Am liebsten wohl hätte sie gleich den Saal verlassen;
Denn, statt der Freude, die sie drob empfand,
Daß nah’ dem Ziel sich ihre Sehnsucht wußte,
Nahm jetzt die Reue jählings überhand,
Im Busen einen Wunsch genährt zu haben,
Der ihre Ruhe konnte untergraben.
In einer Sturmflut überquellender Gefühle
Gedachte sie voll Wehmuth all’ der Zeit,
Die hier in stillem Frieden ihr entschwunden.
Sie lebte ruhig, frommer Pflicht geweiht,
Bis, schuldlos zwar, ein letztes Glückverlangen
Mit aller Kraft die Sinne nahm gefangen.
Nun zog auf’s neue ihr ein schneidend Weh durch’s Herze
Bei der Erinnerung, was sie empfand,
Als ihre Liebe sie betrogen wußte
Vom selben Manne, der hier vor ihr stand,
Und wie berufen schien, ihr Leid zu bringen,
Wenn je sich hoben ihrer Sehnsucht Schwingen.
Fast mit dem Himmel hadernd, schmerzte der Gedanke
Sie immer wieder, daß das Mägdleinpaar,
Deß lautes Lachen aus dem Garten tönte,
Zu eigen dem, der einst ihr theuer war,
Und daß das Schicksal ihr nun also lohnte
Für ein Gefühl, das still im Herzen wohnte.
Doch ihm, der trug die Schuld, ihm grollte sie mit nichten
Um all’ das Leid, das er ihr angethan.
Es regte leise sich im Herzen etwas
Für ihn und klopfte, Mitleid flehend, an;
Denn ächter Liebe lenzgeborner Schimmer
Mag zwar erblassen — ganz erlischt er nimmer! —
Ein helles Roth, das Elsbeths Wangen überhauchte,
Gleich Rosen frisch, die man im Thaue brach,
Ward zur Verräth’rin dessen, was sie fühlte,
Und was ihr licht aus treuen Augen sprach,
Als endlich, leicht verneigend, sie es wagte,
Frommernsten Gruß dem Ueberraschten sagte.
Da konnte sich Herr Kuonrad nicht mehr länger halten
Und seinem Mund entfuhr’s: „Ach, Elsbeth, kennt
Von eh’dem Ihr den Junker Kuonrad nimmer?
Verzeihet, wenn mein Mund den Namen nennt
Der Trauten, deren Bild mir nie entschwunden,
Obgleich ich’s meiden mußte, kaum gefunden!”
Es wehte aus den Worten schlecht verhehlte Trauer,
Die mit des Wiedersehens Freude rang,
Nun ihm, so unverhofft, nach langem wieder
Der Holden Stimme in den Ohren klang,
In milder Süße sie, wie einst, ihn grüßte,
Als ob auf Küssaburg er heut’ noch büßte.
Doch nun, er freudig ihr die Rechte reichen wollte,
Versah’s die Kust’rin; fromm den Blick gesenkt,
Glich fast sie einem Steinbild, stumm die Hände
Im Aermelpaare des Gewands verschränkt,
So daß der Stürm’sche sich besinnen mußte,
Daß Klosterfrauenbrauch es anders wußte.
Verlegen ließ er drum die Hand schnell wieder sinken.
Es wollt’ ihn reuen, seiner Freude jach
Und ungeziemend Wort verliehn zu haben,
Als Elsbeth selbst das schwüle Schweigen brach
Und ihn, mit ihrer Stimme Silberklange,
Zu sprechen bat, was er vom Stift verlange.