Zu spät, denn eben ließ der Fremde sich vernehmen,
In tiefem Basse er zum Vogte sprach:
„Der Bischof läßt Euch gnädig Gruß entbieten,
Durch seinen Dienstmann, Franz von Edlibach,
Dem Ihr, so hoff’ ich, werdet drob verzeihen,
Daß noch so spät er Euch in’s Haus mußt’ schneien.

Voll Achtung hatte sich der Vogt da flink erhoben,
Wie es dem Dienstmann solches Herrn gebührt,
Und nun empfing er aus des Boten Händen
Ein Ledertäschlein, vielfach eng umschnürt,
Deß’ Siegel Krummstab und die Inful zeigte,
Bei welchem Anblick sich Herr Heinz verneigte.

Doch, eh’ er’s öffnete, bat er den Ueberbringer,
Den Mantel abzulegen und die Wehr’
Und mitzuhalten an der Tafelrunde:
„’s wär mir und hier den Freunden große Ehr’!”
Das ließ sich Edlibach nicht zweimal sagen,
Saß bald am Tisch und ruhte mit Behagen.

Bedächtig löste nun der Vogt die Schnur am Täschlein,
Indessen Elsbeth für den späten Gast
Des Saales rauchgebeiztem Eichenbuffert
Ein Glas entnahm, das ring zwei Krüglein faßt’,
In dem der Wein, wie blinkend Gold geschwommen
Als sie’s, credenzend, hieß den Herrn willkommen.

Die andern saßen derweil schweigend an der Tafel
Und sahn dem Vogte zu, dem’s endlich glückt’,
Des Täschleins Inhalt an das Licht zu bringen:
Zwei Schreiben, die das gleiche Siegel schmückt’,
Mit einer Aufschrift, deren Schnörkelzüge
Der Vogt von lange kannte zur Genüge.

So sah er denn auch bald, daß eines nur der Schreiben
An ihn gerichtet sei; das andre trug,
Vom Bischof eigenhändig aufgeschrieben,
In schöner Schrift Herrn Kuonrads Namenszug;
Dies übergab der Vogt dem Hausgenossen,
Noch ehe er das eigene erschlossen.

Als ob dem Junker bang, das Schreiben gleich zu öffnen,
Lag’s eine Weile schon in seiner Hand,
Eh’ er begann das Siegel zu erbrechen
Und flüchtig forschte, was zu lesen stand.
Nach kurzem Blick drauf aber ließ er’s sinken
Und griff zum Glas, doch nicht um draus zu trinken.

Er rieb die Augen sich, fing wieder an zu lesen;
Da ward ihm heiß und däuchte es ihn schier,
Als ob die Schnörkel um ein Wort sich drehten
In wirrem Tanze auf des Briefs Papier.
Dies eine Wort — will ihn die Hölle narren?
Es bannt’ den Blick ihm, macht sein Herz erstarren!

Gleich einem, der sich schon dem Tode eigen glaubte,
Saß stumm Herr Kuonrad da, den scheuen Blick
Mechanisch auf des Oheims Schreiben heftend,
Drin schwarz auf weiß zu lesen sein Geschick
Nun war, wie besser er’s nicht wünschen konnte,
Eh’ sich sein Herz in Elsbeths Blicken sonnte.

Das lastete jetzt bergeschwer auf seiner Seele
Und machte öde, rathlos ihm das Hirn,
Indeß sein Blut, in heißen Wellen kochend,
Mit dunklem Rothe färbte Wang’ und Stirn.
Der Brief erzitterte in seinen Händen;
O, Fluch dem Schicksal, solch ein Glück zu spenden!