„Rosmarin und rothe Ilgen
Schmücken viel den Maienbaum,
Meine Seele aber zieret,
Süßer Minne holder Traum.”

„Gäb ein Schlüsselein die Feine
Mir von Gold, ich schlöß sie ein,
Tief in meines Herzens Schreine
Und verlör das Schlüsselein.”

Des Liedleins Töne zitterten noch durch den Zwingolf,
Da scholl vom Brunnen her, wie Wiederhall,
Erst leise, bis der rechte Ton getroffen,
Die Antwort drauf in glockenreinem Schall.
In tiefem Alt, als käm’ er aus der Seele,
Sang klar und deutlich eine Mädchenkehle:

„Drauß’ im Walde laß’ die Tanne.
Und die feinen Blümlein stehn;
Denke, was die Mutter sagte,
Würd’ den Maienbaum sie sehn?”

„Hast den Schlüssel Du verloren,
Ist mir recht; denn wahre Minn’
Braucht kein Schlößlein und kein Schlüssel,
Und bleibt doch im Herzen drin’.”

„Tief im Walde grünt die Tanne,
Rothe Ilgen duften fein.
B’hüet Dich Gott in stiller Kammer,
Und gedenk’ der Treuen Dein!”

„’s ist Mechtild und ihr Chnab, der Hansli!” sagte Elsbeth
Zum Junker, als der Sang verklungen war.
„Sie sind sich zugethan in allen Ehren
Und, wie ich meine, ist’s ein stattlich Paar;
Hab’ drum der Maid versprochen, anzufragen
Beim Vater, da die beiden es nicht wagen.”

„Doch,nun ist’s Zeit für mich, zu gehen,” schloß sie freundlich,
„Gehabt Euch wohl und träumet sanft die Nacht!”
Mit diesen Worten war sie ihm entschwunden
Und huschte nun die Wendeltreppe sacht
Hinunter, daß die trocknen Treppensparren
Nicht allzu hörbar ächzen oder knarren. —

Herrn Kuonrads „Gute Nacht!” kam ihr nicht mehr zu Ohren,
Weil, als er’s sprach, sie schon davon geeilt.
Nun fiel ihm schwer, sich von dem Ort zu trennen,
Wo eben noch die Liebliche geweilt;
Er blickte sinnend nach dem Abendsterne,
Der prächtig flimmerte aus dunkler Ferne.

Mit sich allein, stieg vor des Junkers wacher Seele
Ein Bild empor durch Nacht und Dunkelheit.
Er sah sein Bäslein, eine reiche Schöne,
Um die im Stillen unlängst er gefreit,
Und der sein Werben auch wohl nicht mißfallen,
Da sie nur ihn begünstigte vor Allen.