Vom ersten Sonnenstrahl getroffen, flieht der Nebel
In den sich keusch gehüllt der Berge Haupt.
Erröthend treten frisch dem Tag entgegen
In Purpurgluth die Wälder, grün belaubt;
Im feuchten Grase, welch’ ein Glitzern, Schimmern!
Ist’s nicht, als ob viel Tausend Sternlein flimmern?
Ein lauer Westwind trägt die lieben, alten Klänge
Von Zurzachs Betzeitglocken durch die Luft.
Die Schatten, auf des Schwarzwalds Höhen lagernd,
Verfärben mälig sich zu blauem Duft;
Im Thale steigt die Lerche aus den Halmen
Und jubelt ihrem Schöpfer Lobespsalmen. — —
Vom Bergfried hatte Gottfrieds Horn mit lautem Schalle
Verkündet, daß ein neuer Morgen wach,
Und waren Knecht’ und Mägde bald im Kirchlein,
Wo still der Kaplan seine Messe sprach,
Zu der auch stets der Vogt und Elsbeth kamen,
Geduldig harrend auf das letzte Amen.
Als dies gesprochen, blieben, wie an jedem Tage,
Die Knechte vor des Kirchleins Pforte stehn
Und lauschten schweigend auf des Herrn Befehle,
Was jeder heute sollte schaffen gehn;
Denn vorher schickte keiner sich zum Essen,
Eh’ nicht das Tagewerk ihm zugemessen. —
Frisch, wie der junge Tag, trat dann auch Elsbeth nahe
Und brachte ihren Gruß dem Vater dar,
Den dieser fröhlich zu erwiedern pflegte
Mit einem Kusse auf ihr blondes Haar;
So war’s sein lieber Brauch noch jeden Morgen,
Wenn abgethan des Hauses erste Sorgen. —
„Erlaubet Vater,” hörte heut’ man Elsbeth sprechen,
„Daß ich hinunter gehen darf zu Thal,
Nothburga’s Joseph lag schwer siech darnieder,
Als ich in Küßnach war das letzte Mal;
Sein armes Weib gab keine Ruh’ mit Flehen,
Bis ich versprochen, wieder nach zu sehen.”
„Von meinem Tränklein wird er wohl nicht ganz genesen,
Ich kochte zwar der Kräuter siebnerlei,
Denn es gebricht an Nahrung für den Armen;
Ist diese da, ist bald der Brest vorbei.
Drum bitte noch ich, es nicht zu versagen,
Daß Kunz mein Körblein hilft zu Thale tragen.”
„Der Kunz,” entgegnete der Vater, milde lächelnd,
„Steht, wie Du weißt, in Junker Kuonrads Pflicht;
Willst Du den Diener, mußt den Herren fragen,
Von mir aus geb’ ich ihm den Urlaub nicht!”
Da, wie gerufen, nahte von der Seite
Herr Kuonrad sich, den Kaplan im Geleite. —
Wie damals es der Vogt sich vorgenommen hatte,
Erzählte er der Tochter von dem Gast
Und gab ihr Winke, sich darnach zu halten,
Die Elsbeth freilich rasch genug erfaßt’;
Denn gern sah sie den Herrn im Hause weilen,
Wußt’ er doch viel des Neuen mitzutheilen. —
„Man möchte Euch den Kunz entführen!” sagte heiter
Der Vogt zum Freund nach ausgetauschtem Gruß,
Und fuhr dann fort: „Die Els’ will einem Kranken,
Der lange schon sein Siechbett hüten muß,
Ein Körblein Essen bringen, das zu tragen
Sie Euch um Euer Knechtlein möchte fragen!”