„Bislang sah ich im Leben wenig solcher Stunden,
Wie ich sie durchgemacht in jener Nacht,
Die mich von der ersehnten Freiheit trennte;
In wildem Fieber hab’ ich sie durchwacht,
Dem Städtlein fluchend und dem strengen Rathe,
Der mich erst losgab nach dem Hahnenkrahte.” —

„Es weicht die längste Nacht am Ende doch dem Morgen;
Ist sie auch schwer und bang, der Tag erscheint.
Drum gräm dich nicht, es muß die Noth sich enden,
Ob man sich auch von Gott verlassen meint.
So sprech’ ich jetzo, alt und viel erfahren;
Doch damals war ich — noch zu jung an Jahren!” —

„Es mochte lange Tag sein, als, wie Glockenläuten,
Des Riegels Quitschen tönte mir zum Ohr,
Und mir der Freimann guten Morgen wünschte
Inmitten seiner groben Knechte Chor;
Dann ging es, langsam nur, durch enge Gassen
Dem Markt entgegen, zwischen Menschenmassen.”

„Gar stolz hob ich den Kopf, als ob’s zum Tanze ginge,
Als folgt’ der Freimann mir, nicht ich, am Strick;
Doch schlug mir’s Herz, es möchte aus der Menge
Am End’ mich treffen jenes Mägdleins Blick,
Um das ich manchen Tag so schwer gelitten —
Ging’s nur, ich wäre schneller ausgeschritten.”

„Die halbe Burgerschaft war auf dem Weg zum Markte
Doch ich schritt keck in meiner Unschuld Muth
Zum Richtplatz hin, nicht vor dem Henker bebend,
Denn mein Gewissen war ja rein und gut;
Auch als sie nun mich an den Schandpfahl stellten,
War mir ihr Schmähen, als ob Hunde bellten.”

„Ja, als mit rothgeglühtem Eisen mir der Freimann
Des Städtleins Dreibein auf den Nacken brannt’,
Da zuckt’ ich kaum, so daß der Henker wüthend
Mich hartgeschmorten Teufelsbraten nannt’
Und fluchend seinen Knechten aufgetragen:
Bis ich am Thor, aus Kräften drein zu schlagen!”

„Schien freilich nicht vonnöthen, sie auch noch zu hetzen,
Denn kaum war ich der Fesseln los und frei,
Als sie mich peitschend durch die Gassen jagten
Und mir die Menge folgte mit Geschrei.
Der Rücken brannte mir, wie Höllenflammen,
Gezeichnet kreuz und quer mit blut’gen Schrammen.”

„Auf flinken Füßen ging’s die schmalen Gassen nieder,
Die Knechte hinter mir in wilder Jagd,
Als unfern ich dem Thor ersah das Häuslein,
Wo Abschied nahm von mir die holde Magd.
Ein Fenster war verhängt und drauß’ der Blumengarten,
Stand welk, als müßte er auf Pflege warten.”

„Mit thränenschwerem Blicke rannte ich vorüber,
Dem Ende meiner Qual, dem Thore zu.
Ich jauchzte auf; die Jagd war überstanden,
Denn vor dem Thore ließ man mich in Ruh. —
Nicht ohne meinen Fluch dem Nest zu spenden,
Schritt ich von dannen mit zerschundnen Lenden!”

„Nun war der Vogel frei, wenn gleich sie arg ihn rupften,
Und schier geknickt die jungen Flüglein sein! —
Nur mühsam hielt ich mich noch auf den Füßen
Und zog dahin im hellen Sonnenschein,
Bis endlich ich den grünen Wald erreichte
Und müd’ in’s Gras sank, wo ein Eichstamm bleichte!”