Die vierte Kriegsanleihe, die letzte in meiner Amtszeit als Reichsschatzsekretär, zeigte allerdings gegenüber der dritten einen leichten Rückgang: sie ergab 10768 Millionen Mark, also rund 1400 Millionen Mark weniger als die dritte, aber immer noch 1668 Millionen mehr als die zweite Kriegsanleihe. Das Ergebnis war zweifellos beeinträchtigt worden durch den damals heftige Formen annehmenden Streit um den U-Bootkrieg und den in die Zeichnungsperiode fallenden Rücktritt des Großadmirals von Tirpitz. Dem Ertrag der vierten Kriegsanleihe standen gegenüber die Kriegsausgaben des ersten Halbjahrs 1916 mit rund 11750 Millionen Mark. Die Kriegsausgaben waren also in diesem Halbjahr um rund eine Milliarde Mark höher als der Anleiheertrag. Als Ende März 1916 die Zeichnungsfrist auf die vierte Kriegsanleihe ablief, stellte sich der Betrag der vom Reich ausgegebenen kurzfristigen Schatzanweisungen auf 10400 Millionen Mark. Das Zeichnungsergebnis der vierten Kriegsanleihe mit 10768 Millionen Mark deckte also auch dieses Mal noch den Betrag der ausstehenden Schatzanweisungen.
Als ich am 31. Mai 1916 das Schatzamt verließ, stellten sich die Kriegsausgaben des Reiches auf rund 39780 Millionen Mark. Davon waren durch die vier Kriegsanleihen gedeckt rund 36 Milliarden Mark.
Kein anderer kriegführender Staat hat eine auch nur annähernd gleich erfolgreiche Anleihepolitik durchzuführen vermocht.
England sah sich nach dem ungenügenden Erfolg seiner ersten Kriegsanleihe vom November 1914 zunächst zur Geldbeschaffung im Wege des kurzfristigen Kredits genötigt. Im Juni 1915 legte es eine zweite langfristige Anleihe auf, dieses Mal mit einer nominellen Verzinsung von 4½%. Während man in Deutschland während des ganzen Krieges bei der von Anfang an gewählten 5%igen Verzinsung bleiben konnte, war England also gezwungen, bereits bei der zweiten Kriegsanleihe einen um 1% höheren Zinssatz zu gewähren als bei der ersten. Es hat späterhin bei der dritten Anleihe im Februar 1917 auf 5% gehen und einen Emissionskurs von 95% anbieten müssen, während Deutschland bis zuletzt für seine gleichfalls 5%igen Kriegsanleihen einen Ausgabekurs von 98% festhalten konnte. Die englische Kriegsanleihe vom Juni 1915 wurde dem Publikum durch allerlei Reizmittel schmackhaft gemacht; so wurde dem Publikum der Umtausch sowohl der ersten 3½%igen Kriegsanleihe als auch der 2½%igen Konsols zu bestimmten günstigen Sätzen gegen die neue 4½%ige Kriegsanleihe unter der Bedingung der gleichzeitigen Barzeichnung auf die neue Anleihe freigestellt; vor allem aber erhielten die Zeichner die Berechtigung, für den später praktisch gewordenen Fall der Ausgabe einer höher verzinslichen Anleihe die 4½%igen Stücke ohne weiteres gegen Stücke der neuen höher verzinslichen Anleihe tauschen zu dürfen. Trotz aller dieser Reizmittel erreichte die Zeichnung, abgesehen von den Tauschstücken, nicht ganz 600 Millionen Pfund Sterling. Um dieses Ergebnis zu erreichen, mußten die Banken 200 Millionen übernehmen. Der Kurs der neuen Anleihe ging alsbald um einige Prozent unter den Ausgabekurs zurück. Der Markt war durch die verfehlte Operation derartig gestört und das Schatzamt war durch das für die Zukunft zugestandene Konversionsrecht derartig behindert, daß bis zum Februar 1917 eine neue Anleiheoperation überhaupt nicht zustande kam. Ende Mai 1916 hatte Deutschland 36 Milliarden Mark, England nur 19 Milliarden Mark durch die Begebung langfristiger Anleihen aufgebracht. Und obwohl England, im Gegensatz zu Deutschland, damals schon die Steuerschraube stark angezogen hatte, stellten sich seine kurzfristigen Verbindlichkeiten auf nicht viel weniger als 20 Milliarden Mark, während die unsrigen nur zwischen 4 und 5 Milliarden betrugen.
