„Der Bursche sah es nicht, wie ich in Weh versunken,
Zur Seiten stand, das Antlitz abgekehrt;
Erzählte fort, bis ich den Kelch des Leidens
Mitsammt der Hefen tropfenweis geleert.
Er selber war es, so mein Kind begraben,
Als sie es später todt gefunden haben.”
„Zum Glücke kündete des Wärtels Horn vom Thurme,
Die Tagwacht drüben an mit lautem Klang;
Sonst hätte ich mich wahrlich noch verrathen,
Da ich nur mühsam meinen Schmerz bezwang
Und nicht viel fehlte, daß ich laut geschrieen,
Dem bittern Leide unnütz Wort verliehen.”
„Als nun der Bursche schwieg und sich zur Brücke wandte,
Die ächzend von der Windberg’ niedersank,
Zog es mich unwillkürlich, ihm zu folgen
In’s Thorstüblein, dort saß ich auf der Bank
Und schaute zu, wie sie den Brei verschlangen;
Selbst mitzuhalten, spürt’ ich kein Verlangen.”
„Doch kam mir nun der Sinn, die Ueberlegung mälig;
Wollt’ wissen, ob der Knecht die Wahrheit sprach.
Ich blieb drum, als sie mit dem Essen fertig,
Noch bei den Mägden, suchte nach und nach
Mit klugen Worten sie dahin zu bringen,
Daß sie von selber an’s Erzählen gingen.”
„Was mir der Bursch berichtete, war leider Wahrheit!
Mein süßes Mägdlein ruhte längst im Grab.
Statt dem von Thierburg sich zur Lust zu geben,
Es lieber sich dem grausen Tod ergab.
Ich aber hatte ihr geflucht, der Reinen,
Um nun, bis an mein End’, dafür zu weinen.”
„Als dann ich Kundschaft hatte, daß der Burgherr täglich
Zur Wildhatz ritt in seinem Tann und Bann,
Schlich unbemerkt ich mich aus Thor und Zingel —
Alleine in der Welt, ein armer Mann!
Lag nichts mir mehr am Leben, wollte sterben;
Doch erst mußt’ ich den Burgherrn noch verderben.”
„Der Zufall half mir, daß ich gleich an’s Werk mocht’ gehen;
Denn, als ich traurig wieder thalwärts ging,
Sah ich den Weg allmälig sich verengen,
Indessen oben eine Felswand hing.
Wie Schuppen fiel es da von meinen Augen,
Mein Kind zu rächen, sollt’ der Hohlweg taugen.”
„In Freuden drob erklomm ich bald die steile Höhe
Und fand dort, wohl vom Blitze hingestreckt,
Schier nah dem Rande einen Baumstamm liegen,
Deß’ knorrig Wurzelwerk den Boden deckt;
Hei! ging’s nun dran mit Wälzen und mit Wiegen,
Bis Stamm und Wurzeln in die Tiefe fliegen.”
„Nun war der Weg gesperrt, sie mußten unten halten,
So lang das Hinderniß nicht fort geräumt.
Schon sah ich Herr und Knecht zerschmettert liegen
Von schwerem Felsblock, den ich ungesäumt
Mit Riesenkräften bis zum Schluchtrand rollte,
Von wo er wuchtig niederdonnern sollte.”
„Dann warf ich mich in’s Moos; doch pflog ich keiner Ruhe,
Es zog mich immer wieder, Stein auf Stein
Zum nahen Hang des Abgrunds hinzuwälzen.
Ich fühlte nicht der schweren Arbeit Pein,
Sah nicht, daß Blut mir von den Händen rannte,
Da ich nur ein Gefühl, die Rache, kannte.”