„Nun erst errieth der Alte ihres Kummers Quelle;
Er sah die Schande, die das Kind bedroht,
Wenn ruchbar es im Städtlein werden sollte,
Daß einem Fahrenden den Arm es bot.
Mit harten Worten schalt er da die Arme,
So schier verging in bitterschwerem Harme.”
„Doch hörte sie nicht auf, den Oheim anzuflehen,
Bis der, durch ihre Thränen wohl gerührt,
Ihr halb und halb versprach, für mich zu reden,
Wenn mein Prozeß im Rathe würd’ geführt.
Ob mir es nütze, konnt’ er nicht versprechen,
Weil gar zu schwer erschien ihm mein Verbrechen.”
„Den Leichtsinn aber sollt’ die Arme strenge büßen;
Schon nächsten Morgen mußte gleich sie fort,
Zu einer alten, menschenscheuen Muhme,
Die einsam hauste in dem nächsten Ort,
Half meinem Lieb kein Bitten und kein Flehen,
Bis nach dem Urtel wollt’ er nicht sie sehen.”
„So ging sie denn. Indessen fürchtete der Alte,
Daß doch die Folter mir ein Wort entlockt’,
Von dem, was frei das Mägdlein ihm gestanden;
Hätt’ wohl damit ein Süpplein eingebrockt,
Nach dem ihn wahrlich wenig lüsten konnte,
Da seine Sippe sich in Ehren sonnte.”
„Als jedoch er vernommen, daß ich steif geschwiegen,
That’s freilich nicht dem alten Herrn zu lieb,
Sann er auf Wege mich vom Strick zu retten;
Nur leider, daß ich doch unschädlich blieb,
Und sorgte, daß man so mein Urtel messe,
Daß hinfür ich das Burger-Kind vergesse.”
„Erzählte schon, wie es der Alte angefangen,
Und man im Rathe ihm zu Willen war;
Nun erst erfuhr ich, daß das Männlein früher
Im Städtlein Schultheiß war gar manches Jahr,
Und hörte, wie an ihn sich oft man wandte,
Weil Keiner besser Brauch und Rechte kannte.”
„Doch diesmal schnitt der Kluge selbst sich in die Finger,
Als er den Burgern rieth, wie’s anzufah’n,
Daß sie mich doch der That verdächtig sprachen,
Wenn auch das Leben sie mir mußten la’n;
Denn während er im Rathhaussaal gesessen,
Hat seine Maid den Buhlen nicht vergessen.”
„Die Gute lohnte wahrlich mir das Schweigen besser,
Als es der Ohm vor Rath und Burgern that.
Ich war vor ihren Augen rein geblieben —
Und unverdächtig, trotz dem Spruch vom Rath;
Sie dachte seufzend meiner all’ die Wochen,
Bis ihr vor Weh das Herzlein schier gebrochen.”
„Als dann ihr Kunde von dem strengen Urtel worden
Und auch der Tagzeit, da es ward vollstreckt, —
Verließ die Maid, nach schweren Seelenkämpfen,
Das Haus der Muhme, lang vor Tag erweckt,
Um mir, im Walde wartend, aufzupassen,
Daß ich im Elende nicht ganz verlassen.”
„Im Walde wurde sie zwar von der Angst gepeinigt,
Ob ich vielleicht geändert meinen Sinn
In all dem Unglück und ihr zürnen möchte,
So daß in Unmuth sich verkehrt die Minn’ —
Und leis’ bekannte sie mir so im Gehen,
Sie hätte auch sich dessen vorgesehen.”