Diesem Programm trat auch die nationalliberale Reichstagsfraktion nachträglich bei und gewann damit wieder ihren zeitweilig unterbrochenen Anschluß an die „Mehrheitsparteien“. Abseits standen die Konservativen und die Deutsche Fraktion auf der Rechten, die Unabhängigen Sozialdemokraten auf der Linken und schließlich die polnische Fraktion, die sich in Erwartung der kommenden Dinge alles vorbehielt.
Die Bildung der neuen Regierung aus der Initiative und nach dem Willen der Reichstagsmehrheit und der Inhalt des zwischen Reichsregierung und Mehrheitsparteien festgelegten Programms sind als eine „unblutige Revolution“ bezeichnet worden. Der Umschwung war in der Tat gewaltig: die Krone hatte auf die Ausübung ihrer wichtigsten politischen Befugnisse zu Händen der Parlamentsmehrheit verzichtet. Eine „Revolution“ war der Umschwung zwar nicht; denn er hielt sich noch in den Bahnen des Gesetzes. Aber er war das unmittelbare Vorspiel zur wirklichen Revolution; denn er brachte Männer an die Spitze der Reichsgeschäfte, von denen ein ernstlicher Widerstand gegen den drohenden Aufruhr und Umsturz nicht zu erwarten war.
Das Ersuchen um Waffenstillstand und Frieden
Für den deutschen Patrioten trat jedoch dieser gewaltige Umschwung im Innern, so bedeutungsvoll und folgenschwer er sich darstellte, noch zurück hinter der alles überschattenden Schicksalsfrage: Wie sichern wir in der furchtbaren Zwangslage, in die wir durch die militärischen Ereignisse gebracht worden sind, annehmbare Bedingungen für Waffenstillstand und Frieden?
Ich kam am 1. Oktober von einer kurzen Reise nach Berlin zurück. Was ich am Vormittag im Auswärtigen Amt, am Nachmittag vom Grafen Roedern über die militärische und politische Lage und über die im Werden begriffenen Entschlüsse hörte, erschütterte mich auf das tiefste. Die Darstellung ging dahin, daß wir nach den Erklärungen der Obersten Heeresleitung auf dem westlichen Kriegsschauplatz vor einer Katastrophe stünden, daß jeder Augenblick den Durchbruch des Feindes und die völlige Zertrümmerung unseres Heeres bringen könne. Unter diesen Umständen bleibe nur das von Ludendorff ungestüm verlangte sofortige Ersuchen um Waffenstillstand. Der Zusammenbruch im Innern könne nur durch die sofortige und völlige Demokratisierung unserer staatlichen Einrichtungen verhindert werden. Um auf dem sichersten und raschesten Wege den Waffenstillstand herbeizuführen, sei ein Schritt bei dem Präsidenten Wilson geplant, der unter grundsätzlicher Annahme der 14 Programmpunkte seiner Rede vom 8. Januar 1918 um seine Vermittlung gebeten werden solle.
Alles in mir lehnte sich gegen den Gedanken auf, daß Hindenburg und Ludendorff mit ihrem Stab es dahin hätten kommen lassen können, daß wir jetzt unter dem Druck eines unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruchs zum Ersuchen um sofortigen Waffenstillstand, das unter diesen Verhältnissen nur die Einleitung zur schmählichsten Kapitulation sein konnte, gezwungen sein sollten. Ich verwies auf Ludendorffs heftiges Temperament, dem er starken und mitunter übertreibenden Ausdruck zu geben liebe. Ich beschwor meine Freunde, dahin zu wirken, daß nicht unter einem vielleicht falschen Eindruck, wie ihn Ludendorffs Art bei Leuten, die ihn nicht genau kannten, leicht hervorrufen könne, in einer Panikstimmung Entschlüsse gefaßt würden, die das Verderben unentrinnbar machten. Wenn aber Ludendorff es wirklich habe dahin kommen lassen, daß wir jetzt mit dem Rücken am Abgrund um sofortigen Waffenstillstand betteln müßten, dann habe er einen solchen Mangel an Augenmaß gezeigt, daß auch sein Urteil über die jetzige Situation nicht maßgebend sein könne für die schwersten Entschlüsse, die je von der Reichspolitik zu fassen waren; dann müßten sofort und vor allem weiteren die Armeeführer darüber gehört werden, wie sie die Möglichkeit einer weiteren schrittweisen Verteidigung während der für die Verhandlungen nötigen Zeit beurteilten.
