Und doch — ein wunschlos Glück war’s nicht, was ihr erblühte.
Wer dürft’ auch rühmen, daß ihm dies gelacht
Nur eines Tages kurz gemess’ne Stunde?
Wem bliebe nicht, vom Glücke selbst entfacht,
Ein letzter Wunsch stets, der das wieder raubte,
Was glücklich schon man zu besitzen glaubte? —

Es wohnte in der Schwester Brust ein heimlich Etwas,
Das zu bezwingen sie hielt nicht für Pflicht,
Das aber immer, wenn der Burger Kindlein
Zum Hochamt kamen, mit den Aeuglein licht
Durch’s Gitter luegten, wo die Nonnen sangen,
Von neuem nahm der Kust’rin Sinn gefangen.

Der Kindlein Anblick rief zu jeder Zeit der Guten
Die Sehnsucht wach: doch wiederum ein Mal
Mit ihnen plaudern und sie kosen dürfen,
Zu spiegeln sich in heller Aeuglein Strahl;
Wenn auch für Stunden nur, sich zu gewinnen
Der kleinen Herzen unverfälschtes Minnen.

Sie fand kein Unrecht darin, diesen Wunsch zu hegen,
Ihm zu gestatten, daß er Keime trieb
Und stetig wuchs; ein letztes Glückverlangen,
Das heimlich noch der keuschen Seele blieb,
Sie hold umwob im angebornen Sehnen,
An Kindesherz das eigene zu lehnen.

Dem Wunsche selber fehlte freilich jede Hoffnung,
Daß mehr er werde, als ein schöner Traum.
Es schied des Chores Gitter gar zu neidisch
Die Lieblinge und sie bemerktens kaum,
Wenn Elsbeth ihnen leise einmal nickte,
Durch’s enge Gitterwerk ein Grüßlein schickte. — —

Es war am dritten Osterfeiertag, als Elsbeth,
Wie dies die Pflicht der Kusterin gebot,
Schon früh am Morgen bei der Ob’rin eintrat
Und diese ihr alsbald von ihrer Noth
Erzählte, daß für Kindlein, reich von Hause,
Man Obdach bat in Sankt Agnesens Clause.

Der Stiftspropst habe gestern sie gar warm empfohlen
Und, wenn dies nun der Schwestern Wille sei,
Bei sich im Haus solch’ junges Blut zu dulden,
So wäre sie am Ende auch dabei,
Mit Raths Vergunst die Kindlein aufzunehmen,
Da Stift und Schwestern nicht in Nachtheil kämen.

Die Kindlein selber seien mutterlose Mägdlein,
Mit Zucht und Sitten wäger unbekannt,
Und daher wohl des Vaters Wunsch begreiflich,
— Des Ritters Name wurde nicht genannt, —
Die Kleinen bald in einem Haus zu wissen,
Drin’ gute Ordnung sie nicht länger missen.

Nun scheine jedoch, daß der Propstherr für die Kindlein
In ganz Schaffhausen keinen bessern Ort
Gefunden habe, als ihr armes Kloster;
Er hätte gestern drum in einem fort
Ihr vorgeredet, bis sie halb versprochen,
Den Vorschlag zu erproben etlich Wochen.

Doch dieses auszuführen, tauge sie mit nichten
Und wär’ zu alt. Zum andern aber klar,
Daß von den Schwestern allen nur der Kust’rin
Man anvertrauen könnt’ das Mägdleinpaar,
Weil sie der wen’gen eine sei im Kloster,
Die mehr verstünde, als das Pater noster.