Dies war der sachliche Kern des Wilsonschen Friedensschritts.
An der Einkleidung dieses Kerns war bemerkenswert einmal die wiederholte starke Betonung des Interesses der Vereinigten Staaten an der baldigen Beendigung des Krieges, das sich schon daraus ergebe, „daß sie offenkundig genötigt wären, Bestimmungen über den bestmöglichen Schutz ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg fortdauern sollte“; ferner eine Bemerkung über das Verhältnis der Wilsonschen Anregung zu dem Friedensschritt der Zentralmächte. Der Präsident, so führte die Note aus, habe sich schon lange mit dem Gedanken seines Vorschlages getragen. Er mache ihn jetzt nicht ohne eine gewisse Verlegenheit, weil es den Anschein haben könnte, als sei er angeregt von dem Wunsch, im Zusammenhang mit dem jüngsten Vorschlag der Zentralmächte eine Rolle zu spielen. Tatsächlich sei der Gedanke des Präsidenten in keiner Weise auf diesen Vorschlag zurückzuführen, und der Präsident hätte mit seinem Vorschlage gewartet, bis der Vorschlag der Zentralmächte beantwortet worden wäre, wenn seine Anregung nicht auch die Frage des Friedens beträfe, die am besten mit anderen dahingehenden Vorschlägen erörtert werde. Der Präsident stellte also die Unabhängigkeit seiner Anregung von dem Vorschlag der Zentralmächte fest, empfahl aber eine gemeinschaftliche Erörterung.
In der Sache kam die Anregung des Präsidenten Wilson auf das gleiche Ziel hinaus, das den Mittelmächten bei ihrem Friedensschritt vorgeschwebt hatte: ein gegenseitiger Austausch der konkreten Friedensbedingungen. Dieser Austausch mußte, wenn eine einseitige Festlegung des einen oder anderen Teiles vermieden werden sollte, Zug um Zug erfolgen, nach der Ansicht der Mittelmächte am besten in der elastischeren Form eines unmittelbaren und persönlichen Gedankenaustausches der kriegführenden Mächte.
Dem entsprach die Antwort, die wenige Tage nach Überreichung der amerikanischen Note von den Mittelmächten erteilt wurde. Die deutsche Antwort vom 26. Dezember 1916, die derjenigen unserer Verbündeten inhaltlich entsprach, lautete wie folgt:
„Die Kaiserliche Regierung hat die hochherzige Anregung des Herrn Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Grundlagen für die Herstellung eines dauernden Friedens zu schaffen, in dem freundschaftlichen Geiste aufgenommen und erwogen, der in der Mitteilung des Herrn Präsidenten zum Ausdruck kommt. Der Herr Präsident zeigt das Ziel, das ihm am Herzen liegt, und läßt die Wahl des Weges offen. Der Kaiserlichen Regierung erscheint ein unmittelbarer Gedankenaustausch als der geeignetste Weg, um zu dem gewünschten Ergebnis zu gelangen. Sie beehrt sich daher, im Sinne ihrer Erklärung vom 12. d. M., die zu Friedensverhandlungen die Hand bot, den alsbaldigen Zusammentritt von Delegierten der kriegführenden Staaten an einem neutralen Orte vorzuschlagen. Auch die Kaiserliche Regierung ist der Ansicht, daß das große Werk der Verhütung künftiger Kriege erst nach Beendigung des gegenwärtigen Völkerringens in Angriff genommen werden kann. Sie wird, wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist, mit Freuden bereit sein, zusammen mit den Vereinigten Staaten von Amerika an dieser erhabenen Aufgabe mitzuarbeiten.“
Auch durch Wilsons Friedensanregung ließen sich die alliierten Regierungen in ihrem Willen, Friedensgespräche zurückzuweisen und den Krieg fortzusetzen, in keiner Weise beeinträchtigen; nur eine kurze Verzögerung in der von Herrn Briand voreilig für den 20. Dezember angekündigten Antwort der Entente auf unseren Friedensvorschlag ist wohl durch den in London und Paris schon am 19. Dezember bekannt gewordenen Friedensschritt Wilsons herbeigeführt worden. Aber in dem Inhalt der Ententeantwort, die am 30. Dezember von Herrn Briand dem amerikanischen Botschafter in Paris zur Weitergabe an die Zentralmächte überreicht worden ist, hat Wilsons Eingreifen nichts geändert: schroffer und höhnischer abweisend konnte keine Antwort lauten. In tendenziöser Darstellung versuchte sie wieder einmal den Nachweis, daß der „Krieg gewollt, hervorgerufen und verwirklicht worden sei durch Deutschland und Österreich-Ungarn“. Nachdem Deutschland seine Verpflichtungen verletzt habe, könne der von ihm gebrochene Friede nicht auf sein Wort gegründet werden. Eine Anregung ohne Bedingungen für die Eröffnung der Verhandlungen sei kein Friedensangebot. Die durch die Kriegserklärung Deutschlands verursachten Verwüstungen, die zahlreichen Attentate, die Deutschland und seine Verbündeten gegen die Kriegführenden und gegen die Neutralen verübt hätten, verlangten Sühne, Wiedergutmachung und Bürgschaften. Deutschland weiche listig dem einen wie dem anderen aus. Der durch die Zentralmächte gemachte Vorschlag sei in Wirklichkeit nichts als ein Kriegsmanöver, das einen deutschen Frieden aufnötigen solle und beabsichtige, die öffentliche Meinung in den alliierten Ländern zu verwirren. „In voller Erkenntnis der Schwere, aber auch der Notwendigkeiten der Stunde lehnen es die alliierten Regierungen, die unter sich eng verbunden und in voller Übereinstimmung mit ihren Völkern sind, ab, sich mit einem Vorschlag ohne Aufrichtigkeit und ohne Bedeutung zu befassen.“
Da diese Antwort, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigließ, mehr als eine Woche nach dem Friedensschritt des Präsidenten Wilson erfolgte, mußte nicht nur der Friedensvorschlag der Zentralmächte, sondern auch die Friedensanregung Wilsons als gescheitert betrachtet werden. Wieder einmal stellte sich heraus, daß die feindliche Koalition nicht bereit war, über Frieden zu sprechen, solange sie nicht in der Lage war, den Frieden nach ihrem Belieben zu diktieren. Von dem Geist, der bei den Machthabern unserer Feinde trotz des rumänischen Rückschlags herrschte, gibt Zeugnis ein Tagesbefehl des Zaren an die russische Armee und Marine vom 25. Dezember 1916, in dem als russisches Kriegsziel aufgestellt wurde „der Besitz Konstantinopels und der Meerengen, sowie die Schaffung eines in allen seinen drei gegenwärtig getrennten Teilen freien Polens“.
Immerhin konnte man gespannt sein auf die Antwort, die unsere Feinde auf die Friedensanregung Wilsons geben würden. Denn hier stand ihnen nicht ein Feind gegenüber, den sie auf Tod und Leben zu bekämpfen entschlossen waren, sondern der Repräsentant der stärksten neutralen Macht, dessen Haltung für den Ausgang des Krieges von entscheidender Bedeutung werden konnte.
Es dauerte drei volle Wochen, bis die Alliierten sich über eine Antwort an Wilson geeinigt hatten; erst am 10. Januar 1917 wurde diese von Herrn Briand dem amerikanischen Botschafter in Paris ausgehändigt.
Die Antwort enthielt viele schöne Worte an die Adresse des Herrn Wilson und über den künftigen Völkerfrieden. In der Sache aber war sie gegenüber der Wilsonschen Anregung eine kaum weniger unverhüllte Ablehnung, wie die Antwort an die Zentralmächte.