Da ging die Thüre auf und aus der dunklen Kammer
Trat Seppel, noch ganz bleich und abgezehrt;
Die Herrin schauend, sank er ihr zu Füßen,
Die sie, weil Brauch, zu küssen ihm nicht wehrt.
Mit wahrer Freude hört’ ihn Elsbeth sagen,
Daß es viel besser seit den letzten Tagen.

„Das Weib ist noch im Felde draußen,” sprach er heiser,
Nach etwas Futter für die Geis zu sehn;
Derweilen muß ich ihr die Mägdlein hüten,
So gut es mag mit schwachen Kräften gehn.
Doch, Gott und Euch sei Dank! sie kommen wieder,
Sind manchmal bleischwer mir auch noch die Glieder!”

Zufrieden, Seppel auf der Besserung zu finden,
Wies Elsbeth auf das Häslein und den Wein
Und sagte: „in dem Krug das Tränklein,
Möcht’ jetzt das rechte Mittel für Dich sein;
Auch magst Du Dich an solchen schönen Tagen,
Wie heute, kecklich an die Sonne wagen!”

Nach diesen Worten bückte sie sich zu den Mägdlein
Und wechselte mit jedem einen Kuß;
Dann, aus dem Angesicht ein glücklich Lächeln,
Enteilte Elsbeth flink mit mildem Gruß,
Gleich holdem Engel, der da Hülfe brachte,
Wo ein arm Herz in schweren Sorgen wachte.

„Die Herrin blieb sonst länger!” meinte Seppel brummend,
Als er so eilig sie verschwinden sah;
Sie selber mochte ähnlich denken, aber —
Vorm Hüttlein wartete der Junker ja.
Ihr Nahen machte jetzt das Büblein munter;
Es sprang vergnügt von seinem Block herunter.

Mit nackten Füßchen lief es Elsbeth schnell entgegen
Und ruhte nicht, bis es aus ihrem Schooß
Den längst gewohnten Kuß empfangen hatte.
Dann strampelte das Büblein rasch sich los,
Um in des Hüttleins Thüre zu verschwinden;
Es wußte ja, nun würde Brod sich finden.

Herr Kuonrad aber meinte heiter: „Ihr könnt zaubern!
Mir weigerte der Junge Gruß und Wort;
Doch, nun er Euch erblickt, bekommt er Leben
Und küßt und liebkost Euch in Einem fort!
Ein solch’ Geheimniß acht’ ich werth zu kennen;
Wollt Ihr mir diesen Zauber nicht auch nennen?”

„Ist kein Geheimniß! Kinder fühlen, wer sie lieb hat!”
Gab freundlich sie Herrn Kuonrad jetzt zurück:
„Sie geben Lieb’ um Liebe, wiederspiegelnd
Ein uns oft lange schon entschwunden Glück.
In jede Kinderseele bringt man Leben,
Versuchet’s nur, Euch mit ihr abzugeben!”

„Nun aber sagt, ward Euch das Warten überdrüssig,
Und blieb ich lange weg? Es däucht mich fast!
Gelt, dafür gehn wir auf dem Heimweg schneller;
Das heißt, so Euch dies so beliebt und paßt.
Noch ist es frühe, brauchen nicht zu eilen,
Auch schießt uns Keiner nach mit Bolz und Pfeilen!”

Als hätte sie zu viel gesprochen, schwieg hier Elsbeth
Und band mit Fleiß das Tüchlein wieder fest,
So ihr das Büblein vorhin arg verschoben,
Als sie es küssend an die Brust gepreßt,
Herr Kuonrad aber kaum den Augen traute,
Da selten wohl ein schöner Bild er schaute.