Sie wollte beten; doch Herr Kuonrad drängte flüsternd:
„Du schweigst, Elisabeth? — O, sag’ nicht nein! —
Laß’ Dir das Herz von meiner Liebe rühren! —
Der Oheim wird mir helfen, Dich befrei’n. —
Du wärst die Erste nicht und nicht die Letzte,
Die ihre Liebe über Alles setzte! —
Es war genug. „Herr!” sagte sie, ihn ernst verweisend,
Schon allzulange hab’ ich Euch gelauscht;
Denn was Ihr meint, das darf die nicht verstehen,
Die ihre Welt an einen Ort getauscht,
Wo das Gedenken an verwehte Träume
Verunheiligt die Gott geweihten Räume!”
„Verwehte Träume!” rief er da, ihr näher tretend,
„Verwehte Träume? Elsbeth, glaubst Du nicht,
Daß sie uns wiederkehren, wenn die Liebe
Ihr heilig Band um unsre Herzen flicht? —
Mir sagt ein wonnig Ahnen, Glück und Frieden,
Wär Dir wie mir, für Lebenslang beschieden!”
Ein schmerzlich Lächeln überflog das schöne Antlitz,
Nun ihr sein Mund von Glück und Frieden sprach;
Es klang wie Vorwurf fast und doch auch bittend,
Als sie den Schmeichelnden jetzt unterbrach:
„Herr, Eure Rede gilt verlornen Zielen;
Ich bin zufrieden, wie die Loose fielen!”
„Der Welt und ihrem Glück hat unschwer zu entsagen,
Wer je erfahren mußt’, was beide werth!
In Gott allein und treuem Pflichterfüllen
Wird Frieden nur und wahres Heil bescheert;
Noch mehr zu wollen — ich fühl’ kein Verlangen.
Die Zeit der Träume, Herr, ist mir vergangen!”
Sie schwieg. Herr Kuonrad aber ließ sich nicht bedeuten;
Er legte sacht’ die Hand auf ihren Arm
Und frug mit leiser Stimme, süß und nahe,
Daß leicht sein Odem sie berührte warm:
Sprach auch das Herz so, Elsbeth? — Sag’ mir offen,
War es dabei, als Du vergrubst sein Hoffen?” —
„Dem meinen ging es anders! Konnt’ es nimmer zwingen,
Nur einen Tag, ja, nur minutenlang
Sein Sehnen zu vergessen! Seine Liebe
Lag nie im Banne leid’ger Pflichten Zwang,
Und — Dir die Wahrheit vollends zu gestehen,
Ich selber ließ es nur zu gern geschehen!”
„Du weißt es, wahre Liebe kennet kein Vergessen,
So lang wir athmen, unser Puls noch schlägt;
Und sie ist’s, die vereint mit Glauben, Hoffen,
Auf lichten Schwingen uns zum Himmel trägt. —
Dem Schönsten, was vom Paradies verblieben,
Du konntest ihm entsagen, nicht mehr lieben?”
„O, sprich ein Wort! Ein einzig Wort nur, das mir kündet,
Daß auch Dein Herz der Liebe nicht vergaß,
Die Du so reich mich einstens ahnen ließest! —
Komm’, sei mein trautlieb Weib; nein, mehr als das!
Mein guter Engel! — meine Königinne,
Der allzeit unterthan ich treu in Minne!”....
Beim letzten Worte war Herr Kuonrad, überwältigt
Von seines Herzens minneheißem Drang,
Auf’s Knie gesunken vor der arg Erschreckten,
Schon sicher hoffend, daß es ihm gelang,
Die Zagende allendlich zu gewinnen,
Da stumm sie vor ihm stand, in tiefem Sinnen.