„Auf ihrem Throne dort schwingt Einsamkeit das Scepter,
Nur Geierschrei hallt durch das Felsgewirr;
Doch, mein’ ich, schafft auch dort die Zeit im Stillen
Und ruhet nicht ihr ehern Werkgeschirr.
Sie wird dereinst den letzten Fels zerschmettern,
Ob er auch trotzte tausend wilden Wettern!”

„Gleich weiter folgt des „Urirothstocks” Riesenkuppe;
Auch der reckt kühn sein eisgrau Haupt empor;
Ein freies Volk soll ihm zu Füßen wohnen,
Das nur den Kaiser sich zum Herrn erkor.
Mir schwanet oft, fühl’ ich’s herüber wehen,
Auch unser Volk wird bessre Zeiten sehen.”

„Doch, thront der Winter auch auf jenen Höhen ewig,
In milden Thälern schmilzt im Lenz der Schnee,
Dann, hört’ ich sagen, blühen grüne Fluren
Und blinkt dazwischen mancher klare See,
So, wenn der Frühling die Gestade kränzet,
Gleich schönem Auge in die Ferne glänzet.”

„Die weiße Kuppe besser drüben ist der „Titlis,”
Das „Sustenhorn” soll dessen Nachbar sein.
Seht hin! wie prächtig die zerrissnen Schründe
Vergüldet sind vom Abendsonnenschein;
Aus unermeßlich tiefen, grausen Klüften
Steigt er empor sein schneeig Haupt zu lüften.”

„Die Sonne sinkt. Schaut, Regensbergs uralte Firsten
Empfangen eben ihren letzten Gruß!
Rubinen schimmer aus des Städtleins Fenstern
Den Wiederschein vom goldnen Abschiedskuß;
Bald wird der „Lägernberg” im Dunkel stehen,
Schon jetzt ist Badens „Stein” nicht mehr zu sehen.”

„Nur jene Riesen dort im Duft der blauen Ferne,
Die geben sich so schnell gefangen nicht;
Denn, während überall schon Nacht sich breitet,
Erglänzen sie noch hell im Sonnenlicht.
Wie wohl und frei mag es der Brust dort werden,
Von jenen Höh’n zu schau’n auf Gottes Erden!”

„O, hätte meine Sehnsucht dorthin Windesflügel,
Daß ich mich schwänge hoch von Firn zu Firn,
Um, weltentrückt, im Aetherblau zu schweben,
In Himmelslüften badend mir die Stirn’
Und, derweil noch die lieben Sternlein flimmern,
Im erst- und letzten Sonnenkuß zu schimmern!” —

Verwundert sah Herr Kuonrad hier in Elsbeths Augen,
Die, hold verklärt in wundersamem Glanz,
Hinüber blickten, wo aus dunklen Schatten
Sich leuchtend hob des Hochgebirges Kranz,
Indessen abendwärts, von Gold umflossen,
Die Sonne wich mit ihren müden Rossen.

Selbst überwältigt von dem Anblick dieses Schauspiels
Schwieg Elsbeth eine Weile, wie gebannt,
Eh’ sie den Hausgenossen traulich fragte,
Ob ihm ein schöner Plätzlein wär’ bekannt?
Er wollte sprechen, doch sie winkte Schweigen
Und mußte sich der Junker folgsam zeigen.

„Ich muß mich eilen,” sprach sie, „denn des Abends Schatten
Verhüllen schon, was nicht zum Himmel ragt;
Von Nacht wird bald, selbst auf den höchsten Gipfeln,
Der letzte Schein des Tageslichts verjagt
Und, irr’ ich nicht, mag’s morgen stürmisch wehen,
Da heut’ die Alpen wir so nahe sehen!”