Bei allem meinem Vertrauen in die finanzielle Kraft Deutschlands erfüllte mich diese Steigerung mit ernster Sorge. Die erste Kriegsanleihe hatte rund 4½ Milliarden erbracht. Aber wenn auch diese Summe das Ergebnis aller bisher dagewesenen Anleiheoperationen weit übertraf, so deckte sie doch nur etwa die Kriegsausgaben der ersten drei Monate und nur etwas mehr als das Doppelte der Kriegsausgaben des einen Monats März 1915. Als ich am 1. Februar 1915 das Schatzamt übernahm, waren an unverzinslichen Schatzanweisungen bereits wieder 4365 Millionen Mark im Umlauf, und dieser Umlauf stieg bis Ende März 1915 auf 7209 Millionen Mark. Auch wenn man für die im März 1915 aufgelegte zweite Kriegsanleihe ein noch wesentlich höheres Ergebnis erwartete, als es die erste Kriegsanleihe erbracht hatte, mußte man bei einem weiteren Steigen der monatlichen Kriegsausgaben mit einem für das finanzielle Durchhalten verhängnisvollen Anschwellen der Begebung von Schatzanweisungen und damit — da die Reichsbank der Hauptabnehmer war — mit einem lawinenartigen Anwachsen des Notenumlaufs, einer schrittweisen Wertverringerung unseres Geldes und einer entsprechenden Steigerung des allgemeinen Preisniveaus rechnen. Nur die peinlichste Sparsamkeit konnte einer solchen Entwicklung entgegenwirken.
Es war mir wie aller Welt bekannt, daß in den ersten Wochen nach Kriegsausbruch die mit der Beschaffung von Heeresbedarf aller Art betrauten Stellen der Heeresverwaltung keineswegs überall sachgemäß vorgegangen waren, sondern vielfach geradezu kopflos gehandelt hatten. Der dringende Bedarf gewaltigen Umfangs für Ausrüstung und Verpflegung unserer Truppen scheint in manchen darauf nicht vorbereiteten Bureaus geradezu eine Panik erzeugt zu haben. Unter dem Druck der Beschaffungsnotwendigkeit kam es zu der von mir späterhin überall auf das Schärfste bekämpften Parole: „Geld spielt keine Rolle“; es ist vorgekommen, daß den Lieferanten höhere Preise angeboten worden sind, als sie ihrerseits zu fordern sich für berechtigt hielten. Unter dem gleichen Drucke haben manche Beschaffungsstellen, statt mit dem Produzenten oder dem regulären Handel in Verbindung zu treten, sich mit Gelegenheits-Zwischenhändlern übelster Sorte, wie der Krieg sie gleich Pilzen aus dem Boden schießen ließ, in Geschäfte eingelassen, die das Reich über Gebühr belasteten und nicht die erforderliche Gewähr für eine sachgemäße Lieferung boten. Auch die Organisation der Beschaffung des Heeresbedarfs ließ manches zu wünschen übrig; es kam vor, daß sich verschiedene Beschaffungsstellen gegenseitig Konkurrenz machten und sich, ohne es manchmal selbst zu wissen, die Preise in die Höhe boten.
In allen diesen Punkten war zu Anfang des Jahres 1915 bereits vieles besser geworden. Nach der Aufregung und dem Durcheinander der ersten Mobilmachungszeit war Ruhe und Ordnung wieder eingekehrt. Die Organisation der Beschaffung war vervollkommnet worden. Namentlich auf dem Gebiete der Beschaffung von Nahrungs- und Futtermitteln für die Armee hatte die schon im Laufe des August 1914 ins Leben gerufene Zentralstelle für Heeresverpflegung für eine sachgemäße und einheitliche Behandlung dieses gewaltigen Einkaufsgeschäftes gesorgt. Auch auf den übrigen Gebieten wurden neue Verträge gründlich geprüft und eine Nachprüfung der alten Verträge in die Wege geleitet, der Gelegenheits-Zwischenhandel nach Möglichkeit ausgeschaltet und direkte Abschlüsse mit den Produzenten angestrebt. Es war natürlich für die Finanzverwaltung unmöglich, alle die Abschlüsse und Geschäfte der Heeresverwaltung im einzelnen mitzubearbeiten oder auch nur zu kontrollieren; dazu hätte ein Heer von Beamten gehört, über das ich nicht verfügte und das in den Verhältnissen des Krieges auch nicht zu beschaffen war; außerdem hätte der Versuch zu einer kaum zu verantwortenden Erschwerung und Verschleppung der meist dringlichen Geschäfte geführt. Es blieb also nur eine allgemeine Einwirkung im Sinne einer zweckmäßigen Organisation und sachgemäßen Behandlung der Beschaffung des Heeresbedarfs, sowie die Mitarbeit bei einzelnen wichtigen Verträgen und die Kontrolle durch gelegentliche Stichproben.
