Gern hatte sie erlaubt, ihr daraus vorzulesen,
Wenn es im Lauf des Tages mal gelang’,
Daß sie ein kurzes Stündlein der Erholung
Von ihren vielen Pflichten sich errang.
Dann, ganz allein mit ihr, wird es wohl gehen,
Der Lieblichen die Minne zu gestehen.
Nach ihrem Willen sollte heute nun Herr Kuonrad
Ans Lesen jener alten Sage gehn,
Daß auch sich Elsbeth darauf hin schon freute,
Vermochte er an ihrem Blick zu sehn,
Da — lud der Vogt ihn gestern ein zum Jagen,
Und mußte seinen Plan er drum vertagen. —
Noch lauschte Elsbeth am weit offnen Bogenfenster
Vergeblich auf des Jagdhorns hellen Klang.
Sie konnte heut’ nicht singen, war nicht fröhlich,
Auf ihrer Seele lastete es bang,
Als ob ein trübes Ahnen sie durchschauert;
Nur ist ihr nicht bewußt, warum sie trauert.
Mechtildis, der das stille Wesen Elsbeths auffiel,
Zermarterte indessen ihr Gehirn
Zu rathen, was der lieben Herrin fehle;
Verlegen rieb sie aber bald die Stirn’
Und war schon dran sich heimlich auszuschelten,
Weil die Gedanken dort nur Hansli gelten.
Jetzt jedoch wandte Elsbeth sich zu ihr und fragte:
„Sag’ Kind! ist Dir Dein Schatz auch wirklich gut?”
Es kam dies unvermittelt, klang wie Zweifel,
So daß Mechtildis schier entfiel der Muth,
Die längst gewohnte Antwort zu erneuern
Und Hansli’s Liebe zu ihr zu betheuern.
„Das will ich bas vermeinen!” sprach sie, glutroth werdend,
„Sein bester Freund bin ich, sein Trost, sein Glück,
Und sollt’ ich zweifeln, muß der Zweifel schwinden,
Wenn ich mir sage, wie manch’ schönes Stück
Vom kargen Jahrlohn mir der Gute spendet,
Ja, oft ihn nur für mich allein verwendet!
„Bald ist’s ein Tüchlein, so er eingehandelt, oder
Ein Band ins Haar, wie dieses, das Ihr heut’
In meinen Zöpfen eingeflochten sehet;
Kurz immer etwas, das ein Mägdlein freut.
Auch fühlt es jede ja im Herzen drinne
Ob einer gut ist ihr in wahrer Minne!”
„Die schönste Scheibe, so am Fastnachtabend glühend
Vom Hungerberg sie schleuderten zu Thal,
Schier wie ein feurig Rad flog sie durch’s Dunkel,
Gehörte Hansli, und er rief drei mal, —
Daß ja die Chnaben nicht im Zweifel blieben,
Mit lauter Stimme — sie sei mir getrieben!”
„Ich thät ihn lange nicht an unsern Junker tauschen,”
— Nun übergoß die Herrin es mit Glut —
„Ist der auch fürnehm und von feinen Sitten,
So schaut mein Hansli aus, wie Milch und Blut
Und kann, wie keiner, schöne Weisen singen,
Gilt’s Mechtild seinen Abendgruß zu bringen!”
„Das weiß ich!” fiel ihr lächelnd Elsbeth in die Rede,
„Das weiß ich, Traute! Du sprachst immer so.
Auch würde wohl sich Jede glücklich preisen,
Wär sie, wie Du, so ihrer Liebe froh; —
Denn lieben müssen wir, das ist uns eigen,
Mag man’s nun hehlen, oder offen zeigen!”