Es war, wie wenn die Not des Vaterlandes die Kräfte des deutschen Genius vervielfacht hätte. Überall mühten sich die besten Köpfe, um den Lebensspielraum, den uns der Feind mit brutaler Gewalt bis zur Erdrosselung einengte, durch die Macht schöpferischen Geistes zu weiten. Niemals sind in gleich kurzer Zeit neue Erfindungen und neue Verfahren in ähnlicher Fülle ausgedacht, ausprobiert und ins Werk gesetzt worden, ist die Nutzwirkung von Arbeit und Stoff in ähnlichem Ausmaß gesteigert und vervollkommnet worden. Und wenn schließlich trotzdem das erdrückende Übergewicht der Zahl und der Masse in diesem Völkerringen den letzten Ausschlag gegeben hat, so bleiben jene Leistungen doch für alle Zeiten ein unzerstörbarer Ruhmestitel deutschen Geistes und eine Gewähr für eine bessere Zukunft.

Es ist nicht möglich, hier eine ins einzelne gehende Darstellung, ja auch nur eine einigermaßen vollständige Übersicht des auf dem weiten Gebiete der Steigerung unserer nationalen Produktionskraft Geleisteten zu geben. Nur einige der wichtigsten Fortschritte und Errungenschaften seien angedeutet.

Von der Schaffung gewaltiger Anlagen zur Gewinnung von Stickstoff aus der Luft, die uns überhaupt erst die Möglichkeit gaben, den ungeheuren und ständig wachsenden Bedarf unseres Heeres an Munition zu decken und daneben unsere Landwirtschaft mit dem unentbehrlichen Stickstoffdünger zu versehen, habe ich in anderem Zusammenhang bereits gesprochen. Ebenso von den Anlagen zur Gewinnung von Aluminium aus gewöhnlicher deutscher Tonerde. Ich hätte hier noch zu erwähnen, daß das Kalziumkarbid, das als Zwischenprodukt für den Kalkstickstoff gewonnen wird, auch Verwendung als Ersatz für fehlende oder knappe Stoffe anderer Art gefunden hat; so als Beleuchtungsmittel an Stelle von Petroleum und Spiritus, ferner als Ersatz für wichtige ausländische Metalle in der Stahlfabrikation, ja sogar als Hilfsstoff für die Herstellung von künstlichem Gummi und als Rohstoff für die Herstellung von Spiritus. Aluminium hat als Ersatz für das immer knapper werdende Kupfer, vor allem auch bei der Munitionsherstellung und in der elektrischen Industrie große Dienste geleistet. Die nahezu völlige Unterbindung der Zufuhr von Rohgummi wurde uns erträglich gemacht durch die während des Krieges erfundenen Verfahren zur Herstellung von künstlichem Gummi und die Vervollkommnung der Regeneration von Altgummi. Wenn auch das künstliche Produkt nur für Hartgummi ein vollständiger Ersatz ist, so ist doch der Bedarf an Naturgummi durch diese Verfahren auf einen so bescheidenen Umfang beschränkt worden, daß wir während des Krieges unser Auskommen gefunden haben und weiter gefunden hätten.

Die Textilindustrie, und mit ihr die Bekleidung der deutschen Bevölkerung, ist vor einem Zusammenbruch bewahrt worden durch die zahlreichen Verfahren, die aus der Holzfaser neue Spinnstoffe geschaffen haben (Textilose, Papiergarne, Typhafaser, Zellulosegarn). Diese Verfahren haben ferner die Möglichkeit geschaffen, Landwirtschaft und Industrie mit Packmaterial und das Heer mit den im Stellungskrieg in so großen Mengen benötigten Sandsäcken zu versorgen. Das neu erfundene Verfahren des Nitrierens von Zellulose hat uns von der Baumwolle als Rohstoff für das rauchlose Pulver unabhängig gemacht.