Darüber hinaus betrachtete ich es als meine Aufgabe, die maßgebenden militärischen Stellen von der zwingenden Notwendigkeit einer eisernen Sparsamkeit zu überzeugen. Der verhängnisvolle Grundsatz: „Geld spielt keine Rolle“ mußte vom Kopfe her ausgebrannt werden. Nachdem ich eine hinreichende Übersicht über die Verhältnisse gewonnen hatte, reiste ich Ende April 1915 in das Große Hauptquartier, um dort mit dem Chef des Generalstabs, dem Kriegsminister, dem Generalquartiermeister und dem Generalintendanten des Feldheeres über die Möglichkeiten der Erzielung von Ersparnissen zu beraten. Wir kamen in mehrtägiger Beratung zu dem Ergebnis, daß sowohl bei den sachlichen wie namentlich auch bei den persönlichen Ausgaben eine strengere Sparsamkeit sich ohne Beeinträchtigung der Kriegführung durchführen lasse. Insbesondere die offensichtlich auf einen kurzen Krieg zugeschnittene Kriegsbesoldungsordnung und ihre Anwendung bot Spielraum zu geldersparenden Korrekturen. Aber auch in der Materialwirtschaft wurde vielfach noch gar zu sehr aus dem Vollen geschöpft. Ich konnte in dieser Beziehung aus meinen Besuchen an der Front und vor allem aus einer Besprechung mit dem früheren Kriegsminister, General von Einem, damals Führer der Champagne-Armee, wertvolle Anregungen gewinnen.
Daß meine Bemühungen nicht ganz ohne Erfolg waren, zeigt die Entwicklung der Kriegsausgaben. Ich habe das Schatzamt verwaltet vom 1. Februar 1915 bis zum 1. Juni 1916. Die Ausgaben im März 1915 stellten sich, wie ich bereits erwähnte, auf 2035,5 Millionen Mark. In den meisten der folgenden Monate blieben die Ausgaben hinter dem Betrage von 2 Milliarden Mark zurück. Im März 1916 beliefen sie sich auf 2059 Millionen, also nur wenig höher, als ein Jahr zuvor. Die folgenden Monate April und Mai erforderten 1,884 und 2,008,5 Milliarden Mark. Die Ausgaben sind also in den sechzehn Monaten meiner Verwaltung nicht irgendwie nennenswert weiter angewachsen: und dieses Ergebnis ist erzielt worden trotz der Ausdehnung der Kriegsschauplätze, trotz der weiteren Vermehrung des Effektivbestandes unserer Truppen, trotz der gestiegenen Preise für Nahrungsmittel und Rohstoffe und trotz der starken Ausdehnung der Fabrikation von Kriegsgerät und Munition.
