"Fürchte nicht, Bruder, daß wir durch lautes Weinen und weibisches Klagen die letzten Augenblicke des Vollendeten stören werden. Wir haben uns von Vesali bis hierher keine Ruhe gegönnt, um den Erhabenen noch zu sehen. Verwehre uns den Zutritt nicht, wir wollen stark sein."
Da winkte er uns, ihnen zu folgen.
Wir hatten nicht weit zu gehen.
Auf einer kleinen Waldwiese waren wohl an die zweihundert Brüder versammelt und standen da in einem Halbkreise. In der Mitte erhoben sich zwei Salabäume, die eine einzige Masse von weißen Blüten bildeten, und unter ihnen, auf einem Lager von gelben Mänteln, die zwischen den beiden Stämmen ausgebreitet waren, ruhte der Vollendete, den Kopf auf den rechten Arm gestützt. Und die Blüten regneten leise über ihn herab.
Hinter ihm sah ich im Geiste die jetzt im Nachtdunkel verborgenen, in ewigen Schnee gehüllten Zinnen des Himavat, von denen ich soeben einen flüchtigen, traumhaften Anblick genossen hatte, dem ich es verdankte, daß ich jetzt hier vor dem Vollendeten stand. Der überirdische Glanz aber, der von ihnen herübergegrüßt hatte, strahlte mir jetzt in geistiger Verklärung von seinem Gesichte wider. Auch er, der Erhabene, schien ja, ebenso wie jene wolkenartig schwebenden Gipfel, der Erde gar nicht anzugehören, und doch war er wie sie, von derselben Ebene aus, die uns alle trägt, bis zu jener unermeßlichen Geisteshöhe emporgestiegen, von welcher aus er jetzt im Begriff stand, dem Blick der Menschen und der Götter zu entschwinden.
Und er sprach zu dem vor ihm stehenden Ananda:
"Ich weiß wohl, Ananda, daß du einsam weintest in dem Gedanken: 'Ich bin noch nicht frei von Sünden, ich habe noch nicht das Ziel erreicht, und mein Meister wird jetzt in das Nirvana eingehen--er, der sich meiner erbarmte.' Aber nicht also, Ananda--klage nicht, jammere nicht! Habe ich es dir nicht zuvor gesagt, Ananda:--von Allem, was man lieb hat, muß man scheiden? Wie wäre es möglich, Ananda, daß das, was entstanden ist, nicht verginge? Du aber, Ananda, hast lange Zeit den Vollendeten geehrt, in Liebe und Güte, mit Freuden, ohne Falsch. Du hast Gutes getan. Strebe ernstlich, und du wirst bald frei sein von Sinnenbegier, von Ichsucht und von Irrwahn."
Wie um zu zeigen, daß er sich nicht mehr von Trauer überwältigen ließe, fragte nun Ananda, indem er mit Gewalt seine Stimme beherrschte, was die Jünger mit den sterblichen Resten des Vollendeten tun sollten.
"Laßt euch das nicht kümmern," antwortete der Buddha. "Es gibt weise und fromme Anhänger unter den Adligen, unter den Brahmanen, unter den bürgerlichen Hausvätern--sie werden den sterblichen Resten des Vollendeten die letzte Ehre erweisen. Ihr aber habt Wichtigeres zu tun. Gedenket des Ewigen, nicht des Sterblichen; eilet vorwärts, schauet nicht zurück."
Und indem er seinen Blick im Kreise herumgehen ließ und jeden einzelnen ansah, sprach er weiter: