Die nächste Wirkung des Krieges, der unserer Volkswirtschaft Millionen der leistungsfähigsten Arbeiter entzog, war — eine erschreckende Arbeitslosigkeit! In einer Lage, in der alles darauf ankam, jede Arbeitskraft, die der Heeresdienst nicht in Anspruch nahm, für die Gütererzeugung nutzbar zu machen, sahen sich Hunderttausende zum Verlassen ihrer Arbeitsstellen gezwungen, ohne alsbald neue Arbeit finden zu können. Die zum großen Teil unvermeidlichen, zum Teil aber auch ohne Not überstürzten Betriebseinschränkungen und Betriebseinstellungen setzten Arbeitskräfte frei, die nicht ohne weiteres den Weg zu neuer Beschäftigung fanden, schon deshalb nicht, weil die technische Umstellung der Industrie eine gewisse Zeit erforderte. In welch erschreckendem Maße der Krieg den Arbeitsmarkt erschütterte, davon geben folgende Zahlen ein Bild.
Bei den Arbeitsnachweisen kamen auf hundert offene Stellen bei den männlichen Arbeitern im Juli 1914 158 Arbeitsuchende, im August 1914 dagegen nicht weniger als 248; bei den weiblichen Arbeitern kamen im Juli 1914 auf 100 offene Stellen 99 Arbeitsuchende, im August 1914 dagegen nicht weniger als 202.
Das Reich griff alsbald nach Kriegsausbruch ein, um sowohl im Interesse der Arbeiterschaft wie im Interesse der höchstmöglichen Leistung unserer Produktion die Umgruppierung der schaffenden Hände zu beschleunigen. Der Weg war eine den Kriegsbedürfnissen angepaßte Organisation des Arbeitsnachweises.
Das deutsche Arbeitsnachweiswesen vor dem Kriege litt vor allem an einer starken Zersplitterung. Neben den nicht bedeutenden gewerbsmäßig betriebenen Stellenvermittlungen arbeiteten ohne ausreichenden Zusammenhang nebeneinander: die von öffentlichen Körperschaften eingerichteten Arbeitsnachweise, die Arbeitgebernachweise, die Arbeitnehmernachweise und paritätische Arbeitsnachweise. Das Reichsamt des Innern gab diesen Organen gleich nach Kriegsausbruch in der „Reichszentrale für Arbeitsnachweise“ eine einheitliche Spitze. Die einzelnen Arbeitsnachweise übernahmen die Pflicht, sowohl die offenen Stellen wie auch die überschüssigen Arbeitsangebote an die Zentralstelle zu melden, um so einen Ausgleich zu ermöglichen. Schon am 9. August 1914 konnte die Reichszentrale ihre Arbeit aufnehmen. Sie hat sich nicht auf die Herstellung der Verbindung zwischen den einzelnen Arbeitsnachweisen beschränkt, sondern in wichtigen Fällen unmittelbar eingegriffen; so vor allem gleich nach Kriegsausbruch bei der Beschaffung von Arbeitskräften für die Bergung der Ernte, für die in großem Umfang eingeleiteten Festungsarbeiten, für die reichseigenen Betriebe der Militär- und Marinebehörden und der von diesen beschäftigten Unternehmungen; ferner bei der Zuweisung von Kriegsgefangenen an die unter Mangel an Arbeitskräften leidenden Betriebe in Industrie und Landwirtschaft.
Ergänzt wurde die Tätigkeit der Reichszentrale und der Einzelnachweise durch die Schaffung von Arbeitsgelegenheit für die nicht ohne weiteres unterzubringenden Arbeitslosen, durch Einschränkungen der Arbeitszeit, das Verbot von Überstunden und von Nachtarbeit in gewissen Betrieben, durch eine den Arbeiterverhältnissen angepaßte Verteilung der Heeresaufträge, durch eine planmäßige Fürsorge für die Erwerbslosen.
Nachdem die erste große Umschichtung der Arbeitskräfte vollzogen war, änderte sich die Lage und damit die zu bewältigende Aufgabe. Die Einziehung der Millionen zum Heeresdienst und der steigende Bedarf an Heeresausrüstung ließ die Nachfrage nach männlichen Arbeitskräften rasch in die Höhe schnellen. Während im August 1914 auf 100 offene Stellen 248 Arbeitsuchende gekommen waren, brachte schon der April 1915 mit 100 Angeboten auf 100 offene Stellen den Ausgleich. In den folgenden Monaten überwog die Nachfrage nach männlichen Arbeitskräften das Angebot immer stärker: auf 100 offene Stellen kamen im Oktober 1915 nur noch 85, im Oktober 1916 nur noch 64 Angebote.
Dagegen ging bei den weiblichen Arbeitskräften das Überangebot nur ganz allmählich zurück. Hier wirkte dem Überangebot keine Einziehung zum Heeresdienst entgegen; außerdem wurden durch Betriebseinschränkungen gerade solche Industriezweige am stärksten betroffen, in denen die weiblichen Arbeitskräfte überwiegen (Textilindustrie). Im Juli 1915, also ein Jahr nach Kriegsausbruch, standen 100 offenen Stellen immer noch 165 Arbeitsuchende gegenüber; dann kam infolge der gerade damals notwendig werdenden Einschränkung in der Textilindustrie eine weitere Steigerung des Arbeitsangebots bis auf 182 im Oktober 1915. Die Zahl für den April 1916 war 162, für den Oktober 1916 immer noch 135 Angebote auf 100 offene Stellen.
Zunehmender Mangel an männlichen Arbeitskräften, fortdauernder Überschuß an weiblichen Arbeitskräften — das drängte auf einen Ausgleich. Planmäßig wurde überall, wo es angängig war, die Männerarbeit durch Frauenarbeit ersetzt. In welchem Maße das gelungen ist, zeigt sich darin, daß nach den Arbeitsausweisen der Betriebskrankenkassen vom 1. Juli 1914 zum 1. Juli 1916 der Anteil der weiblichen Arbeitskräfte an der Gesamtzahl der Arbeiter gestiegen ist:
| in der Hüttenindustrie, Metallbearbeitung und Maschinenindustrie | von | 9 | auf | 19% |
| in der chemischen Industrie | „ | 7 | „ | 23% |
| in der elektrischen Industrie | „ | 24 | „ | 55% |