Ich muß dabei hervorheben, daß ich niemals auch nur in einem einzigen Fall Wünschen oder Absichten des Kriegsministeriums auf Beschaffung von Kriegsgerät oder Munition entgegengetreten bin. Die Beurteilung des in dieser Beziehung für die erfolgreiche Führung des Krieges Notwendigen konnte ich um so beruhigter der ausschließlichen Verantwortung der zuständigen militärischen Stellen überlassen, als die an mich herantretenden Anträge den Rahmen unserer finanziellen und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit in jener ersten Phase des Krieges nicht überschritten. Nur ein einziges Mal bin ich als Reichsschatzsekretär in die Lage gekommen, einer unsere militärische Ausrüstung betreffenden Absicht Widerspruch entgegensetzen zu müssen, und dieser eine Fall ging nicht das Landheer an, sondern die Marine. Im Herbst 1915 wollte das Reichsmarineamt auf kaiserliche Anordnung für einen gesunkenen Kreuzer ein großes modernes Schlachtschiff in Auftrag geben. Bei der auf drei bis vier Jahre veranschlagten Bauzeit war die Wahrscheinlichkeit, daß dieser kostspielige Neubau noch für den Krieg von Nutzen sein könnte, zum mindesten zweifelhaft. Außerdem hätte der Neubau große Anforderungen an die knappen Arbeitskräfte und Materialien gestellt und diese dem für alle Eventualitäten notwendigen U-Bootbau entzogen. Infolgedessen verweigerte ich meine Zustimmung und der Neubau unterblieb. Im übrigen habe ich den verantwortlichen militärischen Behörden für die Ausrüstung des Heeres mit Kriegsgerät und Munition durchaus freien Spielraum gelassen; in wichtigen Fällen, so in der Frage der Stickstoffbeschaffung und der Handelstauchboote, bin ich aus eigener Initiative, ohne militärische Anträge abzuwarten, mit Maßnahmen und Ausgaben vorgegangen, die der Kriegführung wesentlich zugutekamen.
Ich stelle diesen Sachverhalt hier fest, um einer Legendenbildung entgegenzutreten, die sich später, zur Zeit der Beratung des Gesetzes über den vaterländischen Hilfsdienst, herausgebildet hat. Damals wurde ausgestreut — ich habe nicht ermitteln können, von welcher Seite — die unbefriedigenden Zustände in der Munitionserzeugung, die sich um die Mitte des Jahres 1916 herausgestellt hatten, seien auf Geldverweigerungen des Reichsschatzamts zurückzuführen. Ich habe damals schon im Hauptausschuß des Reichstags in Gegenwart der Vertreter der für die Munitionsbeschaffung zuständigen militärischen Stellen dieselbe Feststellung gemacht wie hier, daß in keinem einzigen Fall die Beschaffung von Kriegsgerät und Munition durch ein Eingreifen des Schatzamtes verhindert oder auch nur verzögert worden ist. Auf die tatsächlichen Zustände in der Munitionserzeugung um die Mitte des Jahres 1916 komme ich weiter unten im Zusammenhang mit dem Vaterländischen Hilfsdienst zurück.
Die Kriegsanleihen
Die ungeheuren Kosten des Krieges, die bisher in der Geschichte der Völker auch nicht annähernd ihresgleichen hatten — überschritt doch bereits im Jahre 1915 die durchschnittliche Monatsausgabe Deutschlands die deutschen Gesamtaufwendungen für den Krieg von 1870/71 — stellten die Finanzpolitik der kriegführenden Völker vor ganz neue Aufgaben und Probleme. Der gesamte Umlauf an metallischen und papiernen Zahlungsmitteln in Deutschland bewegte sich vor dem Kriege zwischen 4 und 5 Milliarden Mark. Der Krieg machte schon im Jahre 1915 die monatliche Beschaffung und Verausgabung von 2 Milliarden Mark erforderlich, ein Betrag, der gegen Ende des Krieges auf nahezu 5 Milliarden Mark angewachsen ist. Das gesamte jährliche Volkseinkommen Deutschlands hatte vor dem Kriege einen Betrag von 42 bis 45 Milliarden Mark erreicht. Die Kriegsausgaben des Jahres 1915 stellten sich auf rund 23 Milliarden Mark, die Kriegsausgaben des Jahres 1918 auf 50,2 Milliarden Mark. Diese Gegenüberstellung läßt ermessen, was die Beschaffung und Verausgabung der für den Krieg erforderlichen Gelder für die deutsche Finanzwirtschaft und Volkswirtschaft bedeutete.
Drei grundsätzlich verschiedene Wege standen den kriegführenden Staaten zur Aufbringung der Mittel für die Kriegführung zur Verfügung und sind von allen kriegführenden Staaten gleichzeitig benutzt worden, allerdings in verschiedenem Maße und in einem sich während des Krieges erheblich verschiebenden Verhältnis: