt gliche, als würde durch meine Schreiberei die Verbindung zwischen uns, wenn auch nur durch den dünnsten Faden, erhalten – genug, die Lust überwog die Unlust. So verwandelt sich unmerklich die Gewohnheit des Elends in einen erträglichen Zustand. Ob der Bettler, der plötzlich seiner Noth entrückt wird, sich nicht manchmal nach seinem Betteln zurücksehnt? –
Als ich am andern Morgen meinen ärztlichen Besuch bei meiner Nachbarin machte, wurde ich schon wie der erwartete und gern gesehene Hausfreund empfangen. Die eigenthümlichen Umstände, unter denen wir einander näher getreten, hatten schnell eine Art Vertraulichkeit erzeugt, die im gewöhnlichen Verlauf des Verkehrs wahrscheinlich niemals oder nur in langer Zeit, nach mancherlei Erfahrungen und Prüfungen sich zwischen uns gebildet hätte. Mein Alter, mein Stand, die fest und streng geregelten Formen meines Lebens, die sie im Nebeneinanderwohnen leicht erkundet, flößten ihr Vertrauen ein und gaben ihr zugleich eine Sicherheit, deren sie einem jüngeren Manne gegenüber entbehrt haben würde. Was ihr körperliches Leiden betraf, so war es im Schwinden; sie fühlte sich stark genug, an einem der nächsten Tage wieder aufzutreten. Meine Einwände wies sie zurück: »Die Erregung von der Bühne her ist die stärkste, die es giebt,« behauptete sie, »das Lampenlicht, der Souffleurkasten, der Anblick der Zuschauermenge, die Furcht, ausgelacht und verhöhnt zu werden, bändigen alle anderen Leidenschaften; vor dem einen Gefühl, gut vor dem Publikum zu bestehen, treten Liebe und Eifersucht, Zorn und Haß zurück. Das ist Beelzebub, der die kleinen Teufel zum Schweigen bringt.«
»Vortrefflich,« sagte ich dagegen, »wenn nur nicht aus dem Zuschauerraume Gesichter blicken könnten –«
»Sein Gesicht, das unheimliche,« unterbrach sie mich. »Freilich, er ist im Stande, in einer Prosceniumsloge Platz zu nehmen und mich mit seinen Blicken unablässig zu verfolgen. Ich habe auch daran gedacht und hin und her gesonnen. Aber was hilft's? Einmal muß ich doch wieder auf der Bühne erscheinen und, wenn es mein Unstern will, wird von allen Gesichtern seines mir zuerst entgegenstarren, ob ich morgen oder nach vierzehn Tagen den Schritt wage. Wer draußen steht, Herr Doctor, malt sich die Sache auch ärger und gefährlicher aus, als sie ist.«
»Nun, vielleicht ist Herr von Lüttow auch so ritterlich, Ihnen die Aufregung eines solchen Wiedersehens zu ersparen.«
Mit einem unbeschreiblichen Blick betrachtete sie mich, so von der Seite, halb erstaunt, halb mitleidig über meine Harmlosigkeit. »Ist es denn wahr,« fragte sie lächelnd, »daß die Gelehrsamkeit vor der Raserei der Liebe schützt?«
Es war lächerlich, daß ich alter Narr darüber erröthete.