Ganz offenkundig und ganz rücksichtslos ging England, von seinen Verbündeten unterstützt, von Anbeginn des Krieges an darauf hinaus, die Kriegführung der Land- und Seestreitkräfte zu ergänzen und zu unterstützen durch eine wirtschaftliche Erdrosselung des deutschen Volkes. Durch die Abschnürung der Zufuhr kriegswichtiger Rohstoffe sollte Deutschland wehrlos gemacht, durch die Abschnürung der Zufuhr von Nahrungsmitteln sollte Deutschland ausgehungert und zur Übergabe gezwungen werden. Dabei handelte es sich für England von allem Anfang an nicht nur um ein Kriegsmittel, sondern klar erkennbar um einen wesentlichen Kriegszweck: Deutschland sollte durch den wirtschaftlichen Druck nicht nur — unabhängig von den militärischen Operationen — zur Kapitulation gezwungen, sondern Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft, die England so unbequem geworden war, sollte den tödlichen Streich erhalten. Die Verfolgung und Vernichtung jeder deutschen geschäftlichen Betätigung, jeder deutschen Wirtschafts- und Kulturarbeit in allen den Gebieten, die für den britischen Arm überhaupt erreichbar waren, gibt davon beredtes Zeugnis. Der britische Vernichtungswille kannte keine Schranke, weder in geschriebenen Satzungen, noch in der ungeschriebenen Völkermoral, weder im menschlichen, noch im göttlichen Recht. Alles was in den Bestrebungen der edelsten Geister der Menschheit bisher erreicht worden war, um die Kriegführung auf die bewaffneten Streitkräfte zu beschränken und die Leiden des Krieges von der nichtkämpfenden Bevölkerung fernzuhalten, erwies sich vor Englands Gewaltpolitik als eitel Schall und Rauch.

War schon der Krieg gegen eine rein militärisch so starke Koalition für Deutschland und seinen Verbündeten eine in diesem Ausmaß in der Geschichte aller Zeiten und Völker bisher unerreichte Kraftprobe, so wurde die Gefahr der Zermalmung durch die brutale Übertragung des Krieges auf das wirtschaftliche Gebiet ins Ungeheuerliche gesteigert. Deutschland war, wie kein zweites Land außer England selbst, in die Weltwirtschaft verwachsen. Es hatte im letzten Friedensjahr eine Einfuhr von 10,7 Milliarden Mark gehabt, hauptsächlich Rohstoffe und Nahrungsmittel; seine Ausfuhr, hauptsächlich aus Fabrikaten bestehend, hatte den Wert von 10,1 Milliarden Mark erreicht. Wenn wir auch infolge der glücklichen Entwicklung unseres Ackerbaues nur eines verhältnismäßig geringen Zuschusses an Brotgetreide aus dem Ausland bedurften, so war doch unsere Viehwirtschaft, und damit die Versorgung unserer Bevölkerung mit Fleisch und Fett, in erheblichem Umfange auf fremde Zufuhren an Futtermitteln angewiesen. Von unseren großen Gewerbezweigen war die Textilindustrie, bis auf die geringe einheimische Erzeugung von Wolle und Flachs, von der Rohstoffzufuhr aus dem Auslande abhängig. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so schlimm, stand es mit der Lederindustrie. Kohle und Eisen hatten wir im eigenen Land; aber andere wichtige Metalle kamen vorwiegend, wie das Kupfer, oder ausschließlich, wie das Nickel, aus dem Ausland. Unsere Ausfuhr gab einem großen Teil unserer arbeitenden Bevölkerung lohnende Arbeit. Die Ernährung, Bekleidung und Beschäftigung eines großen Teiles unserer Bevölkerung, darüber hinaus die Ausstattung unserer Streitkräfte zu Land und zu Wasser mit Kriegsgerät, Munition und Proviant wurde durch die Unterbindung unseres Außenhandels auf das ernstlichste in Frage gestellt. Die gewaltigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die auch ein auf das rein Militärische beschränkter Krieg hätte mit sich bringen müssen, wurden ins Unendliche gesteigert.

