Blieb darum am Geländer bei der Brücke stehen,
Indess mein Blick des Abgrunds Tiefe maß.
Da tönte nahe mir ein lautes Gähnen
Und, wie ich hinsah, regte sich’s im Gras.
Ein Bursche war’s, der schien, wie ich, zu lauern,
Daß sie erwachten hinter ihren Mauern.”
„Bin wäger nicht der Erste! sagte ich zum Burschen,
Als der sich fröstelnd aus dem Grase hob.
Mit schlauem Lächeln jedoch meinte dieser,
Ich möcht’ für mich behalten solches Lob;
Denn er gehöre zu des Burghofs Knechten,
Der halt beim Lichtgang sich verspätet nächten.”
„Dann lehnte er sich mir zur Seite an’s Geländer
Und sah, wie ich, hinunter in die Schlucht.
Mir brannt’ die Zunge, nach dem Kind zu fragen,
Doch hielt ich sie zum Glücke noch in Zucht
Und fragte nur, um auch etwas zu sagen,
Ob in die Kluft er einen Sprung würd’ wagen?”
„Bin doch nicht närrisch, wie die Waldfee, so wir fingen,
Als wir vor etlich Monden auf der Jagd
Im Thale durch des Burgbanns Forsten pirschten!
Noch heute seh’ ich, wie die holde Magd,
Ein Blumenkränzlein um das Haar gewunden,
Im Busche stand, umstellt von unsern Hunden.””
„„War Dir ein Fang,”” erzählte ungefragt der Bursche,
„„Wie selten ihn das Glück dem Waidmann bringt!
Das Mägdlein kratzt und biß gleich sieben Teufeln,
Eh’ unsrem Alten es zuletzt gelingt,
Die Widerstrebende auf’s Roß zu setzen
Und im Galopp mit ihr hierher zu hetzen.””
„„Das Vöglein ließ sich freilich nicht gar lange halten,
Flog in der zweiten Nacht ihm schon davon.
Sieh dort! Das Fensterlein in jenem Thurme,
Dran Eppich rankt,”” — ich sah es leider schon, —
„„Dort sprang’s hinunter, ohne viel zu denken,
Daß sich die Felsen dort am gähsten senken.”
„Dies sprechend, deutete der Bursche auf die Felsen.
Mich aber überlief es heiß und kalt;
Schier wie gelähmt ließ ich die Arme sinken
Und wär’ gestürzt, bot nicht die Brustwehr Halt. —
Will Euch nicht klagen, was ich da empfunden,
In meines Lebens allerschwerster Stunden!”
„Füll’ ihm das Krüglein wieder!” rief Herr Heinz dem Diener.
Doch schaudernd lehnte es der Spielmann ab,
Noch mehr des reich gegönnten Weins zu trinken.
Dann ward es stille, wie vor einem Grab;
Nur im Kamine prasselten die Flammen
Hell überm trocknen Eichenholz zusammen.
Bald jedoch klang’s erschütternd von des Sängers Lippen:
„Das Kind! Mein liebes, süßes Kind war hin! —
Ich hörte kaum drauf, was der Bursch noch sagte,
Dem wohl nur halbwegs ich bei Sinnen schien,
Und noch bis heute fällt’s mir schwer zu glauben,
Daß so der Herrgott ließ mein Liebstes rauben!”
„In’s Herz getroffen, lehnte ich am Rand der Tiefe
Und starrte schweigend in den grausen Schlund.
Mein Kind! Mein Kind! Es war mein einzig Denken.
Dort unten lag’s zerschmettert auf dem Grund.
Glaubt, edle Herren! es mocht’ wenig fehlen,
Daß ich den gleichen Tod nicht auch thät wählen!”