Auf dem Gebiete der Landwirtschaft richteten sich die Anstrengungen, abgesehen von der bereits erwähnten Herstellung von Stickstoffdünger, auf die Beschaffung von Futtermitteln, da in diesen unsere Versorgung durch die Unterbindung der ausländischen Zufuhren am schwersten gefährdet war. Zunächst suchte man durch die möglichste Ausdehnung der Kartoffeltrocknung Futterstoffe zu erhalten, die bisher in großem Umfang durch Fäulnis zugrunde gegangen waren. Das Trocknungsverfahren wurde im Laufe des Krieges auch auf zahlreiche andere bisher als wertlose Abfälle behandelte Erzeugnisse, so auf Rübenkraut, Kartoffelkraut und ähnliches mehr mit großem Erfolg ausgedehnt. Zu dem Trocknungsverfahren kam bald hinzu die künstliche Herstellung von Kraftfuttermitteln, vor allem die Herstellung von Mineralhefe (als Futterhefe und als Nährhefe) und die Herstellung von Strohkraftfutter im Wege der Strohaufschließung, schließlich die Herstellung von Kraftfutter aus Tierkadavern, Knochen und bisher unverwerteten Abfällen aller Art. In ähnlicher Weise ist unsere auf das äußerste bedrohte Versorgung mit Ölen durch die sparsamste Ausnutzung aller ölhaltigen Samen und Kerne sowie durch neue Verfahren der Ölgewinnung aus animalischen Stoffen und mineralischen Substanzen (Schiefer) nicht unerheblich aufgebessert worden.

Auf den meisten dieser Gebiete hatte das Reich, und vor allem das mir anvertraute Amt, anregend und zusammenfassend, fördernd und organisierend mitzuarbeiten. Kaum ein anderer Teil der Geschäfte, die ich als Reichsschatzsekretär und Staatssekretär des Innern zu leiten hatte, hat mir die gleiche innere Befriedigung gewährt, wie die mir leider nur in engen Grenzen mögliche Mitarbeit an diesen schöpferischen Leistungen, als deren äußersten Kontrast ich, je länger desto mehr, die endlosen und größtenteils fruchtlosen Parlamentsdebatten empfand. Ich mag im Reichstag manchmal kurz angebunden und schroff gewesen sein; aber das war dann meistens der Ausfluß einer mühsam unterdrückten inneren Auflehnung gegen die Vergeudung von Zeit und Kraft in unfruchtbaren Debatten; während die dringendsten und wichtigsten Arbeiten warten mußten und zu Schaden kamen.

Umstellung der Unternehmungen und Umgruppierung der Arbeitskräfte

Neben der Steigerung der technischen Leistungsfähigkeit der Gütererzeugung ging einher eine Umstellung des ganzen Produktionsapparates auf die durch den Krieg total veränderten Bedürfnisse. Die Herstellung von Kriegsgerät aller Art in gewaltigen Mengen, daneben die Sicherung der Ernte traten mit Kriegsbeginn in den Vordergrund; auf der andern Seite waren große Zweige der Industrie und des Handels alsbald zu empfindlichen Einschränkungen gezwungen: alles, was für den überseeischen Export arbeitete, und alles, was auf überseeische Rohstoffe angewiesen war. In ganz großem Stil mußten Unternehmer, Angestellte und Arbeiter sich neuen Aufgaben und neuen Beschäftigungen zuwenden.

Das Unternehmertum vollzog die Umstellung aus eigener Initiative und im wesentlichen aus eigener Kraft mit einer erstaunlichen Anpassungsfähigkeit und Energie. Fabriken und Werkstätten, die stets nur der Herstellung von Waren des Friedensbedarfs gedient hatten, wandten sich, angereizt durch gute Gewinnaussichten, der Fabrikation von Heeresgerät und Heeresausrüstung zu. Nicht nur Betriebe der Metallindustrie, auch Spinnereien und ähnliche Unternehmungen wurden in Geschoßdrehereien und Zünderfabriken umgewandelt. Neue industrielle Anlagen zur Fabrikation von Kriegsbedarf schossen wie Pilze aus der Erde.

Weit schwieriger war die Umgruppierung der Arbeiterschaft.