Die großen Schwierigkeiten des Abtransportes wurden durch ein Zusammenwirken der Einkaufsgesellschaften mit dem Chef des deutschen Feldeisenbahnwesens und der österreichisch-ungarischen Zentraltransportleitung überwunden. Die Durchfahrt durch das Eiserne Tor wurde verbessert und zweckmäßig organisiert. Die ungarischen Bahnen, auf denen der weitere Abtransport sich zum großen Teile zu vollziehen hatte, wurden durch Verlängerung der Ausweichgleise usw. leistungsfähiger gemacht. Die Zentraleinkaufsgesellschaft schuf sich in kurzer Zeit eine ansehnliche Donauflotte und sorgte für die nötigen Umschlags- und Umladeeinrichtungen.
Der Erfolg war, daß es gelang, bis zum Ausbruch des Krieges mit Rumänien das angekaufte Getreide abzutransportieren. Deutschland hat in dem kritischen Frühjahr und Sommer 1916 aus Rumänien Getreidezufuhren von mehreren hunderttausend Tonnen monatlich erhalten. —
War die Zentralisation der Einfuhr in den Händen weniger, nach kaufmännischen Grundsätzen arbeitender und nach einheitlichen Direktiven handelnder Organisationen eine unerläßliche Voraussetzung für ein erfolgreiches Vorgehen auf den neutralen Märkten, so genügte sie doch für sich allein keineswegs, um einen Erfolg zu sichern. Die planmäßige Tätigkeit unserer Einkaufsorgane mußte Hand in Hand gehen mit der planmäßigen Verfügung über unsere Ausfuhr, und da sich bald zeigte, daß unsere Ausfuhr in ihrem Geldwert weit zurückblieb hinter der Einfuhr, die wir benötigten und uns, eine Lösung der Bezahlungsfrage vorausgesetzt, beschaffen konnten, so kam als Drittes hinzu die Beschaffung der für die Bezahlung des Einfuhrüberschusses erforderlichen ausländischen Zahlungsmittel.
In der Ausnutzung unserer für die Neutralen willkommenen oder gar notwendigen Ausfuhrwaren für die Zwecke der Sicherung von Zufuhren an für uns notwendigen Rohstoffen und Lebensmitteln konnte nicht nach einer einheitlichen Schablone verfahren werden. Die Verhältnisse für ein Operieren mit unsern Ausfuhrwaren lägen in einem jeden der neutralen Länder anders. Der Grad ihrer Abhängigkeit von unserer Ausfuhr war ebenso verschieden wie der Grad ihrer Abhängigkeit von der Entente; und auch in den einzelnen neutralen Ländern erfuhr dieses Verhältnis während des Krieges fortgesetzt Verschiebungen.
In großen Zügen entwickelte sich unser Vorgehen so, daß in der ersten Zeit des Krieges vorwiegend einzelne Kompensationsgeschäfte mit unsern neutralen Nachbarn abgeschlossen wurden; d. h. wir machten einzelne wichtige Ausfuhrgeschäfte abhängig von bestimmten Gegenleistungen der Neutralen für unsere Versorgung. Unabhängig von diesen Warengeschäften, gelegentlich auch in Verbindung mit ihnen, wurde mit neutralen Geldinstituten über die Eröffnung von Krediten für die Bezahlung unseres Einfuhrüberschusses verhandelt. Es stellte sich nun bald heraus, daß der Weg des Einzelaustausches nicht immer vorteilhaft und nicht immer gangbar für uns war, vor allem aber, daß nur ein bescheidener Teil unseres Einfuhrbedarfs durch einzelne Kompensationsgeschäfte gedeckt werden konnte. Man kam deshalb allmählich zu umfassenderen Abmachungen mit den neutralen Staaten, in denen man sich gegenseitig eine Berücksichtigung der beiderseitigen Interessen bei der Handhabung von Ausfuhrgenehmigungen und Ausfuhrverboten zusicherte. Dabei handelte es sich für uns darum, durch ein weitherziges Entgegenkommen in unserer Ausfuhrpolitik den Widerstand der Neutralen gegen den Druck der Entente zu stärken, vor allem zu verhindern, daß die Neutralen sich dem Verlangen der Entente nach dem Erlaß von Ausfuhrverboten fügten, oder zu erreichen, daß bereits erlassene Ausfuhrverbote dauernd oder wenigstens für einen bestimmten Zeitraum wieder aufgehoben würden. Wenn auch diese Abmachungen insofern der Präzision des Einzelaustauschgeschäftes ermangelten, als Leistung und Gegenleistung nicht ziffernmäßig festgelegt war, so hatten wir doch eine wirksame Handhabe, um auf eine sinngemäße Ausführung zu dringen. Erfüllte ein neutraler Staat die Erwartungen nicht, auf Grund deren wir uns entgegenkommend gezeigt hatten, so waren wir in der Lage, unsere Ausfuhren nach diesem Staat entsprechend einzuschränken und damit einen Druck auszuüben. So hat die Schweiz im Spätsommer 1916 unter dem Druck Frankreichs und Englands die Ausfuhr aller Waren, die von der Entente zu Bannware deklariert worden waren, nach Deutschland eingestellt. Wir gingen, als alle unsere Vorstellungen daran scheiterten, daß die Entente die Schweiz unter dem stärksten Druck hielt, auch unsererseits mit dem stärksten Druck vor, indem wir eine Ausfuhrsperre für Kohle, Eisenwaren und andere für die Schweiz unentbehrlichen Güter in die Wege leiteten. Der Erfolg war, daß schließlich eine für uns erträgliche Einigung zustande kam.
