„Doch trennen sich die Alten ungern von den Schöffen
Vermeinend, daß sonst nirgend Recht gedeiht,
Als nur, wo auch dem Bauer Sitz und Stimme
Ein längstveraltetes Gesetz verleiht;
Sie wollen nicht von ihrem Rechte lassen,
Zu dessen Praktik Reim und Sprüchwort passen.”
„Die Jungen freilich halten wenig mehr vom Brauche,
Sie holen sich ihr Recht bei mir im Schloß
Und wissen, unterm Krummstab ist gut wohnen,
Wenn es auch ihrer manchen schon verdroß,
Daß ich mich nie nach ihrer Offnung richte
Und nicht nach halb vergessnen Sprüchen schlichte.”
„Nur ist’s nicht immer leicht, beim Amt den Ernst zu wahren,”
Erzählte fort der Vogt und strich den Bart,
„Gar oft will sich ein Schalk hinzugesellen,
Der Scherz und Ernst eng miteinander paart:
So sollt ich jüngsthin wieder Rechtens walten —
Und konnt mich doch des Lachens kaum enthalten.”
„Ein Jude aus dem nächsten Städtlein, so Ihr kennet
Begegnet jüngst auf seinem Weg durch’s Thal
Am Wege etlich meisterlosen Buben,
’s war grade Sonntags, nach dem Mittagsmahl.
„„Giebt’s nichts zu handeln?”” ist des Juden Frage,
Derweil er zu den Chnaben trat am Hage.”
„„’s ist heute Sonntag, Jude! da wird nicht gehandelt,
Doch haben dafür wir zur Kurzweil Zeit!...””
„„Sprich, glaubst Du, daß der Herr ist auferstanden,
Vom Tod befreit für alle Ewigkeit?””
„So sprach, ihn neckend, einer von den Chnaben,
Die schon den Juden in der Mitte haben.”
„„Hätt’ er ’nen Stuhl gehabt, wär’ er gesessen!””„lautet
Die schlaue Antwort aus des Juden Mund.
Die Buben aber, keinen Spaß verstehend,
Sie streichen dafür ihm den Rücken wund;
Es rührt sie nicht des armen Schnaufers Klagen,
Sie fahren fort mit fragen und mit schlagen.”
„Er jedoch hält voll Eigensinn an seinen Worten
Und läßt vom Stuhle nicht ein Beinchen ab;
Die Buben werden dringlicher im Fragen,
Es regnet Schläge hageldicht herab.
Der Jude aber läßt sich nicht erweichen,
Er bleibt bei seinem Stuhle trotz den Streichen.”
„Da, wie sie just im besten Zuge waren, fügt’ sich’s,
Daß grad der Dorfvogt kam des Wegs daher.
Wie den die Buben sehen, geht’s an’s Laufen
Und ist natürlich nun die Straße leer,
Bis auf den Juden, der mit lautem Heulen
Dem Vogte zeigte die erhalt’nen Beulen.”
„Voll Mitleid für den Juden, und auf dessen Bitten,
Begleitet er ihn endlich hier herauf.
Daß ich die Argen strenge büßen möge,
Erzählte selbst der Jud’ mir den Verlauf
Der Sache; schwörend, daß sein wunder Rücken
Ihn hindere, geziemend sich zu bücken.” —
„Doch, Edler! Ihr versäumet ja des Trunks zu pflegen,
Stoßt an! Wir zwingen noch ein Gläslein Wein!
Im Faß, wo der gelegen seit dem Herbste,
Wird hoffentlich auch mehr zu finden sein!...”
Hier unterbrach Herr Heinz sich, denn gar willig
Thät ihm der Gast Bescheid, wie recht und billig.