Diese zwingenden Gründe wurden, wie die ganze Tragweite des Wirtschaftskrieges, nicht von Anfang an voll erkannt. Aber immerhin zeigten weite und wichtige Kreise unseres Wirtschaftslebens schon in den ersten Tagen und Wochen des Krieges ein richtiges Gefühl für die Notwendigkeit einheitlichen Vorgehens beim Einkauf im neutralen Ausland. Die damals schon aus der Initiative unserer industriellen und kommerziellen Kreise geschaffenen Organisationen sind später ausgebaut und mit anderen, vielfach nach ihrem Vorbild geschaffenen Einrichtungen in den Dienst der Kriegshandelspolitik gestellt worden. Vielfach aber fehlte das Verständnis für die Notwendigkeit einer einheitlichen und planmäßigen Leitung unserer Einkaufs- und Verkaufsgeschäfte mit den Neutralen in einem geradezu erstaunlichen Maße. Es blieb dann nichts übrig, als mit den Machtmitteln, die der Reichstag dem Bundesrat übertragen hatte, auch gegen den Willen der unmittelbar beteiligten Kreise durchzugreifen.

Schon als Schatzsekretär hatte ich in wichtigen und bezeichnenden Fällen Veranlassung, mich mit diesen Fragen zu befassen.

Die Einkäufe für den Bedarf des Feldheeres auf den neutralen Märkten, die damals noch einen verhältnismäßigen Überfluß an Fleisch, Fett, Butter und Käse hatten, erforderten sehr hohe und fortgesetzt steigende Summen. Die Ursache war, daß die mit dem Einkauf beauftragten militärischen Stellen auf diesen Märkten nicht nur mit dem Ausland, sondern auch mit deutschen Einkäufern der verschiedensten Art, mit Händlern, industriellen Werken, Kommunen, Einkaufsgesellschaften usw., ebenso mit Einkäufern für den österreichischen Heeres- und Zivilbedarf zu konkurrieren hatten. Man trieb sich gegenseitig die Preise hoch mit der Wirkung, daß die Verkäufer, je mehr die Preise stiegen, desto mehr auf weitere Preissteigerungen spekulierten und die Ware zurückhielten. Sehr schlimm lagen die Verhältnisse auf dem dänischen Buttermarkt. Ich setzte im Herbst 1915 die Zentralisation des Einkaufs unter Einbeziehung Österreich-Ungarns durch mit dem Erfolg, daß der Butterpreis, der bis auf 275 Kronen für 50 kg gestiegen war, in nicht allzu langer Zeit auf 152 Kronen zurückgebracht wurde und außerdem die Ankäufe für Deutschland und Österreich-Ungarn erheblich gesteigert werden konnten. Für das Reich wurden monatlich eine ganze Anzahl von Millionen gespart, und für die Bevölkerung wie für das Heer wurde die Butterversorgung verbessert.

Noch weit schlimmer lagen die Dinge auf dem rumänischen Getreidemarkte.

Nachdem die überseeische Zufuhr von Getreide und Futtermitteln für uns abgeschnitten und für die europäischen Neutralen auf ein Mindestmaß eingeschränkt worden war, blieb uns und unsern österreichisch-ungarischen Verbündeten als einziges Land, aus dem größere Mengen bezogen werden konnten, das damals noch neutrale Rumänien. Die Jahre 1914 und 1915 brachten in Rumänien reiche Ernten, für die infolge der Dardanellensperre ein anderer Absatz als an die Mittelmächte zunächst nicht in Frage kommen konnte. Außerdem war Rumänien dem Druck des britischen Wirtschaftskrieges entrückt. Rein wirtschaftlich waren also die Voraussetzungen für den Bezug von Getreide und Futtermitteln, namentlich Mais, aus Rumänien durchaus günstig. Politisch allerdings war die Haltung Rumäniens von Anfang an zweifelhaft, und die rumänische Regierung mit ihrem ganzen Beamtenapparat, ebenso die rumänische Landwirtschaft und der rumänische Handel waren geneigt, die Notlage der Mittelmächte nach Kräften auszunutzen. Wir erleichterten ihnen dieses Spiel. Noch viel mehr als auf den dänischen Buttermarkt stürzten sich der reelle und unreelle Handel, die Einkäufer der Militärverwaltung, wirtschaftlicher Unternehmungen, von Städten und Landwirtschaftskammern auf die rumänischen Vorräte. Die Rumänen verkauften zu immer höheren Preisen — ich glaube für Mais wurden schließlich an die tausend Mark für die Tonne bezahlt, — ließen sich bar bezahlen, legten aber dem Abtransport solche Schwierigkeiten in den Weg, vor allem indem sie die tatsächlich vorhandenen Transportschwierigkeiten ins maßlose übertrieben, daß so gut wie nichts aus Rumänien herauskam. Es lagerten schließlich in Rumänien etwa 700000 Tonnen Getreide im Ankaufswert von etwa 200 Millionen Mark, die von uns und unsern Verbündeten bezahlt waren, aber nicht abtransportiert werden konnten. Weitere große Mengen Getreide waren noch verfügbar, aber die Rumänen, die inzwischen ihrerseits den ganzen Getreideverkauf syndiziert hatten, verlangten unerschwingliche Preise und unerfüllbare Zahlungsbedingungen.

Auch hier konnte nur die Zentralisation des Einkaufs helfen, zugleich mit einer einheitlichen Disposition über die von uns für den Abtransport zur Verfügung zu stellenden Transportmittel.

Auf mein Betreiben wurde in schwierigen Verhandlungen die Zentralisation durchgesetzt und das Einkaufsgeschäft der Zentraleinkaufsgesellschaft, der später aus Unkenntnis und Unverstand so viel angefeindeten Z. E. G., übertragen. Die Zentraleinkaufsgesellschaft schloß sich ihrerseits mit der österreichischen Kriegs-Getreide-Verkehrsanstalt und der ungarischen Kriegs-Produkten-Aktiengesellschaft zu einheitlichem Vorgehen zusammen.

Schon im September 1915, also noch vor Beginn des Feldzuges gegen Serbien, konnte mit dem Abtransport von Getreide begonnen werden.

Der rasche und glückliche Verlauf des serbischen Feldzuges hatte einmal die Wirkung, der Ententefreundschaft in Rumänien einen Dämpfer aufzusetzen; dann aber machte er den Donauweg für den Abtransport des rumänischen Getreides frei.

Es gelang nun der Zentraleinkaufsgesellschaft, im Dezember 1915 und im März 1916 mit der rumänischen Regierung Verträge abzuschließen, durch die den Mittelmächten rund 2,7 Millionen Tonnen Getreide zu erträglichen Preisen und Zahlungsbedingungen gesichert wurden. Die Verträge kamen zustande, obwohl die Ententeregierungen, vor allem die britische Regierung, mit allen Mitteln versuchten, den Abschluß zu vereiteln. Ein Versuch Englands, die rumänischen Getreidebestände durch Ankauf zu hohen Preisen und Einlagerung in Rumänien für die Mittelmächte zu sperren, kam zu spät und gelang nur in bescheidenen Grenzen.