Auch heute noch bin ich der Meinung, daß eine Politik, die uns vor dem Schlimmsten bewahrt hätte, damals noch möglich gewesen wäre. Der Feldmarschall von Hindenburg hat sich nach den Mitteilungen des Obersten Bauer — was das Weißbuch vom 31. Juli 1919 nicht erwähnt — bei den am 3. Oktober 1918 in Berlin stattgehabten Beratungen dahin ausgesprochen: „Gegenwärtig steht das deutsche Heer fest. Gezwungen wird es von Abschnitt zu Abschnitt, sich zäh an den feindlichen Boden klammernd, ausweichen. Die Dauer solcher Rückwärtsbewegungen ist nicht genau vorher zu bestimmen. Man kann aber hoffen, daß sie bis zum nächsten Frühjahr deutsches Gebiet schützen werden.“ Gleichwohl blieb auch der Feldmarschall auf der Forderung der „sofortigen Herausgabe eines Friedensangebotes“ bestehen; es sei keine Aussicht mehr, den Feinden den Frieden aufzuzwingen; die Lage verschärfe sich täglich und könne die Oberste Heeresleitung zu schwerwiegenden Beschlüssen zwingen; unter diesen Umständen sei es geboten, den Kampf abzubrechen, um dem deutschen Volke nutzlose Opfer zu ersparen; jeder versäumte Tag koste Tausenden von tapferen Soldaten das Leben. —
Vor allem warnte ich vor der Anrufung der Vermittlung des Präsidenten Wilson. Ich konnte diesem Manne nach allen bisher mit ihm gemachten Erfahrungen nicht das für eine solche Rolle erforderliche Maß von Unvoreingenommenheit und gutem Willen zutrauen; die 14 Punkte bedeuteten zudem für uns die sofortige Opferung Elsaß-Lothringens und unserer Ostmarken, ohne daß diese Opfer wirksam zugunsten eines sofortigen Waffenstillstandes oder Friedensschlusses ins Spiel gesetzt wurden. Im Gegenteil, die geplante Form des Ersuchens an Wilson mußte notwendigerweise Rückfragen bei uns und Rückfragen bei den Ententestaaten veranlassen und so gerade das Ziel, das die Oberste Heeresleitung anscheinend in allererster Linie erstrebte, den Abschluß eines Waffenstillstandes in den allernächsten Tagen, vereiteln. Wenn die Lage tatsächlich so aussichtslos sei, daß sie schmerzliche Opfer von uns erfordere, z. B. Zugeständnisse in bezug auf Elsaß-Lothringen, so müsse ich es für den einzig richtigen Weg halten, diese Opfer unmittelbar gegenüber den an erster Stelle interessierten Kriegführenden möglichst wirksam ins Spiel zu setzen; das habe allerdings zur Voraussetzung, daß hinter das Angebot solcher Zugeständnisse von vornherein die unbeugsame Entschlossenheit gestellt werde, nötigenfalls auf jede Gefahr hin weiterzukämpfen und unsere Feinde für alles, was sie über unsere Zugeständnisse hinaus von uns erkämpfen wollten, einen Preis von Blut und Trümmern zahlen zu lassen, dessen Höhe ihren Völkern die Augen öffnen müsse.
In der Nacht zum 4. Oktober ließ der neue Reichskanzler an die Schweizer Regierung folgende Note zur Übermittlung an die Regierung der Vereinigten Staaten abgehen: