Der Erfolg unserer ersten Kriegsanleihe und ihre Kursentwicklung nach der Zeichnung — der Kurs stieg alsbald über den Ausgabekurs von 97½% und erreichte zeitweise 100% — hatten gezeigt, daß die Anleihebedingungen richtig gegriffen waren. Ein Vergleich mit England, dem einzigen kriegführenden Staat, der außer uns schon im Jahre 1914 mit einer großen Anleihe an das Publikum herantrat, mußte diesen Eindruck bestätigen. Bei uns hatte man sich sofort entschlossen, den Kriegsverhältnissen durch die Gewährung einer 5%igen Verzinsung Rechnung zu tragen. England, das zwei Monate nach uns, im November 1914, eine Anleihe im Betrage von 350 Millionen Pfund Sterling auflegte, gewährte nur eine 3½%ige Verzinsung bei einem Ausgabekurs von 95%. Die Anleihe wurde vom Publikum nicht voll genommen; die englischen Großbanken mußten sich am letzten Zeichnungstage unter dem sanften Druck der britischen Regierung entschließen, 100 Millionen für sich zu übernehmen, um wenigstens den Anschein eines Erfolges zu retten. Der Kurs der Anleihe ging alsbald unter den Ausgabekurs (95%) und sank im Frühjahr 1915 bis 87½% herab. Der Mißerfolg war eingetreten, obwohl die Bank von England den Zeichnern weit größere Erleichterungen gewährte, als unsere Darlehnskassen. Die Bank von England erklärte sich bereit, die Kriegsanleihe sofort bis zur vollen Höhe des Ausgabekurses zu einem Satz von 1% unter Bankdiskont zu bevorschussen, während unsere Darlehnskassen Beleihungen nur bis zu 75% und zu einem Satz von ¼% über Bankdiskont vornahmen.
Sowohl der eigene Erfolg wie der britische Mißerfolg konnten uns also nur bestärken, an dem im September 1914 gewählten Anleihetyp festzuhalten. Das war auch die Meinung aller Sachverständigen aus der Bankwelt, den Sparkassen und Genossenschaften, mit denen ich mich alsbald nach Übernahme des Schatzamtes in Verbindung setzte.
Notwendig erschien aber eine weitere Ausgestaltung der Werbetätigkeit. Der Ertrag der ersten Anleihe von 4½ Milliarden Mark mußte, um unsere Kriegsfinanzen flottzuerhalten, ganz erheblich übertroffen werden. Dazu war es erforderlich, das deutsche Volk in seiner Gesamtheit für die Anleihe zu interessieren. „Es gilt“ — so habe ich in meiner Antrittsrede im Reichstag ausgeführt — „dem ganzen Volk klarzumachen, daß dieser Krieg mehr als irgendein anderer zuvor nicht nur mit Blut und Eisen, sondern auch mit Brot und Geld geführt wird. Für diesen Krieg gibt es nicht nur eine allgemeine Wehrpflicht, sondern eine allgemeine Sparpflicht und eine allgemeine Zahlpflicht. Der Verschwender notwendiger Lebensmittel und der Mammonsknecht, der sich nicht von seinem Gelde trennen kann, ist um kein Haar besser als der Deserteur, der sich seiner Wehrpflicht entzieht. Unser Ruf, der Ruf der finanziellen Kriegsleitung, geht an alle, an Groß und Klein, und Schande über jeden, der sich taub stellt!“
Der Gedanke der finanziellen Wehrpflicht mußte hunderttausendfältig den Köpfen eingehämmert werden. Das war durch einige Ministerreden allein nicht zu erreichen, auch wenn diese von dem Standort der größten Publizität, der Tribüne des Reichstags, gehalten wurden. Es bedurfte vielmehr einer weitverzweigten, wohlgegliederten und engmaschigen Organisation über das ganze deutsche Land. In dieser Beziehung mußten die im September 1914 geschaffenen Anfänge ausgebaut werden.
Zunächst wurde der Kreis der Zeichnungsstellen erweitert; neben den Banken, Sparkassen und Versicherungsgesellschaften wurden sämtliche Kreditgenossenschaften und Postanstalten als Zeichnungsstellen aufgetan. Dann wurde im Zusammenwirken mit den Landesregierungen die Aufklärungs- und Werbearbeit organisiert: die Landräte, die Gemeindevorsteher, die Geistlichen, die Lehrer, nicht zum wenigsten die Zeitungen wurden für diese Arbeit mobilgemacht. Merkblätter, die alles Wissenswerte über die Kriegsanleihen enthielten, wurden in Millionen von Exemplaren verbreitet; Mustervorträge und für die Werbearbeit in Betracht kommendes Material wurden den örtlichen Propagandaorganisationen überwiesen. Es war für den Reichsbankpräsidenten und für mich eine Freude zu sehen, mit welchem patriotischen Eifer überall die Werbetätigkeit aufgenommen wurde, und wie sich allerorten freiwillige Mitarbeiter zur Verfügung stellten.
Der Erfolg übertraf alle Erwartungen.
Die zweite Kriegsanleihe erbrachte ein Ergebnis von 9100 Millionen Mark, also mehr als den doppelten Ertrag der ersten Kriegsanleihe.
Die im September 1915 ausgegebene dritte Kriegsanleihe erzielte sogar einen noch größeren Erfolg: der gezeichnete Betrag erreichte die Summe von 12160 Millionen Mark.
Insgesamt wurden also im Jahre 1915 rund 21260 Millionen Mark auf dem Anleiheweg aufgebracht, während die Kriegskosten des Jahres 1915 sich auf 22965 Millionen beliefen. Die Kriegskosten des Jahres 1915 wurden also bis auf einen nicht erheblichen Bruchteil durch den Ertrag der Anleihen des Jahres 1915 gedeckt. Für die zweite Hälfte des Jahres 1915 war das Verhältnis noch günstiger: die Kriegsausgaben stellten sich auf 12091 Millionen, der Ertrag der Kriegsanleihe auf 12160 Millionen.
Als die Zeichnungsfrist der dritten Kriegsanleihe Ende September 1915 ablief, waren an kurzfristigen Schatzanweisungen begeben rund 10 Milliarden Mark. Der Ertrag der dritten Kriegsanleihe übertraf diese Summe um rund 2 Milliarden Mark. Die Belastung des Reiches mit kurzfristigem Kredit war also durch die dritte Kriegsanleihe vollständig abgebürdet.