Nun ließ die Ungeduldige sich nicht mehr halten.
Ein frommes Sprüchlein noch, und darauf eilt’
Sie, gleich dem Wind, den Bergfried zu ersteigen,
Wo, wie sie wußte, gern der Junker weilt’,
Der sich den Thurm zum „Lueg ins Land” erkoren,
Und öfter droben saß, in’s Schau’n verloren.
Schon lange wollte Elsbeth ihrem Gast die Namen
Der Berge nennen, so von hier man sah;
Nun aber war sie doch etwas verlegen
Und trat mit leisem Schritt Herrn Kuonrad nah.
Vor ihnen lag im Abendsonnenglanze
Der Alpenkreis, gleich einem Silberkranze.
Die prächtig klare Fernsicht schauend, wandte sie sich
Dem Junker zu und sagte, mit der Hand
Hinüber auf die weißen Riesen deutend,
In deren Anblick er versunken stand:
„Erlaubet, Herr, Euch meinen Hof zu zeigen;
Dort, jene Recken all’ sind mir zu eigen!”
„Ich bitte jedoch, lasset gnädig Nachsicht walten,
So nur die Fürnehmsten davon ich nenn’;
Frau Sonne will sich schon zu Bette rüsten, —
Und das ist bald geschehn, wie ich sie kenn’!
Der Mond, ihr Ritter, aber wird erst leuchten,
Wenn Morgennebel diese Höhen feuchten.”
Ein freundlich Nicken war Herrn Kuourads stumme Antwort,
Dann trat er mit ihr an des Söllers Rand,
Der Abendsonne goldne Schimmer flossen
In Purpurfluthen über alles Land,
Nur fern gen Norden lagen Wolkenschatten,
Die überm „Randen” sich gelagert hatten.
„Schaut dort,” hob Elsbeth lächelnd an ihm zu erklären,
„Die Spitzen, wie in Apfelbluest getaucht,”
Es ist der „Säntis” mit dem „Hohen Kasten”
Und nebenan, rothgülden angehaucht,
Stellt kühn der „Altmann” sich in ganzer Breite
Den ersten beiden Recken an die Seite.”
„Dann, etwas herwärts, zählt Ihr sieben graue Zinken,
Sie sind im Sommer meist wohl ohne Schnee,
Die nennen „Churfürsten” sich stolz mit Namen
Und spiegeln sich in einem grünen See,
Aus dessen Fluthen hoch und frei sie streben,
Daß fast in Wolken ihre Häupter schweben.”
„Nun, weiter rechts hin, kommt des „Glärnisch” weiße Krone;
Die steilen Wände stehn getaucht in Blau,
Und rosig überhaucht vom Sonnengolde
Scheint, wie verklärt, der Felsen schimmernd Grau.
Auf seinen Schultern aber sieht man’s blitzen
Gleich zarten Schleiern, die im Goldschein glitzen.”
„Die weiße Fläche dort, dicht unterm breiten Gipfel,
Mit starren Felsen ringsum eingefaßt,
Ist „Vrenli’s Gärtli,” eine Alp vor Zeiten;
Doch, seit die Menschen von den Fee’n gehaßt,
Ruhn tief im Eis versenkt der Matten Spuren,
Auf ewig sind dahin die grünen Fluren.”
„Der nächste, mit dem Firnschnee-Scheitel, heißt der „Tödi.”
Keck ragt der auf zum blauen Firmament,
Als stützte er allein des Himmels Bogen.
Wie heiß im Sommer auch die Sonne brennt,
Im Lenz der Föhnsturm zwingt den Schnee zu thauen —
Sein Haupt ist silbern immerdar zu schauen.”