Unsere Einfuhr im letzten Friedensjahre, 1913, hatte den Wert von 10,8 Milliarden Mark erreicht. Unsere Einfuhr im Jahre 1915, als der Handels- und Hungerkrieg bereits im vollen Gange war, betrug immer noch 7,1 Milliarden Mark; im Jahre 1916 stellt sie sich auf 8,4 Milliarden, 1917 auf 7,1 Milliarden Mark. Freilich erscheint der tatsächlich eingetretene Einfuhrrückgang in diesen Ziffern zu gering; die Preissteigerung fast aller Waren, die auch im Jahre 1915 sich bereits geltend machte, verwischt das Bild der wirklichen Entwicklung. Immerhin bleibt, auch wenn man die Preissteigerung in Rechnung setzt, die Tatsache bestehen, daß uns trotz der Absperrung von der überseeischen Welt und trotz des Druckes, den die Entente auf die uns benachbarten Neutralen ausübte, eine recht ansehnliche Einfuhr verblieben ist. Eine Betrachtung der Einfuhrmengen einzelner wichtiger Artikel wird dies bestätigen.
Gleich hier möchte ich darauf aufmerksam machen, daß unsere Ausfuhr einen weit stärkeren Rückgang erfahren hat als unsere Einfuhr. Während im Jahre 1913 unsere Ausfuhr mit 10,1 Milliarden Mark nur um rund 700 Millionen Mark hinter unserer Einfuhr zurückgeblieben war, sank unsere Ausfuhr im Jahre 1915 auf 3,1 Milliarden Mark, ließ also gegenüber der gleichzeitigen Einfuhr einen Fehlbetrag von 4 Milliarden Mark. Es gelang zwar, im Jahre 1916, trotz der schwierigen Verhältnisse und des immer wachsenden eigenen Bedarfs für Heer und Volk, die Ausfuhr auf 3,8 Milliarden Mark zu steigern; aber der Abstand gegenüber dem Einfuhrwert wuchs, da letzterer noch mehr gestiegen war, auf 4½ Milliarden Mark. Im Jahre 1917 stand der Einfuhr von 7,1 Milliarden eine Ausfuhr von 3,4 Milliarden gegenüber; der Einfuhrüberschuß betrug also 3,7 Milliarden Mark. Die großen und im Laufe des Krieges fortgesetzt steigenden Schwierigkeiten der Beschaffung von Zahlungsmitteln für das Ausland, die hieraus sich ergebende Steigerung der Wechselkurse der neutralen Länder und der Druck auf unsere eigene Valuta finden in dem jährlich mehrere Milliarden betragenden Passivsaldo unserer Handelsbilanz ihre Erklärung.
Wenn unsere Einfuhr sich in dem geschilderten Umfang aufrechterhalten konnte, so lag dies daran, daß die uns benachbarten Neutralen, zu denen bis Ende August 1916 auch Rumänien zu rechnen ist, den Ausfall der Einfuhr aus den feindlichen Ländern und den nur auf dem Seewege zu erreichenden Neutralen zu einem erheblichen Teil wettmachten; denn unsere Verbündeten, deren Hilfsquellen für den eigenen Bedarf durch den Krieg stark in Anspruch genommen waren, vermochten uns in dieser Beziehung keine ziffernmäßig ins Gewicht fallende Hilfe zu gewähren. Während unsere Gesamteinfuhr sich von 10,8 Milliarden Mark im Jahre 1913 auf 7,1 Milliarden Mark im Jahre 1915 verringerte, stieg unsere Einfuhr aus den uns benachbarten Neutralen (einschl. Rumäniens) in derselben Zeit von 1,1 auf 3,5 Milliarden Mark. Im ersten Halbjahr 1916 stellte sich der Anteil dieser Neutralen an unserer Einfuhr sogar auf rund 70% gegen wenig mehr als 10% im Jahre 1913.
An einzelnen wichtigsten Gütern konnten uns die benachbarten Neutralen einen vollen Ersatz für den Wegfall der Einfuhr aus den feindlichen und den für uns gesperrten neutralen Ländern gewähren, ja sogar darüber hinaus unsere Gesamtbelieferung steigern. Das gilt vor allem für die Produkte der Viehzucht, die in den uns benachbarten Neutralen, vor allem in Holland und Dänemark, zu hoher Leistungsfähigkeit entwickelt war. So ist unsere Einfuhr von Schweinefleisch, einschließlich Schinken, von 21600 Tonnen im Jahre 1913 auf 98200 Tonnen im Jahre 1915 gebracht worden. In derselben Zeit stieg unsere Einfuhr von Butter, an der vor dem Kriege Rußland (Sibirien) zu mehr als der Hälfte beteiligt war, trotz des Wegfalls dieser wichtigsten Bezugsquelle, von 54200 auf 68500 Tonnen, während allerdings gleichzeitig die Einfuhr von Milch und Rahm eine starke Verminderung erfuhr. In derselben Zeit ist ferner die Einfuhr von Käse von 26300 Tonnen auf 67300 Tonnen, also auf mehr als das 2-1/2fache der Friedenseinfuhr gebracht worden. Die Einfuhr von Salzheringen wurde von 1298000 Faß auf 2883000 Faß, also auf mehr als das Doppelte, gesteigert.
Natürlich waren die uns benachbarten Neutralen, denen wir diese wichtigen Zuschüsse zu unserm Kriegshaushalt verdanken, nicht in der Lage, ihre Erzeugung an allen diesen Dingen von heute auf morgen in einem Maße auszudehnen, das ihnen ohne weiteres eine so erheblich gesteigerte Belieferung Deutschlands gestattet hätte. Irgendwelche anderen Abnehmer, seien es die inländischen Verbraucher, seien es ausländische Bezieher, mußten zugunsten Deutschlands verkürzt werden.
So war es in der Tat. Und der verkürzte Bezieher war in der Hauptsache — England!
Das sei an einigen Beispielen illustriert.
Die Ausfuhr der Niederlande nach Deutschland und England an einigen wichtigen Artikeln, um deren Bezug die beiden Länder während des Krieges konkurrierten, hat sich folgendermaßen entwickelt[3]:
Deutschland hat also seine Einfuhr aus den Niederlanden an diesen für die Volksernährung und Heeresverpflegung so wichtigen Dingen während des Krieges erheblich zu steigern vermocht, während gleichzeitig England eine starke Verminderung seiner Zufuhren hinnehmen mußte.