Frankreich kam erst im November 1916 mit einer Anleihe heraus. Sie war mit einer 5%igen Verzinsung ausgestattet und wurde zum Kurs von 88% begeben. Ihr Ergebnis belief sich, abgesehen von dem auch hier als Lockmittel zugelassenen Umtausch älterer niedriger verzinslicher Anleihen, auf rund 13,7 Milliarden Franken, also um etwa auf 12 Milliarden Mark. Man kann annehmen, daß Frankreich um die Mitte des Jahres 1916 etwa zwei Drittel seiner Kriegskosten durch Inanspruchnahme kurzfristiger Kredite und Darlehen seiner Zentralbank hatte decken müssen.
Dabei waren sowohl England als auch Frankreich in einem Punkte wesentlich günstiger gestellt als wir: es stand ihnen die finanzielle Unterstützung der Vereinigten Staaten von allem Anfang an in wesentlich größerem Umfang zur Verfügung als uns. Die Sympathien der amerikanischen Finanzwelt und des Publikums waren ganz vorwiegend auf der Seite der Westmächte. Während England und Frankreich ohne jede Schwierigkeit die gewünschten Kredite erhalten und im Herbst 1915 sogar eine gemeinschaftliche Anleihe von 500 Millionen Dollar mit einem amerikanischen Finanzkonsortium abschließen konnten, hatten wir die größten Schwierigkeiten, auch nur die bescheidensten Beträge in Amerika aufzubringen. Gleich nach Beginn des Kriegs hatte die Reichsleitung den früheren Staatssekretär des Reichskolonialamts, Herrn Dernburg, nach Amerika geschickt, in der Hoffnung, durch seine Vermittlung in Amerika Geldquellen erschließen zu können. Aber auch seinen Bemühungen gelang es nicht, etwas Nennenswertes zu erreichen. Bald nach meiner Übernahme des Reichsschatzamtes gelang es allerdings, durch ein Bankhaus zweiten Ranges Schatzscheine wenigstens in dem bescheidenen Betrag von 10 Millionen Dollar unterzubringen. Aber bald mußte der größte Teil davon wieder zurückgekauft werden, um eine für unsern Kredit bedenkliche Entwertung zu verhindern.
Es ist später gegen unsere Kriegsfinanzpolitik mitunter der Vorwurf erhoben worden, sie habe versäumt, Amerika rechtzeitig finanziell für uns zu interessieren, und es so geschehen lassen, daß die Vereinigten Staaten ein einseitiges Interesse an unsern Feinden genommen hätten. Der Vorwurf beruht auf einer Verkennung der wahren Sachlage. Als im März 1916 ein Abgeordneter im Hauptausschuß des Reichstags mich beglückwünschte, daß ich den Geldbedarf für den Krieg im Inland decken könne und nicht, wie die Engländer und Franzosen, nach Amerika gehen müsse, da antwortete ich, daß der Redner meine tugendhafte Enthaltsamkeit überschätze, und daß ich gern von Amerika Geld nehmen würde, wenn ich es nur bekommen könnte. Die Amerikaner haben im weiteren Verlauf des Weltkriegs nicht etwa deshalb für die Entente Partei genommen, weil sie dieser Geld gegeben hatten und uns nicht, sie hatten vielmehr der Entente Geld gegeben und nicht uns, weil sie von Anfang an in diesem Völkerringen mit ihren ganz überwiegenden Sympathien auf der Seite der Westmächte standen.
Trotzdem wir so viel stärker auf die eigne Kraft angewiesen waren als unsre Feinde, gelang es uns, mit unsrer Anleihepolitik den geschilderten Vorsprung zu gewinnen.