Das hatte doch die Böse nicht gewollt. Aufschreiend
In banger Angst, durchrannte sie im Nu
Das Stüblein, dann die dunkle Treppe nieder
Des Thurmes Ausgang und der Stelle zu,
Wo, wie ihr graute, da sie Schuld sich wußte,
Vom Sturz zerschmettert Elsbeth liegen mußte.
Doch, wie war sie erstaunt, als hier die Todtgeglaubte,
Gesund und heil an Gliedern, vor ihr stand!
Beschäftigt schnell den Schnee sich abzuschütteln,
Vom faltenreichen, blauen Wollgewand,
Den Hans, wenn er den Zwingolf morgens kehrte,
Am Fuß des Thurms seit etlich Tagen mehrte. —
Der Schneeberg, heute von der Sonne warm beschienen,
Lag locker da, in seiner Masse weich,
Ihm hatte Elsbeth es, nächst Gott, zu danken,
Daß, zwar vor Schrecken gleich dem Tode bleich,
Deß’ Nähe ihr das heiße Blut nun kühlte,
Sie, trotz dem Sturz, sich unbeschädigt fühlte. —
„Um Jesu willen!” keuchte Adelgunde angstvoll,
Ob Elsbeth etwa doch zu Schaden kam,
„Vergebet mir! — Ich will dem Herrgott danken,
Weil er so gnädig Euch in Obhut nahm,
Daß Ihr, nach solchem Fall, Euch dürft erheben
Mit heilen Gliedern ungekürzt am Leben!”
„Gewährt Verzeihung —” bat sie leise, als ihr Elsbeth
Nicht sogleich Antwort gab, „wär’ übler dran
Denn Ihr, hätt’ Euch ein Ungemach betroffen,
Da ich es war, die hob zu streiten an;
In kind’scher Lust Euch mit dem Ringlein neckte,
Nicht ahnend, daß ich Euern Zorn mir weckte.”
In Thränen schaute Elsbeth auf und sagte milde:
„Gott wolle Euch verzeih’n, wie ich dies thu’!
Meint Ihr es aber ernst, so helfet jetzo
Das Ringlein suchen —” fügte noch sie zu
Und wandte dann sich, in dem Schnee zu sehen,
Ob das Verlorne nicht sich ließ erspähen.
Da jedoch reichte, schamgesenkt die feuchten Blicke
Und tief gerührt von Elsbeths Edelmuth,
Ihr Adelgund’ das Kleinod mit den Worten:
„Ist unvonnöthen, daß Ihr suchen thut,
Was, ging’s verloren, selber mich auch schmerzte.
Hier nehmt den Ring! — Verzeihet, daß ich scherzte.”
Nun war ein Strom von Thränen das beredte Zeugniß,
Wie freudig überrascht sich Elsbeth fand,
Als ihr, fast zärtlich, gar noch an den Finger
Das Reiflein steckte Adelgundens Hand.
In langem Kuß sah man die Lippen pressen
Sie auf den Ring, in seligem Vergessen. —
Am Abend, als die Herrn vom Jagen wiederkehrten,
Im Zwingolf laut ihr Waidmannsgruß ertönt’,
War Frieden; denn die beiden Schönen hatten
Sich längst schon miteinander ausgesöhnt,
Wenn gleich es Adelgunden schwer gefallen,
Zu meistern stolzen Herzens heißes Wallen.
Im Kletgau heißt ein Sprüchlein: „Essen und Vergessen!”
Das oft im Leben sich verwenden läßt.
Auch Elsbeth that es, sie vergaß der Thränen,
Die Adelgunde ihrem Herz erpreßt’,
Nicht daran zweifelnd, daß des Junkers Liebe,
Wie heut sein Ringlein, ihr erhalten bliebe.