Nahezu alles, was zur Überwindung dieser Schwierigkeiten und Gefahren zu geschehen hatte, mußte improvisiert werden.

Die Aussichten einer reinen Vergeltungspolitik waren schlecht. Wir konnten die Beschlagnahme deutscher Vermögenswerte, die Zwangsverwaltung und Zwangsliquidation deutscher Unternehmungen und die anderen gegen deutsches Privatvermögen und deutsche Privatrechte gerichteten Maßnahmen mit den entsprechenden Gegenmaßnahmen beantworten und taten das auch. Aber was an feindlichem Privatvermögen und Privatrechten unserem Zugriff unterlag, war dem Werte nach nur ein Bruchteil dessen, was bei der weitverzweigten deutschen Betätigung in dem Machtbereich unserer Feinde der Willkür von Engländern, Franzosen und Russen ausgesetzt war. Der völkerrechtswidrigen Unterbindung unserer ausländischen Zufuhren konnten wir, da England die See beherrschte, zunächst nichts gegenüberstellen als unseren wiederholten eindringlichen Appell an die an der Aufrechterhaltung des Völkerrechts mit uns interessierten Neutralen; die U-Bootwaffe, deren Anwendung wegen ihrer Rückwirkung auf die Neutralen, besonders auf die Vereinigten Staaten, von Anfang an als zweischneidig angesehen werden mußte, kam als Mittel für eine Gegenblockade erst im weiteren Verlauf des Krieges ernsthaft in Betracht. Auch auf die sich dem britischen Druck so gefügig zeigenden uns benachbarten Neutralen konnten wir nur in sehr beschränktem Umfang einen Gegendruck ausüben. Ihre Abhängigkeit von unserer Kohle und unserem Eisen war nicht entfernt so groß und so empfindlich wie ihre Abhängigkeit von den unter Englands Kontrolle stehenden Zufuhren von Nahrungs- und Futtermitteln und an wichtigen überseeischen Rohstoffen. Immerhin gaben die uns zur Verfügung stehenden Mittel des Gegendrucks auf diesem Gebiet uns wenigstens einigen Spielraum.

Es kam darauf an, die bescheidenen Vorteile und Druckmittel, die uns zur Verfügung standen, in geschickten Transaktionen und Kombinationen nach jeder Möglichkeit auszunutzen, um die Erdrosselungsabsichten unserer Feinde zu vereiteln. Es kam weiter darauf an, einen Überblick über die im Inland vorhandenen Bestände der für das Durchhalten der Bevölkerung und der Kriegführung wichtigsten Nahrungsmittel und Rohstoffe zu gewinnen, die Erzeugungsmöglichkeiten dieser Stoffe oder geeigneter Ersatzstoffe nach Möglichkeit zu fördern, ihren Verbrauch zu kontrollieren und zu rationieren und auf die Preisbildung der für den Lebensunterhalt der Bevölkerung wesentlichen Waren einen Einfluß zu gewinnen. Das bedeutete nicht nur eine den besonderen Verhältnissen und Bedürfnissen anzupassende Umstellung der wirtschaftlichen Tätigkeit, sondern eine Neuorganisation unserer Wirtschaftsverfassung im Sinne des Überganges von dem individualistischen System der freien wirtschaftlichen Betätigung und Initiative, das sich in der hinter uns liegenden Friedenszeit von selbst reguliert hatte, zu dem Versuch einer einheitlichen und planmäßigen Leitung der Gütererzeugung und Güterverteilung.

Die Aufgabe war ihrer Art nach völlig neu. Es gab keine Möglichkeit, sich an bereits erprobte Vorbilder und Methoden anzulehnen; alles mußte gewissermaßen aus dem Nichts heraus geschaffen werden.

