„Wie nun die Zeugen reden sollten, stand der Alte
Nochmals vom Stuhle auf; es sprach sein Mund
Den vieren zu, der Wahrheit treu zu bleiben;
Gott sehe jedem Herzen auf den Grund
Und sei ihm selbst der Eidschwur des Gerechten
Nicht wohlgefällig, wie vielmehr des Schlechten!”

„So sprach er lang und breit, ein Pfaffe macht’s nicht besser,
Der auf der Kanzel seine Predigt thut.
Mir war dabei, als spräch’ aus seinen Worten
Es oft wie Mitleid für mein junges Blut,
Und trafen mich die großen, dunkeln Blicke,
Fühlt’ ich’s wie Trost in meinem Mißgeschicke.”

„Als er geendet, gab des Rathes dürrer Schreiber
Dem ersten Zeugen zum Bericht das Wort.
Gar kurz erzählte der, wie er getroffen,
Der ersten einen, mich am Unglücksort,
Und wie er mich als Fremden gleich erkannte,
Der nichts zu schaffen hatte, wo es brannte.”

„Im Unmuth ob der Rede faßte ich die Kette
Und hob die Hand beschwörend hoch empor,
Mit lautem Mund dem Rathe wiederholend,
Wie ich durch Zufall nur den Weg verlor,
Dann mit der Burgerschaft zu retten eilte,
Weil ich nicht fern vom Brand geborgen weilte.”

„Mit harten Worten hießen sie mich jedoch schweigen;
Ich knirschte mit den Zähnen und blieb still.
Vergeblich, dacht’ ich, ist des Einen Kämpfen,
Wenn um ihn jeder sein Verderben will.
Sein letztes Liedchen mag das Vöglein singen,
Denn es sitzt arg verstrickt in bösen Schlingen!”

„Es sprach der Zeuge weiter: Weil solch fremd’ Gesindel
Zu Allem fähig, habe der Verdacht,
Ich sei der Thäter, Jedermann befallen,
Sonst hätten sie mich dingfest nicht gemacht.
Von Andrem aber, schwur er, nichts zu wissen —
Er hat der Wahrheit ehrlich sich beflissen.”

„Die andern drei bestätigten des ersten Rede,
Sie auch bekräftigend mit Eid und Schwur.
Mir aber ward ganz wunderlich zu Muthe;
Ich glaub’ die Augen zeigten Wassers Spur.
In allen Gliedern fühlt’ ich frisches Leben,
Hätt’ schier den Männern einen Kuß gegeben!”

„Ein eigenartig Ding ist doch des Menschen Wesen!
Der Klügste bleibt ein ungenesen Kind.
Sein blödes Aug’ die Pfade nie erschauet,
So ihm zum Heil von Gott gebahnet sind!
Verzweiflung hielt mich wochenlang umfangen,
Daß ich am liebsten in den Tod gegangen.”

„Und nun, da schwach ein Stern am dunkeln Himmel blinkte,
Der wieder goldne Lebenshoffnung gab,
Entfalteten sich neu des Geistes Schwingen;
Ich hob mich kühnlich über’s offne Grab.
Das Leben wechselt zwischen Furcht und Hoffen,
Bis endlich uns des Todes Pfeil getroffen!”

„Doch, eh’s zur Freiheit ging, gab es noch böse Stunden,
Denn als die Viere ihren Spruch gethan,
Ward lange hin und her im Rath verhandelt, —
Ob sie den Vogel dürften fliegen la’n.
Ein alter Rathsherr meinte vielbedächtig,
Ich sei ihm, trotz der Zeugen Spruch, verdächtig.”