„Dort jener,” eilte sie sich weiter mit Erklären,
„Die breiten Spitzen, sie verglühen grad,
Sich scharf abhebend von des Himmels Bläue,
Soll der „Sankt Gotthard” sein, von wo ein Pfad,
Auf dem man leicht sein letztes Stündlein finde,
In wälsches Land sich steil und schaurig winde.”
„Dann, näher herwärts, jener Rücken wild zerklüftet,
Den Ihr schon tief im Schatten vor uns seht,
Heißt der „Pilatus;” er hat seinen Namen
Von einer Sage die im Lande geht:
Es soll der Böse dort den Richter plagen,
Der unsern Heiland einst an’s Kreuz geschlagen.”
„Gen Mittag aber, jene fernsten, hellen Spitzen,
Sind „Finsteraarhorn,” „Schreck-” und „Wetterhorn,”
Dann „Mönch” und „Eiger,” wo im längsten Sommer
Das Eis nie schmilzt und thalwärts Wein und Korn
Ein fremd Gewächs ist; nebenan, im Schimmer
Des Abendroths, da folgt ein Frauenzimmer!”
„Es ist die „Jungfrau.” Herrschend über all’ die Riesen,
Ist sie nur selten mal des Schleiers bar;
Doch, wenn sie sich enthüllt im Abendscheine,
Erglänzet oft ihr Antlitz sonnenklar,
Um vor dem Schlafengehn den alten Recken
Im kalten Herzen neue Gluth zu wecken.”
„Sie selbst bleibt unnahbar, wie dort die goldnen Sterne,
Die leise ausziehn über unser Haupt,
Und keinem Freier mocht’ es noch gelingen,
Daß ihr den Schleier einer kühn geraubt.
Doch schaut! Verglüht sind nun die letzten Gipfel,
In tiefem Dunkel ruhen alle Wipfel!” —
Sie hatte kaum gesprochen, da klang hinter ihnen
Des Wächters Horn in langgezognem Schall,
Für Schloß und Landschaft Feierabend bietend;
Vom „Hungerberge” scholl der Wiederhall
Und mischte sich mit fernem Glockensummen,
Das bald erstarb in mäligem Verstummen.
Nun breitete sich Schweigen über Berg’ und Thäler,
Es herrschte Nacht und Ruh! Ein leiser Hauch,
Der Abendwind, zog lind durch das Gebüsche,
Als wiegte er in Schlummer Blatt und Strauch,
Und droben, hoch in ungemeßner Ferne,
Erglänzten schimmernd Millionen Sterne.
Da, horch! Vom Zwingolf unten klang es durch das Dunkel,
Wie flüsternd Plaudern, zu den Beiden auf;
Dann war es wieder, als ob leichte Füße
Zum Brunnen huschten in behendem Lauf,
Und jetzt ließ, unweit von der innern Pforte,
Ein Liedlein sich vernehmen. Hier die Worte:
„Eine Tanne, schlank und duftig,
Meiner Minne Maienzier
Stelle ich zum Angedenken
Nächtens vor braun Maidlins Thür.”