Die Aufgabe wurde auch keineswegs in ihrem Umfange von Anfang an erkannt. Ich glaube, es gibt niemanden in Deutschland, der von sich sagen kann, er habe von Anfang an mit einem so langen Kriege und einer so strengen, sich im Laufe des Krieges immer mehr verschärfenden Abschnürung Deutschlands von auswärtigen Zufuhren gerechnet. Die Ansicht, daß ein moderner Krieg nur von kurzer Dauer sein könne, wog in militärischen wie in wirtschaftlichen Kreisen vor. Dafür sprach die furchtbare Zerstörungskraft der modernen Kriegswaffen, die rasche entscheidende Schläge in Aussicht zu stellen schien; ferner die ungeheuerliche Entziehung von Arbeitskräften durch die auf der allgemeinen Dienstpflicht beruhenden Volksheere, eine Entziehung, die in ihrer Wirkung auf die Volkswirtschaft mit einem Generalstreik verglichen worden ist; dann die alle Summen, mit denen Finanzleute und Volkswirtschaftler bisher zu rechnen gewohnt waren, weit hinter sich lassenden Kosten; schließlich die Spekulation auf die menschliche Vernunft, die es nicht zulassen werde, daß die Völker Europas bis zur letzten Erschöpfung ihrer physischen und moralischen Kräfte, bis zur letzten Zerstörung ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Werte sich gegenseitig vernichten würden.

Gerade von sehr maßgebender militärischer Stelle habe ich, während der Krieg bereits im Gange war, wiederholt die Meinung vertreten hören, daß das Kriegsende in nicht allzu ferner Zeit zu erwarten sei. Als ich im Monat November 1914 im Großen Hauptquartier zu Charleville im Einverständnis mit dem Auswärtigen Amt den Vorschlag machte, im Interesse unserer Kriegführung im Orient — die Türkei war in den letzten Oktobertagen an unserer Seite in den Krieg eingetreten — die an der Verbindung mit Syrien und Mesopotamien noch fehlenden Gebirgsstrecken der Bagdadbahn im Taurus und Amanus alsbald mit allen Mitteln auszubauen, erhielt ich die Antwort: Da die Fertigstellung dieser Strecken erst nach Jahr und Tag zu erwarten sei, liege kein militärisches Interesse an dem Projekte vor. Die Möglichkeit, daß wir uns Ende 1915 noch im Kriege befinden könnten, wurde nach den Eindrücken, die ich damals empfangen habe, überhaupt nicht ernstlich in Betracht gezogen. Einer ähnlichen optimistischen Auffassung begegnete ich noch im April 1915, als ich als Reichsschatzsekretär im Großen Hauptquartier weilte. Man setzte damals große Hoffnungen auf gewisse gerade eingeleitete militärische Operationen, und ich hörte die Hoffnung aussprechen, daß, wenn alles gut gehe, der Krieg in wenigen Monaten zu Ende sein könne.

Ebensowenig wie mit einem mehr als vierjährigen Krieg hat man die Nachhaltigkeit und Wirksamkeit unserer Absperrung vom Ausland vorausgesehen. Auch wer England jede Art von Völkerrechtsbruch, namentlich in der Seekriegführung, zutraute, hat in den Anfängen des Krieges noch hoffen können, daß die Maschen des Wirtschaftskrieges weit genug bleiben würden, um uns zu gestatten, auf dem Weg über die uns benachbarten Neutralen uns wichtige Zufuhren zu verschaffen. Das Selbstinteresse der Neutralen, namentlich der Vereinigten Staaten, erschien als ein Faktor, der in unsere Rechnung eingestellt werden konnte. In der Tat hat in den ersten Kriegsmonaten England auf dieses Selbstinteresse Amerikas einige Rücksicht genommen. Noch in einer Note vom 7. Januar 1915, mit der die britische Regierung eine Beschwerde der Regierung der Vereinigten Staaten beantwortete, betonte die britische Regierung, sie habe z. B. Baumwolle nicht auf die Konterbandeliste gesetzt und bei jeder Gelegenheit ihre Absicht festgestellt, bei dieser Praxis zu bleiben. In der Tat ist Baumwolle erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1915 von der britischen Regierung als Konterbande erklärt worden.