Solche Erfahrungen führten zu einem weiteren Fortschritt in der Gestaltung unserer Wirtschaftsbeziehungen zu unsern neutralen Anliegern. Die in ihrer Festsetzung von Leistung und Gegenleistung präzisen Einzelkompensationsgeschäfte waren nur beschränkt anwendbar und reichten nicht aus, um unsern Einfuhrbedarf zu decken; die umfassenderen Verständigungen über gegenseitige Berücksichtigung bei der Handhabung der Ausfuhrregelung waren nicht bestimmt genug, um für beide Teile Lieferung und Bezug auf eine wenigstens für einige Zeit gesicherte Grundlage zu stellen und plötzliche Störungen auszuschließen. Es handelte sich darum, die Vorteile beider Systeme zu verbinden und dabei, wenn irgend möglich, auch die immer schwieriger werdende Finanzierung unserer Bezüge sicherzustellen. Zu diesem Zweck schlug ich vor, den Versuch zu machen, mit unsern neutralen Nachbarn zu Abmachungen zu gelangen, die sich erstens auf einen bestimmten längeren Zeitraum erstreckten, zweitens für diesen Zeitraum bestimmte Leistungen und Gegenleistungen an den für jeden der beiden Teile wichtigsten Ausfuhrgütern vorsahen, drittens gleichzeitig den Überschuß unserer Einfuhr über die Ausfuhr durch bestimmte Kreditvereinbarungen deckten. Auf dieser Grundlage wurde in der Folgezeit mit der Schweiz, mit Holland, mit Dänemark und mit Schweden verhandelt und abgeschlossen.
Daß die immer straffer durchgeführte Reglementierung und Zentralisierung unsrer Einfuhr und Ausfuhr, zu der als notwendige Ergänzung noch die Regelung des Verkehrs in ausländischen Zahlungsmitteln (Devisenordnung) hinzutrat, die Interessen zahlreicher Einzelner und wichtiger Berufsstände schädigte, daß bei der Durchführung manche übertriebene Härte, manche überflüssige Umständlichkeit, mancher vermeidbare Fehler mit unterlief, darüber habe ich nie einen Zweifel gehabt. Insbesondere der Handel, dessen Vermittlertätigkeit kaum mehr ein Arbeitsfeld fand, wurde schwer getroffen. Die Organisationen zur Durchführung der nun einmal durch die Kriegsverhältnisse uns aufgezwungenen einheitlichen und planmäßigen Regelung unseres Außenhandels mußten gewissermaßen aus dem Nichts heraus geschaffen werden. Das notwendige Personal — es waren bei der Zentraleinkaufsgesellschaft im Jahre 1916 weit über 4000 Angestellte — mußte aus allen Richtungen der Windrose zusammengeholt, eingegliedert und eingearbeitet werden. Umsätze, die bald in die Hunderte von Millionen, ja in die Milliarden gingen, waren zu bewältigen — kurz, das größte Warenhandelsgeschäft, das die Welt je gesehen hatte, war aufzubauen und hatte zu arbeiten unter Verhältnissen und nach Methoden, die ohne Vorbild waren. Und über den Köpfen, die das alles zu leisten hatten, schwang der Krieg seine Hetzpeitsche. Alles drängte. Oft kam es für wichtige Entscheidungen und Maßnahmen auf Stunden an. Da hieß es manchmal nach dem alten militärischen Grundsatz zu handeln: Besser ein falscher Entschluß als gar keiner!
Alle Mängel und Unzuträglichkeiten, auch alle Kritik und alle Angriffe mußten um des Ganzen willen in Kauf genommen werden. Ja, es mußte von denjenigen, die vor der Kritik und den Angriffen Rede zu stehen hatten, sogar hingenommen werden, daß sie von der stärksten Waffe der Rechtfertigung und Verteidigung, dem Hinweis auf die erzielten Erfolge, überhaupt nicht oder nur im engen Kreise vertraulichster Beratungen Gebrauch machen konnten. Denn die Darlegung der erzielten Erfolge hätte unsern Feinden Einblicke in unsere Arbeit gegeben, die ihnen wirksame Gegenaktionen ermöglicht und damit die glücklich gesicherten Zufuhren wieder auf das schwerste gefährdet hätten.
Heute läßt sich ohne Gefährdung deutscher Interessen über diese Dinge sprechen, und ich gebe deshalb einige Tatsachen, die zeigen, in welchem Maße es uns gelungen ist, in dem schweren Kampf mit der Entente unsere Stellung auf den Märkten der uns benachbarten Neutralen nicht nur zu behaupten, sondern sogar auf Kosten Englands zu verbessern.
Zunächst sei festgestellt, daß uns trotz der Handels- und Hungerblockade die Aufrechterhaltung unserer Einfuhr in weit höherem Maße gelungen ist, als während des Krieges wohl von allen nicht Eingeweihten angenommen wurde.